Full text: Hessenland (7.1893)

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handelt sich um den ersten Preis in der Gemälde 
ausstellung." 
„Gemäldeausstellung! Sie wollen uns foppen! 
Was geht das uns an? Wenn Sie weiter keine 
Neuigkeiten haben!" So schwirrte es durcheinander,. 
bis der Doktor mit einem Lächeln sagte: 
„Nur langsam, meine Herren! Ich glaube, die 
Sache wird Sie doch interessiren, wenn ich Ihnen 
sage, daß den ersten Preis auf der Gemäldeaus 
stellung ein Glimpfinger erhalten hat." 
„Ein Glimpfinger! Was Sie nicht sagen! 
Aber wer? Wie heißt er?" 
„Ja rathen Sie!" sagte der Doktor, sich an 
dem Staunen der Anderen weidend. Ehe aber 
Einer es rathen konnte, setzte er hinzu: „Ich will 
es Ihnen sagen, ein junger Student der Rechte, 
Namens Fritz Krughöfer, ist der Glückliche." 
Alle fuhren in die Höhe und Krughöfer sen. 
nicht am wenigsten. Was war das? Sollte der 
Junge neben seinen Rechtsstudien noch soviel Zeit 
haben, um sich mit solchen Dingen zu befassen? 
Unwillen und Genugthuung rangen in dem Bürger 
meister um die Oberhand und schließlich sagte er: 
„Nun ja, der Fritz ist begabt. Ich werd's ihm 
aber verbieten, erst soll er seine Examina bestanden 
haben." 
„Das wird sich wohl kaum machen," sagte der 
Doktor, „denn soviel ich weiß, ist Ihr Sohn in 
den drei Jahren seines Studiums nie im Kolleg 
gewesen, dagegen hat er sich als begabter Schüler 
der Malerakademie hervorgethan. Er hat übrigens 
in diesen Tagen auch formell die Juristerei an 
den Nagel gehängt und ist in das Atelier eines 
berühmten Künstlers eingetreten.,, 
Diese Mittheilung des Doktors wirkte wie 
ein Blitzschlag. Einige der Anwesenden waren 
aufgesprungen und starrten den Doktor an, Andere 
waren in sich zusammengesunken und saßen wie 
gelähmt. Das würdige Oberhaupt der Gemeinde 
Glimpfingen aber bot einen bedauernswerthen 
Anblick. Mehrmals öffnete Herr Krughöfer den 
Mund, allem Anschein nach, um etwas zu sagen, 
aber er konnte nur hörbar nach Luft schnappen 
wie ein Fisch im Sande. Endlich entrangen sich 
ihm die Worte: „Das ist gelogen." 
Ein finsterer Blick des Arztes traf ihn und 
mit schneidender Betonung sagte der Beleidigte: 
„Ihrer Aufregung, Herr Bürgermeister, halte ich 
es zu Gute, daß Sie mich der Lüge zeihen. Doch 
ich habe Ihnen die Beweise mitgebracht." Er zog 
aus seiner Westentasche ein halbes Dutzend Zeitungs 
ausschnitte und warf sie auf den Tisch. 
„Es ist kein Zweifel!" hauchte der Apotheker. 
Und die Andern gaben ein unverständliches Ge 
murmel von sich, das für den Herrn Bürgermeister 
nicht sehr ermuthigend klang. 
„Es ist nicht wahr, es ist nicht möglich, und 
wenn es hundert Mal in den Zeitungen steht!" 
Diesen Trost spendete sich Krughöfer sen., aber 
er selbst glaubte nicht recht daran. Der Schwer 
geprüfte versank in eine Art Betäubung, und erst 
als sich ihm der Herr Pfarrer mit einigen Trost 
worten nahte und ihn auf den biblischen Dulder 
Hiob verwies, kam er wieder zu sich. Er sprang 
auf und schrie zornbebend: „Lassen Sie mich! 
Der Taugenichts! Der Galgenstrick! Schimpf 
und Schande bringt er über seine Eltern!" Und 
ohne Gruß stürmte er aus dem Zimmer. 
„Himmel welch' eine Geschichte!" sagte der 
Amtsrichter. „Es bringt den Mann um!" 
„Er überlebt die Schande nicht!" jammerte der 
Apotheker. 
„Schande?" fragte der Doktor. „Ist das eine 
Schande?" 
„Sie können doch unmöglich die Leinwandkleckserei 
mit Rechtswissenschaft vergleichen wollen?" mischte 
sich der Referendar ein, der, seitdem er Reserve- 
osstzier war, die Nase mit vielem Erfolg als 
Sprachorgan verwendete. 
„Jedes hat seinen berechtigten Platz im Leben 
und in der Gesellschaft." 
„Langer Haare kurzer Sinn!" meinte der Ober- 
kontroleur. 
„Außen Sammt und innen Lumpen!" setzte 
der Amtsrichter hinzu. 
„Die reine Hungerleiderei!" sagte der Pfarrer. 
„Keine feste Stellung, keine Pension. Und wenn 
er seine Bilder nicht verkauft, he? Was bleibt 
ihm da übrig, als Anstreicher zu werden?" 
Der Apotheker erzählte eine haarsträubende 
Geschichte von einem Maler, der jammervoll ver 
hungern mußte, nachdem er sich in den letzten 
Wochen seines Daseins überhaupt nur noch von 
grüner Farbe und einem Pinsel genährt hatte, 
was den dicken Gutsbesitzer Röhrig so ergriff, 
daß er sich bei der Kellnerin eine junge Gans 
bestellte und zugleich bei sich im Geheimen beschloß, 
seine sämmtlichen Sprößlinge furchtbar durchzu 
prügeln, um ihnen bei Zeiten etwaige künstlerische 
Neigungen auszutreiben. 
Als der Bürgermeister zu Hause ankam, hatte 
er noch keineswegs die seiner Würde entsprechende 
Fassung wiedergewonnen. Er rannte wie besessen 
durch das Zimmer und es währte lange, bis Gattin 
und Töchter erfuhren, was sich ereignet hatte. 
„Der Taugenichts!" jammerte die Frau Bürger 
meisterin und Klara, Sophie und Lina umarmten 
sich unter bitterlichen Thränen. 
„Was ist zu thun, Gotthold?" fragte endlich 
zaghaft die Gattin. 
„Nach der Hauptstadt will ich! Den Buben 
züchtigen! Die Schlange die ich am Busen nährte. 
Oh, oh, mein Kopf!" 
Er ging an den Wandschrank, wo eine geschliffene
	        

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