Full text: Hessenland (7.1893)

76 
Flasche mit altem Cognac stand. Mit zitternder 
Hand goß er ein halbes Wasserglas voll. Er 
liebte solchen Trank in ernsten Augenblicken, um 
sich den Kovf klar zu halten. Aber sein Haupt 
ward immer schwerer und wüster, je mehr Cognac 
aus der Flasche verschwand, und schließlich sank 
der Bürgermeister in einen Lehnstuhl, aus dem 
bald gewaltige Schnarchtöne erklangen. 
Am andern Morgen rumpelte Herr Krughöfer 
in der Postkutsche nach der sechs Stunden ent 
fernten Eisenbahnstation, die Seinen in Sorge 
und Betrübniß zurücklassend. Ein paar Tage 
darauf fand ein Kaffeekränzchen bei der Frau 
Rektorin statt. Es sei hier festgestellt, daß während 
jener ereignißvollen Tage die Kaffeegesellschaften 
in Glimpfingen sich ungewöhnlich rasch folgten, 
ein beredtes Zeugniß für den mitfühlenden Sinn 
der Glimpfingerinnen. 
Wenn ein geistiger Rapport der Seelen besteht, 
dann muß es an jenem Abend dem Taugenichts 
recht deutlich vor den Ohren geklungen haben, 
denn er allein hatte die Unterhaltungskosten zu 
decken. Daß seine That von allen Seiten auf's 
Schärfste verurtheilt wurde, läßt sich denken. 
-*-!* 
Erwachen • 
Der Winter ist endlich vergangen, 
Versunken, vergessen das Leid! 
Nun ist ein eitel Prangen 
Von Gold und Silbergeschmeid. 
Nun blitzen Milliarden Demanten 
Von Bäumen und Sträuchern und Gras, 
Es kehren aus tropischen Landen 
Die Vögel ohn' Unterlaß! 
Sie jauchzen und jubiliren 
Im kosenden Frühlingswind. 
Dem balde, trotz Sträuben und Zieren 
Die Knospen erschlossen sind! 
Nun erwachet auf breiten Geländen 
Vom Schlummer das prangende Grün, 
Es beginnen an allen Enden 
Unzählige Blumen zu blühn! 
Und es scheinet die Sonne wieder 
Jn's Menschenherze hinein, 
Und öffnet der holden Lieder 
So lange verschlossenen Schrein! 
Kugo Krederking. 
Am Äirrgthnrm. 
Weit über Berg und Thal hinaus 
Im schönen Hessenland 
Schaut eine alte Burg 
Von hohem Bergesrand. 
Nur die Frau Postmeisterin, die im Gerüche 
romantischer Liebhabereien stand, nahm sich seiner 
an, aber mit geringem Glücke. 
„Es ist und bleibt ein Verbrechen, seine Zukunft 
so leichtsinnig preiszugeben," betonte die Frau 
Amtsrichter. 
„Der Segen des Himmels kann auf diesem 
Werke nicht ruhen," sagte die Frau Pfarrer, 
Sie hätte gern einen Bibelspruch eingeflochten, 
deren sie eine ganze Anzahl auswendig wußte, 
aber sie hatte das Unglück, daß ihr fast nie 
die passenden einfielen. Immerhin war das ein 
moralisch-religiöser Satz, der allen denjenigen 
Damen, die nicht gerade Kaffee schlürften, ein 
Murmeln des Beifalls entlockte. Die Frau 
Oberkontroleur setzte hinzu, der Fritz habe schon 
als Kind so einen mürrischen und verstockten 
Gesichtsausdruck gehabt und die Frau Gemeinde 
rath Wollenweber hatte in Erfahrung gebracht, 
daß der Taugenichts in frühester Jugend Frösche 
„gepritscht" habe. War es da zu verwundern, 
daß er auf solche Abwege gerathen war? 
(Fortsetzung folgt.) 
Empor zum blauen Aether ragt 
Die Warte, trutzig kühn, 
Und an die feste Mauer schmiegt 
Der Wald sich duftig grün. 
Ein Märchenzaubcr überall 
Auf Söller. Thurm und Thor! 
Aus längst versunk'ner Ritterzeit 
Steigt Bild auf Bild empor. 
Ich möcht' zum Wartthurm stellen mich 
Und schau'n zum Firmament 
Und möcht', von sel'gem Reiz bestrickt, 
Da träumen ohne End'. 
Kkkehard. 
Alles — alles es in».') 
(Schwälmer Mundart.) 
Die Gaffejonge im Ferrerich, 2 ) 
Die Spatze seng lostige Jobber, 
Ö bos see zwelche es ewig glich. 
Die Strüße hiuoff ö hinobber 
Towt het bie immer dr Spatze Streiht: 
Mer all seng glich, ö die Wält es weiht, 
Ö alles — alles es ins! 
Die Hinner kratze wüll off demm Mest, 
Die Kärner ö Kreimel ze sichche, 
Do komme die Spatze züm Hinnerfest 2 ) 
kreische, zanke ö kichche: I
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.