Full text: Hessenland (7.1893)

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die Rose zu entblättern, es zieht das Seelenleben 
eines Frauenherzens an uns vorüber, das nicht 
dichterisch, in breiten epischen Gängen, nur geschil 
dert wird, nein, ein Leben, das uns aus dem Herzen 
der Heldin selbst lebendig entgegen quillt; 
ein Leben, das in der Kirche angesichts der jähen 
Zerstörung seiner einzigen, aber felsenfesten Hoff 
nung, zusammenbricht, und in dem es der armen 
Fides nur beschieden ist, dem wiedergefundenen 
Geliebten an jener Waldstelle die Augen zuzu 
drücken, an der sie, bei der ersten Begegnung 
mit ihm, von sich sagte: 
So kehrt die wilde Rose ihr Gesicht 
Dem Sonnenstrahl entgegen, der den Thau 
Von ihren Blättern küßt. 
Die Sprache dieser Dichtung ist durchweg eine 
edele, die Behandlung der Form eine tadellose. 
Wenn ich dennoch etwas ausstellen soll, so möchte 
ich sagen: das Lied Hartmut's auf Seite 27—29 
ist zu lang; der Strophenbau gestattet nicht, einen 
Satz aus der vorhergehenden in der nachstehenden 
Strophe zu beenden, und auf Seite 102 würde ich das 
ganze Gedicht mit einer Sentenz abgeschlossen 
haben, nicht mit dem störenden neunstrophigen 
Briefauszug. 
Und nun schließlich zum Grunde, warum ich 
mich bei dieser Fides so lange aufgehalten habe. 
Sich heute im deutscheu Dichterwalde auszukennen, 
in dem die Raben Amsel- und Drosselschlag über 
schreien, das ist selbst einem Schriftsteller nicht 
mehr möglich. Ich gestehe also offen, daß mir 
der Name Weidenmüller noch fremd war. Erst 
diese Dichtung veranlaßte mich, einer Lücke in 
Kürschner's neuestem Litteraturkalender nach 
zuhelfen und da höre ich denn von der Redaktion 
unseres „Hessenlandes", daß Fides von einer 
Dame geschrieben wurde und überdies von 
einer Landsmännin, Fräulein Anna Weiden 
müller in Kassel. Da konnte ich natürlich 
nicht widerstehen, dieser herrlichen Arbeit etwas 
mehr mit ans den Weg zu geben, als eine ein 
fache Bücheranzeige. 
Frisch auf, mein Fräulein, zu weiterem Schaffen! 
Auf solche Dichtungen, auf solche Liedesklänge 
aus dem chattischen Revier des deutschen Dichter 
waldes, kann unsere hessische Heimath stolz sein, 
von der Sie ja dieselben Gefühle zu haben scheinen, 
wje sie ein anderer hessischer Dichter in den 
Worten aussprach: 
Selbst unter Cedern und am Mecressaum 
Hab' ich geträumt den einen heil'gen Traum: 
Zu sterben noch in meinem schönen Heffen. 
laugenichts. 
Line Kleinstädtische Geschichte. Von D- Kgul. 
(Schluß., 
ben hatte die Frau Amtsrichter einige Andeu 
tungen über die Nachtseiten des Malerlebens, 
so z. B. das Modellwesen, zum Besten zu geben 
begonnen, als mit allen Zeichen der Aufregung 
die Frau Apotheker, die schon lange erwartet 
worden war, herein stürzte: „Der Bürgermeister 
ist zurück, er hat den Taugenichts nicht mitge 
bracht! Es hat fürchterliche Auftritte gegeben, 
der Sohn soll aus den Vater geschossen haben. 
Nun kommt der Mensch auch noch in's Zucht 
haus!" Nach diesen Worten sank die Ueber- 
bringerin der Hiobspost in einen Sessel und 
setzte dann ganz erschöpft, gewissermaßen als 
Beglaubigung, hinzu: „Ich weiß es von unserer 
Trine, die hat es von der Frau Oberlontroleur 
ihrer Life, und der hat's direkt Bürgermeisters 
Minchen gesagt." 
Der Schreck macht die Menschen nicht selten 
sprachlos; im Glimpfinger Damenkränzchen trat 
dieser Fall indessen erfreulicher Weise nicht ein, 
vielmehr stürmten alle Anwesenden auf die An 
gekommene mit Fragen ein und wollten Näheres 
über das Vorgefallene erfahren; allein aus der 
Frau Apotheker war vorläufig nichts herauszu 
bringen, zumal sie selber nicht mehr wußte. 
Die Frau Oberkontroleur meinte, sie kenne 
Apothekers Trine und Bürgermeisters Mine 
nicht, was aber ihre eigene Life anbelange, so 
besitze diese eine ausschweifende Phantasie und 
schwärme für gruselige Mord- und Räuberge 
schichten. Diese Bemerkung wirkte beruhigend, 
zumal die Frau Apotheker jetzt hinzusetzte, daß 
ihre Trine etwas furchtsamer Natur sei und 
zum Beispiel nie in den Keller ohne die Be 
gleitung des Hausknechts gehe. Und da die 
Frau Pfarrer mittheilen konnte, daß Bürger 
meisters Minchen an Hallucinationen leide und 
bisweilen an Herrn Krughöfer's Cognac nasche, 
gewann man allmählich die Ueberzeugung, daß 
die vereinigte Einbildungskraft der dienstbaren
	        

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