Full text: Hessenland (7.1893)

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Geister einen erheblichen Antheil an der schreck 
lichen Geschichte habe. 
Indessen kam der Herr Rektor zurück und 
konnte aus bester Quelle und im Vertrauen auf 
die Schweigsamkeit der Damen mittheilen, daß 
der Bürgermeister thatsächlich einen heftigen Zu 
sammenstoß mit seinem Sohne gehabt habe und 
daß beide in hellem Unfrieden geschieden seien. 
Fritz habe sich hartnäckig geweigert, von seinen 
Malereien zu lassen und da habe der Vater das 
Tischtuch zwischen sich und dem Sohne zerschnitten. 
Wozu die Frau Gutsbesitzer Röhrig bemerkte, 
das letztere hätte er nicht nöthig gehabt und so 
etwas würde sie sich als Hausfrau entschieden 
verbitten. 
Da war leider nicht mehr zu helfen. Die 
Frau Pfarrer besann sich wiederum auf ein 
Bibelwort, das eine entsprechende Tröstung ent 
halten sollte und war ärgerlich, als ihr die Frau 
Amtsrichter mit einem weltlichen Sprüchlein zu 
vorkam und „Wer nie sein Brod mit Thränen 
aß" vortrug. 
„Es thut mir doch schrecklich leid," sagte die 
Frau Rektor, „um die Bürgermeisters; so etwas 
erleben zu müssen, wenn man seine Elternpflicht 
erfüllt hat." 
„Ja, ja, wenn man das gethan hat," betonte 
die Frau Apotheker. 
„Meinen Sie, daß . . .?" fragte die Frau 
Amtsrichter. 
„Du lieber Gott," fiel die Frau Pfarrer ein, 
die endlich im richtigen Fahrwasser war, „wir 
sind allzumal Sünder und ermangeln des Ruhms, 
den wir haben sollen." 
„Aber ich bitte Sie, meine Damen, ich be 
greife nicht —" wendete die Frau Rektor ein. 
„Sie werden noch begreifen, Liebste, sagte die 
Frau Apotheker, sich erhebend. „Aber wir 
müssen wohl aufbrechen, meine Damen, wir 
kommen sonst in's Schwatzen." 
Diese letztere Möglichkeit erschien offenbar 
sämmtlichen Damen außerordentlich schrecklich, 
denn alle standen auf, hüllten sich in ihre Mäntel 
und nahmen Abschied von der Gastgeberin. 
„Im Vertrauen, Frau Amtsrichter," zischelte 
die Frau Oberkontroleur, „wenn es nun mit 
dem Taugenichts bald zum Krache kommt, was 
dann?" 
„Was dann? O dann setzt er sich uns hier 
auf die Nase." 
„Du lieber Himmel, welche Aussichten! Die 
armen Eltern!" 
Man drückte sich nochmals freundschaftlichst 
die Hände und die Gäste verließen das Haus. 
Die Apothekerin und die Frau Gutsbesitzerin 
Röhrig gingen desselben Weges, denn sie wohnten 
in einer Straße. 
„Das wäre unangenehm," sagte Erstere, „wenn 
der Taugenichts sich hier niederließe." 
„Wahrhaftig ja! Und verhungern lassen kann 
man ihn doch auch nicht. Ich habe schon — 
sagen Sie's aber nicht weiter — daran gedacht, 
ob er nicht unser Gartenhaus neu malen könnte." 
„Sie sind eine Seele von einer Frau!" sagte 
die Apothekerin voller Bewunderung.,, Nun, 
wir werden ja sehen. Aber gewissenlos ist es 
auf alle Fälle von dem Menschen. Denken Sie 
nur, wenn er sich verheirathet! Ohne Mittel — 
ohne Aussichten." 
„Ach ja, die arme Frau!" 
„Gewiß und erst die armen Kinderchen!" 
„Gute Nacht, Frau Nachbarin, ich werde diese 
Nacht schwere Träume haben." 
„Gute Nacht, ich mache kein Auge zu." 
Am nächsten Sonntage predigte der Herr- 
Pfarrer über das Bibelwort: „Kommt her zu 
mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid," 
und alle Leute sahen auf den Herrn Bürger 
meister und die Frau Bürgermeisterin und ihre 
Töchter, und der weibliche Theil der Familie 
Krughöser fing an zu weineu, Herr Krughöfer 
aber warf dem geistlichen Herrn einen sehr un 
christlichen Blick zu und sagte draußen: „Der 
Pfaff blamirt uns, wo wir es gar nicht mehr 
nöthig haben." Und voller Wuth schritt er 
durch die Leute, die ihn theilnehmend ansahen, 
seiner Wohnung zu. „Sieh' Frau," knirschte 
er, „selbst dieser elende Schneider Zwickler be 
mitleidet uns!" Und er fuhr den ehrsamen Meister, 
der zum Fenster herausguckte und seine Sonn 
tagscigarre dampfte, barsch an: „Zwickler, komm' 
er morgen, wir wollen abrechnen." 
Der Schneider aber, im Grund eine weiche 
gutmüthige Natur, sagte, respektvoll den Glimm 
stengel aus dem Munde nehmend: „Gott be 
wahre mich, Herr Bürgermeister, wo werde ich 
in diesen Zeitumständen Geld von Sie nehmen! 
Ich hab' keine Eile und Sie können's jetzt ge 
wiß brauchen." Und damit, gleichsam als 
fürchte er, der Bürgernieister könne am Ende 
die Rechnung durch's Fenster begleichen, machte 
er dieses zu und überhörte so den Fluch, den 
Krughöfer ihm nachsandte. 
In solcher und ähnlicher Weise bezeigten die 
Glimpfinger ihre Antheilnahme an dem Schick 
sale ihres Stadtoberhauptes. 
Die Zeit vergeht. Seitdem Fritz dein elter 
lichen Hause den Rücken gewandt hat, ist ein 
halbes Dutzend Jahre verflossen. Der Tauge 
nichts hat sich daheim nicht wieder sehen lassen. 
Aber er hat doch Eingang in das Elternhaus 
gefunden, denn er hat sehr fleißig nach Haus 
geschrieben und schließlich Verzeihung erlangt. 
Seine Mutter und seine Schwestern haben sich
	        

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