Full text: Hessenland (7.1893)

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nur von getauften Christen sprach, denn von 
Heiden solches auszusagen, wäre sehr überflüssig 
gewesen; bei ihnen hätte sich ja dieses Alles von 
selbst verstanden. Gerade aber der Umstand, 
daß noch so viele irrige Auffassungen und so 
starke Hinneigung zu dem abgeschworenen heid 
nischen Glauben sich unter den Getauften fand, 
veranlaßte den heiligen Bonifazius, und zwar 
besonders auf Rath und Antrieb der Treuge 
bliebenen, den Schritt zu thun, der mit Einem 
Schlage ein neues Zeitalter über Hessen herbei 
führte, nämlich daß er die Axt an die dem 
Gotte Donar geheiligte Eiche legte und dieselbe 
zu Falle brachte. 
Gestatten Sie, daß ich bei diesem weltgeschicht 
lichen Ereignisse noch etwas verweile und noch 
einige weitere Mittheilungen sowohl über die 
Veranlassung, als auch über die Folgen dieser 
kühnen That mache. 
Hätte der heilige Bonifazius die Donnereiche 
bei seiner ersten Anwesenheit im Jahre 722 
fällen wollen, so wäre er einfach und ohne Frage 
ein Opfer, man hätte wohl mit Recht sagen 
können, seiner Tollkühnheit geworden, allein im 
Jahre 723 lagen die Dinge schon wesentlich 
anders. Die Predigten des Heiligen, sowie der 
Empfang der heiligen Taufe Seitens Tausender 
von Bewohnern des Landes hatte, so verschieden 
auch die Einzelnen sie aufgefaßt und auf sich 
hatten wirken lassen, immerhin einen Sauerteig 
in die heidnischen Anschauungen gebracht, der 
nicht ohne Wirkung bleiben konnte. Namentlich 
muß dies von den Getauften gelten, die angeregt 
und zum Theil freilich nur für den Augenblick 
überzeugt von der Wahrheit der Predigt. die 
heilige Taufe begehrt hatten. Es ist eigentlich 
viel mehr zu verwundern, daß ein Theil der 
Getauften sich gleich voll und ganz dem Christen- 
thume zugewandt hatten und in Einem Jahre 
so reif und fest geworden waren, daß sie dem 
heiligen Bonifazius zu einem so gewagten 
Schritte rathen konnten, als daß ein anderer, 
wahrscheinlich viel größerer Theil der Getauften, 
mehr oder weniger noch an den tausendjährigen, 
von den Vätern ererbten heidnischen Vorurtheilen 
und Gebräuchen haften blieben und einem falschen 
Konservatismus huldigend die von den alten 
Deutschen so hochgehaltene Tugend der Treue zu 
verletzen glaubten, wenn sie die von den Alt 
vordern überkommene Religion mit Allem, was 
ihren Eltern und Vorfahren und ihnen selbst 
von Jugend auf heilig und theuer gewesen war, 
mit Einem Male über Bord werfen sollten. 
Und man muß sagen, daß die deutsche Religion 
mit ihrer reichen Götter- und Sagenwelt, mit 
ihren vielen Festen und Gebräuchen, ein Herz, 
das nichts von der Wirklichkeit und Wahrheit 
wußte, schon gefangen halten konnte. Diese 
Wirklichkeit und Wahrheit war ihnen nun nahe 
getreten, allein bei der Verschiedenheit der 
menschlichen Charaktere kann es nicht Wunder 
nehmen, wenn selbst unter den Getauften es 
im Innern noch gährte, wenn zwar die Einen 
gleich ganz gewonnen, die Andern aber noch 
starke Zweifel hegend sich abmühten in's Klare 
zu kommen, während noch Andere, den übereilten 
Schritt zur Taufe bereuend, sich wieder dem alt 
gewohnten Heidenthume ganz zugewendet hatten. 
Aber nicht nur getaufte Christen, sondern auch 
sehr viele ungetaufte Heiden waren bei der kühnen 
That anwesend, welche, wie Willibald sagt, den 
Heiligen in ihrem Innern als Feinds ihrer Götter 
eifrigst verwünschten. Um aller dieser schwankenden, 
Abgefallenen und Heiden nun, die Ersten zu 
stärken, die Zweiten zu beschämen, die Dritten 
aber von der Ohnmacht ihrer Götter, zu über 
zeugen, griff Sanct Bonifazius inmitten dieser 
großen Menge, die zu einem Feste ihres Gottes 
Donar im heiligen Haine bei Geismar an der 
Edder zusammengeströmt war, im festen Glauben 
an die Nichtigkeit der Götzen und an die Hülfe 
des Einen wahren Gottes, aber auch Angesichts 
der Möglichkeit nahen Martertodes, zur Axt 
und schlug der alten, göttlich verehrten Donner 
eiche die Todeswunde in's Mark hinein. Die 
Nerven aller Umstehenden sind auf's äußerste 
gespannt. Wird der Gott des Blitzes und 
Donners herniederfahren und den Frevler zu 
Boden schmettern? Die Einen hoffen, die 
Andern fürchten es, aber nichts geschieht. Auf 
recht bleibt der Kühne stehen mit seinen Gesellen, 
und nun stürzt nach wuchtigen Schlägen zwar, 
aber doch vielmehr durch einen Sturmwind ge 
schüttelt , die mächtige Eiche krachend zu Boden: 
die Treuen jubeln, die Schwankenden sind ge 
wonnen, die Feindseligen verstummen, ja sind 
sogar in diesem Augenblicke überzeugt, daß ihr 
Götterglaube ein nichtiger ist, denn da der Gott 
diesen unerhörten Frevel nicht rächte, so ver 
mochte er es eben nicht; er hatte seine Ohn 
macht gezeigt, und das war für einen Chatten 
— sein Todesurtheil. 
Und welche Folgen hatte nun diese kühne 
That? Viele Tausende hatte Bonifazius im 
Jahre zuvor getauft, viele Tausende waren auch 
in diesem Jahre zu Ehren des Gottes Donar, 
wohl zum Maifeste,*) wieder versammelt; so 
mag der ganze Gau vertreten gewesen sein. 
Rasch muß sich daher die Kunde von diesem 
unerhörten Ereigniß verbreitet haben. Soviel 
wenigstens steht nach Willibald's Bericht fest, 
daß wenn auch noch viele Heiden übrig blieben, 
*) S. Mogh a. a. O. p. 1090.
	        

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