Full text: Hessenland (7.1893)

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offenbar nicht hineinfinden, daß die Ausübung 
dieser christlichen Pflicht überflüssig geworden war. 
„Ich muß doch gleich zur Frau Pfarrer ¡"sagte 
Frau Rührig und Sie Fran Apotheker schloß sich 
ihr an, während der Hausherr gedankenvoll seine 
Schritte zum „Hirschen" lenkte. 
Fritz war mit feiner Frau auch wirklich zu 
Hause angekommen und von Mutter und 
Schwestern herzlich bewillkommnet worden. Wie 
bebte die Mutter vor Hochgefühl, als der Sohn 
in ihren Armen lag und weinend um die Ver 
zeihung bat, die ihm längst geworden war! Und 
wie rasch hatten die Schwestern die schöne 
Schwägerin in's Herz geschlossen! 
Und nun trat Fritz in das Zimmer seines 
Vaters. Als er ihm Auge in Auge gegenüber 
stand und ihm so recht herzlich bat, ihm zu ver 
geben, da blickte der Alte wohl finster zu Seite 
und sprach kein Wort; aber nun öffnete sich die 
Thür und die junge schöne Schwiegertochter trat 
herein und warf sich dem alten Mann an die 
Brust und weinte und lachte und küßte Herrn 
Krughöfer sen. trotz seines stachlichen Stoppel 
bartes von Herzen ab, so daß er ganz weich 
ward und dem ungerathenen Sohne die Hand 
reichte. Und jetzt sah er auch mit Stauneu den 
Orden auf Fritzens Brust und sagte: 
„Ein wirklicher Orden!" 
„Ja Vater!" lachte Fritz, „für meine künst 
lerischen Leistungen, die, wie Du siehst, auch 
vom Staat gewürdigt werden. Und Professor 
bin ich seit einigen Wochen auch geworden." 
Kopfschüttelnd hörte Krughöfer sen. zu: er 
wußte nicht recht, was er zu all dem sagen 
sollte. Die fchöne Schwiegertochter hatte sich 
indeß richtig in sein Herz geschmeichelt und als 
sie ihm von Fritzens Erfolgen und von ihrem 
Leben in der Großstadt erzählte, da fing er an, 
mit den Dingen, die nun einmal nicht ungeschehen 
zu machen waren, sich zu befreunden. Indeß 
hatte die Mutter sich losgerissen, um ihren 
Pflichten als Hausfrau gerecht zu werden. In 
fliegender Eile war ein Tisch gedeckt und ein 
Vesper hergerichtet worden, das der Küche und 
dem Keller des Bürgermeisterhauses alle Ehre 
machte. 
„Nun kommt Kinder, zum Essen!" rief sie 
glückstrahlend. 
„Und ich will nicht stören," sagte der Doktor, 
der während der ganzen Zeit schweigend am 
Fenster gestanden hatte, und wollte sich entfernen. 
„Das geht aber nicht, Sie müsfen bleiben!" 
rief Fritz und der Bürgermeister verstand sich 
auch dazu, ihn zum Dableiben zu nöthigen. 
Und er blieb und Alle waren fröhlich und guter 
Dinge und freuten sich dieses kaum gehofften 
Wiedersehens. Am lustigsten aber war der 
Doktor, der immer und immer wieder auf den 
„Taugenichts" toastete und erst diesen, dann 
feine Frau und schließlich die ganze Familie 
umarmte und küßte. 
In Glimpfingen war im Verlaufe einer halben 
Stunde Alles bekannt und der Macht der That 
sachen beugten sich die Glimpfinger. Die Einen 
fingen an, wirkliche Hochachtung vor dem be 
rühmten Sohne ihrer «Stadt zu empfinden, die 
Anderen schwiegen wenigstens über das, was sie 
dachten, und nur der Herr Pfarrer machte, als 
er mit seiner Ehefrau an dem Hause des Bürger 
meisters vorüberging, aus dessen geöffneten 
Fenstern Jubel und Gläserklirren klang, die 
Bemerkung: „Es ist der verlorene Sohn, dem 
zu Ehren sie ein Kalb geschlachtet haben." 
Thränen. / 
Es war mein Herz verschüttet 
Von grauem Erdenstaub, 
Draus sah kein buntes Blümchen, 
Kein Blättlein grünes Laub. 
Da hat ein still Erinnern 
Die Thränen mir geweckt, 
Und plötzlich war mein Garten 
Von Blüthen überdeckt. 
Die Thräne spendet Segen 
Nach herbem Schicksalsraub, 
Es wäscht der Himmelsregen 
Vom Herzen Erdenstaub. 
H. Mentzel. 
Den Konfirmandinnen in's Album. 
(Terzinen.) 
Es brausen linde Stürme durch die Auen, 
Hell strahlt die Sonn' und warm vom Firmament, 
Der Erde Schnee und Frost hinwegzuthauen. 
Sie scheint auch euch in's Herz, und ihr erkennt 
Ein Stürmen und ein drängend Sehnen drinnen, 
Nicht wissend, wie ihr es mit Namen nennt. 
Und rings umher in der Natur beginnen 
Sich grünend zu beleben Wies' und Flur, 
Und Blümlein spiegeln sich, wo Bäche rinnen. 
Ihr schaut allüberall der Gottheit Spur, 
Von deren Lieb' das ganze Weltall lebet. 
In dem ihr selber kleine Pünktchen nur.
	        

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