Full text: Hessenland (7.1893)

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regierenden Grafen Philipp Reinhart um 
Weiterverleihung der alten Freiheiten ein und 
begründete ihr Ansuchen folgendermaßen: 
„Ewer hochgräffl. Gnaden habe ich hiermit 
vntertänigst zue Verstehen geben wollen, daß 
zwar bey diesen sehr betrübten und gefährlichen 
Kriegszeiten") ich die bishero geübte Porcellaine 
Backung darumb gäntzlich einstellen wollen, 
dieweilen nicht nur allein ein mehreres auß- 
geben, alß aber einnehmen kan, indem sich 
fast keine Kaustleute einfinden, einfolglich an 
statt einer verhassten täglichen Nahrung mehr 
verzehren alß erwerben kann. Nachdemmahlen 
is) Hiermit ist der sog. dritte Raubkrieg (1688 
—97) Ludwigs XIV. gemeint, in welchem die Franzosen 
zunächst Mainz, Trier und Bonn besetzten und von da aus 
die Nachbarschaft brandschatzten, dann die berüchtigte Ver 
wüstung der Pfalz vornahmen, wobei Heidelberg. Mannheim, 
Speyer, Worms und viele kleine Ortschaften verbrannt und 
geplündert wurde». 
aber hochgebohrner Grafs, gnädigster Herr, 
diejenige arbeitsleuthe, welche sich in meinem 
Hauß befinden, mich fast täglich überlauffen 
vnd umb arbeit bitten, dabey heftig lamentiren, 
daß, wenn sie in meinem Hauß nicht mehr 
arbeiten sollen, sie nicht oaxabol anderwärts ihr 
Brodt zu verdienen, weniger der Obrigkeit ihren 
schuldigen tribut zu geben vndt dann ihrer ein 
Theil albereit Soldaten worden, andre aber 
außländische Nahrung suchen, so habe mich 
endlich, daß wenn nach inhalt vormahls er 
theilter Privilegien, solches wiederumb erhalten 
kan, das Werk in Gottes nahmen fortzuführen, 
resolviret." 
Ame 5. Nov. 1689 wurde beschlossen, der 
„Balysch n Wittib das privilegium in der 
Poreellaine-Backung auf 10 Jahr uochmalen zil 
eoallrrairen." 
(Fortsetzung folgt.) 
♦ 
Ein Essay aus dem Dichkerwalöe von Karl Dieser. 
geht die Klage durch die Welt, daß Ge 
dichte in unserer realistischen Zeit nicht mehr 
gekauft würden. Und wäre dies im all 
gemeinen zutreffend, so wäre es bedauerlich, denn 
ein Volk, das der Poesie abstirbt, ist selbst im 
Absterben begriffen, was man von dem deutschen 
Volke doch nicht sagen kann. 
Gleichwohl ist die Klage in einer gewissen Be 
ziehung nicht ohne Grund, insofern nämlich eine 
begreifliche Scheu besteht, für gutes Geld schlechte 
Verse einzutauschen, oder zur Erkenntniß zu 
kommen, daß gar Viele ohne inneres Bedürfniß 
schreiben und daher aller Erhebung entbehren. 
Daraus folgt jedoch noch keine Vernachlässigung 
der deutschen Dichtung seitens des deutschen Volkes, 
und noch weniger spielt dabei die realistische Zeit 
eine Rolle. Vielmehr scheint mir die Uebervölkerung 
des deutschen Dichterwaldes jene Scheu hervor 
zurufen, und wer will es auch läugnen, daß, 
trotz aller hochgesteigerteu Forderungen an Form 
und Inhalt, uns heute mehr als je Lieder aus 
diesem Dichterwalde entgegen schallen, die kaum 
etwas Anderes sind, als dürre, gereimte, Prosa. 
In einer Zeit freilich, wo die Unterhaltungs 
blätter ihre Preis-Räthsel-Lösungen in „poetischer 
Form" verlangen, müssen ja die sogenannten Dichter 
geradezu gezüchtet werden, gezüchtet, wie die 
Früchte in einer Treiberei. Das ist eine Entwür 
digung der Kunst, und gleichzeitig ein so folgen 
schwerer Angriff auf den guten Geschmack, daß 
von einem solchen nur noch bei ganz Auserwählten 
die Rede sein kann. Mit einem Worte: wer 
heute seine Alltagsgedanken in gebundener Sprache 
auszudrücken vermag, der geht unter die Dichter, 
und so wird jene ganz natürliche Kälte hervor 
gerufen, die sich der Dichtung gegenüber fühlbar 
macht. Der realistische Zug der Zeit hat hiermit 
nichts zu schaffen. Im Gegentheil, gerade nach 
der Seite der Dichtkunst liegt in diesem Zuge ein 
Etwas, das man nicht schlechtweg verdammen 
soll, denn es erzeugt eine Regsamkeit der Geister, 
die hier das Wasser von dem Weine, dort die 
Schlacke von dem Golde scheidet und die allein 
uns befähigt, alles über Bord zu werfen, was 
uns nicht als selbstbewußte, kraftvolle und eigen 
artige Dichtung entgegentritt. Ich möchte aller 
dings ohne Ideale nicht leben, aber ich bin auch 
nicht fühllos gegen die gesunde Reaktion, die der 
moderne Realismus anbahnte. Thorheit ist es, 
vornehm darüber hinaus zu gehen, oder gar das 
Kind mit dem Bade auszuschütten, weil die Be 
wegung auch einige Ausgeburten zeitigte! Hat 
denn etwa jemals die echte Kunst eine andere 
Grundlage gehabt als den Realismus? Dringt 
etwas in das Volksbewußtsein, das nicht die 
wahrhaftigste Naturbetrachtung zur Voraussetzung
	        

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