Full text: Hessenland (7.1893)

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Wackenbergs, durch einen Schuß von dem Kirchthurm 
aus, in die linke Schulter getroffen, wodurch er 
kampfunfähig wurde und das Kommando seiner 
Truppen an den General de Choissy abgeben mußte. 
Die Ehre dieses Schusses, welcher mit einem Doppel 
haken auf eine Entfernung von ungefähr 300 Schritte 
geschah, gebührte dem Bürger und Drechslermeister 
Johannes Kreisch von St. Goar, welcher den 
General Tallard an seinem großen Federhut erkannte 
und deshalb auf's Korn nahm. Der Landgraf Karl 
von Hessen-Kassel ernannte nach der Belagerung den 
wackeren Schützen zum Hauptmann der städtischen 
Schützen-Kompagnie und bestimmte einen Fonds, 
damit die dortige Schützengesellschaft zur bleibenden 
Erinnerung an diese That alljährlich ein Fest feiere, 
was noch bis zum siebenjährigen Kriege geschehen 
ist, im Jahre 1758 aber wegen der damaligen 
Anwesenheit der Franzosen unterbleiben mußte. Die 
Geschichte aber lebte im Munde des Volkes fort 
und des Namens des wackeren Schützen Kretsch 
wurde mit Achtung gedacht, solange noch in Rheinfels 
und St. Goar die Erinnerungen an die hessische 
Zeit wach blieben. Die Vertheidigung der Festung 
Rheinfels durch die Hessen unter ihrem tapferen, 
heldenmüthigen Kommandanten, dem Generalmajor 
Georg Sittig Ludwig von Schlitz, genannt 
von Görtz, der sich hier einen unvergänglichen 
Namen erworben hat, zählt zu den ruhmvollsten 
Thaten in der hessischen Kriegsgeschichte. In der 
Nacht vom 1. zum 2. Januar 1693 sahen sich 
die Franzosen zum Rückzüge genöthigt, nachdem sie 
noch die Festung vom Morgen bis zur anbrechenden 
Nacht mit ihren Geschützen vergeblich beschossen 
hatten. Es war eine merkwürdige Fügung des 
Schicksals, daß dies gerade an dem Tage geschah, 
für welchen ihr General, der Graf Tallard, seinem 
Könige Ludwig XIV. die Ueberlieferung der Schlüssel 
der Festung Rheinfels als Neujahrsgeschenk ver 
sprochen hatte, und eine recht gelungene satirische 
Anspielung bietet eine der silbernen Denkmünzen, 
welche Landgraf Karl zur Erinnerung an die ruhm 
volle Vertheidigung der Festung Nheinfels schlagen 
ließ, deren Vorderseite die Aufschrift trägt: 
„Ltrenae Gallicae, Rheinfels frustra 
obsenum liberatur die 2. Jan. 1693“. 
Von befreundeter Seite ist uns eine Abschrift 
des Glückwunschschreibens der Herzogin 
Marie von Sachsen-Meiningen an ihren 
Vater, den Kurfürsten Wilhelm II. von 
Hessen vom 23. Juli 1841, unter Verbürgung 
der Echtheit und mit der Bitte um Veröffentlichung 
in unserer Zeitschrift mitgetheilt worden. 
Wir kommen diesem Wunsche um so lieber nach, 
als auch aus diesem Briefe die treue kindliche Liebe 
der hochgesinnten edelmüthigen Fürstin zu ihrem 
Vater hervorleuchtet. Der Brief ist wenige Tage 
nach der morganatischen Verheirathung ihres Vaters 
mit der Gräfin Emilie von Reichenbach-Lessonitz, 
geborenen Ortlöpp aus Berlin, geschrieben, jener 
Frau, die so viel Unheil über unser Hessenland 
gebracht und so viel Zwist in der Familie unseres 
fürstlich hessischen Hauses verursacht hat. Das 
Schreiben lautet: 
„Mein lieber Papa. 
Es freute mich aus Deinem lieben Brief zu 
sehen, daß Du meiner innigen Theilnahme an 
Allem was Dich betrifft, versichert bist, gewiß Du 
hast Dich nicht in mir geirrt, denn auch bei 
Gelegenheit Deiner eben vollzogenen Verbindung 
mit der Frau Gräfin von Reichenbach-Lessonitz hege 
ich den aufrichtigen Wunsch, daß Dein Lebensglück, 
so wie Du es erwartest, dadurch erhöht werde. 
Gott erhalte Dich uns noch lange lange Jahre, 
bester Papa, dies wünsche ich für Alle, denen Du 
theuer bist und ganz insbesondere für Schwester 
Karoline und mich. Am Mittwoch den 28.*) werde 
ich Dir im Geiste recht nahe sein und von Gott 1 
langes Leben, Gesundheit und Zufriedenheit für 
Dich erflehen. 
Erlaube mir auch, Dir bei diesem Anlaß meinen 
tiefgefühltesten Dank für die liebevolle Weise aus 
zudrücken, mit welcher Du Dich unserer bei den 
traurigen Erbschaftsangelegenheiten annimmst, sie 
scheinen sich ja nun endlich ihrem Ende zu nähern, 
und ist diese Vorraussetzung gegründet, so wird mir 
an Deinem Geburtstage die Freude zu Theil werden, 
die geliebte Karoline wiederzusehen, und wir werden 
diesen uns so festlichen Tag dann vereint feiern. 
Mein Mann und George legen Dir ihre Glück 
wünsche zu Füßen, und verbleibe ich für immer, 
bester Papa 
Deine 
Allenstein, Dich innig liebende und 
den 23. Juli 1841. gehorsame Tochter Marie-. 
i 
Aus Heimach und Fremde. 
Am 1. März feierte der Geheime Hofrath Rosen- 
blath zu Kassel das Fest des 50jährigen Dienst 
jubiläums. Neben vielen anderen Ehrungen wurden 
dem verehrten, in weiten Kreisen bekannten und be 
liebten Beamten von einer großen Zahl von Männern, 
die theils früher mit ihm in amtlicher Beziehung 
standen, theils noch stehen, eine von dem Lehrer an 
der Kunstgewerbeschule dahier, Maler W. Behrens, 
meisterhaft ausgeführte und von Buchbindermeister 
Ritzmann mit einer ebenso reichen als gediegenen 
*1 Dem Geburtstage des Kurfürsten Wilhelm II., 
geboren 1777 zu Hanau. Anmerkung der Redaktton.
	        

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