Full text: Hessenland (7.1893)

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Ehr Dojediewe, kratzt Lnerschwo, 
Dr Mest die Kreimel, dos Könn ö Stroh, 
Ö alles — alles es ins! 
Die Däuwe rücke om Fürrerplatz 
Ö lasse die Gärscht sich do schmücke. — 
Do schwerrt es. — Spätzerche, Spatzin, Spatz, 
Die komme herver aus de Ecke 
£) johln ö kreische: Die Walt es schlächt. 
Ehr Däuwe greift jo i inser Rächt, 
Da alles — alles es ins! 
Die Ärwes wern i dos Beet gelejt. 
Schweng komme i mächtige Reihje 
Die Spatze flarrernd ö osfgerejt 
£ kreische: Ehr wollt ins betreihje. 
Doch ins Familie doldets net. 
Dos es ins Rächt ö ins Pflicht bis het, 5 ) 
Da alles — alles es ins! 
Im hohle Boom ö im Kenigsschloß, 
Im Kerchdorn hon see ehr Lojer, 6 )_ 
I Schörreschieseln noch düh see groß 
O hehnend zwelche see: Schwojer,') 
Drei Ecke, die hatt deng ahler Hüt. 
Mer setze dren, hä gefällt ins güt, 
Da alles — alles es ins! 
Do kracht dos Bolwer, es zescht dos Blei. 
Die Räiwer, die Spatze, die fleihje^) 
£> jamniern klählich: Es es vorbei. 
Doch sammeln mer, bos noch ze kreihje, 
Da kreische vo weihrem die Spatze schie: l0 ) 
Mer komme werre, verlange mich, 
Da alles — alles es ins! 
Kurt Muhn. 
J, uns; inser für unser ist neuer und wird seltener 
gebraucht. 2, Federnreich ", Hühnerfest 4 , keuchen ", heute 
«, Lager 7 , Schwager 8 , fliegen 9 , was noch zu kriegen 
10, schön. 
Aus alter und neuer Zeit. 
Philipp der Jüngere, Landgraf von 
Hessen zu Rheinfels. Nach dem Testamente 
des Landgrafen Philipp des Großmüthigen vom 
Jahre 1762 fiel nach dessen am 11 März 1567 
erfolgtem Tode die Niedergrafschaft Katzenelnbogen 
(das sog. blaue Ländchen) mit St. Goar und 
Rheinfels seinem dritten Sohne Philipp zu, mährend 
der älteste Sohn Wilhelm (der IV., der Weise), das 
Niederfürstenthum Hessen mit Kassel, der zweite, 
Ludwig, das Oberfürstenthüm Hessen mit Marburg 
und der jüngste, Georg, die Obergrafschaft Katzen 
elnbogen mit Darmstadt erhielten. Der Landgraf 
Philipp der Jüngere, mit welchem wir uns hier 
zunächst beschäftigen wollen*), wählte Rheinfels zu 
seiner Residenz, hielt daselbst einen glänzenden Hof 
und trug viel zum Wohlstände der Stadt bei. Er 
war äußerst gutmüthig und liebevoll gegen seine 
Unterthanen; ein großer Theil seiner Korrespondenz 
bestand in Briefen für seine Unterthanen an die 
benachbarten Fürsten zur Beförderung der Justiz in 
den vor ihren Gerichten anhängigen Prozessen. Sehr 
oft befaßte er sich mit der Schlichtung von Privat 
streitigkeiten unter den Bürgern St. Goars und behielt 
nach Herstellung des Friedens gewöhnlich beide Theile zu 
Tische bei sich. Nachdem er sich am 19. Januar 1569 mit 
Anna Elisabeth, Tochter des Kurfürsten Friedrich III. 
von der Pfalz, verheirathet hatte, fanden zu Rheinfels 
viele Feste statt; unter Anderem wurde am Tage 
nach der Hochzeit eine Komödie durch den Hofstaat 
aufgeführt, wozu sein Bruder, der Landgraf Wilhelm 
zu Kassel, Kleider und Harnische geliehen hatte; 
dieselbe Komödie wurde am 21. und 22. Januar 
auf Befehl des Landgrafen Philipp zur Ergötzlichkeit 
seiner guten Bürger von St. Goar wiederholt und 
jedem Bürger der Zutritt gestattet. Philipp war 
dagegen sehr dem Trünke ergeben — „man spricht 
vom vielen Trinken stets, doch nicht vom großen 
Durste" —, wodurch er sich auch die Wassersucht 
zuzog, an deren Folgen er frühzeitig, 42 Jahre 
alt, starb. Sein Vater, Philipp der Großmüthige, 
soll wegen der Vorliebe seines Sohnes für den 
Wein zu ihm gesagt haben: „Lips, du sollst 
St. Goar und Rheinfels haben, denn du trinkst 
gern." Seine Gemahlin scheint ihn ungeachtet 
dieser Untugend doch sehr geliebt zu haben, indem 
in ihren Briefen in der Anrede „Hochgeborner 
Fürst, freundlich herzlieber Herr und Gemahl", nie 
der Zusatz und „Herzensjchatz" fehlte. 
Landgraf Philipp der Jüngere stürzte sich durch 
seine allzugroße Freigebigkeit und die Bauten auf 
Rheinfels und Braubach, woselbst er die nach ihm 
benannte „Philippsburg" erbaute, in viele Schulden. 
Als er einstens seinen Bruder, den Landgrafen 
Wilhelm in Kassel, wieder um Geldvorschüsse anging, 
machte ihm dieser die eindringlichsten Vorstellungen 
gegen seine allzugroß ausländische Hofpracht und 
übelflüssige Dienerschaft, welche ihr Vater nicht 
gehalten, obschon er ganz Hessen besessen habe. In 
diesem, zur Charakteristik der damaligen Zeit, sehr- 
merkwürdigen Schreiben vom 4. März 1575 sagt 
Landgraf Wilhelm sodann unter Anderem: 
„Von uns unterstehet sich jedoch ein jeder einen 
großen ansehnlichen Hoff von Edell und Unedeln 
zu halten, sonderlich nehmen auch unser eines- 
theils die großen Scharhansen in den güldenen 
Ketten an Hoff, sambt Weib und Kinder, den 
muß man nichts versagen, sondern ihnen Küch 
*) Wir folgen hier der Schilderung Alexander 
Grebel's in seiner Geschichte der Stadt St. Goar.
	        

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