Full text: Hessenland (7.1893)

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Fritzens zu ergreifen. Der Doktor war, beiläufig 
bemerkt, dafür bekannt, daß er mit einigen 
wenigen Gleichgesinnten Herrn Gotthold Krug 
höfer Opposition zu machen liebte; ja er stand 
im Gerüche, ein Demokrat zu sein, eine Annahme, 
die sich allerdings auf einige wichtige Anzeichen 
stützte. Seine Kasinopfeife trug ein schwarz-roth 
goldenes Troddel und sein Buchfink pfiff die 
Marseillaise. Zudem nahm der Doktor, wenn 
ihm eine Maßregel der Obrigkeit nicht gefiel, 
kein Blatt vor den Mund und war wegen 
seiner boshaften Reden gefürchtet. Man sollte 
denken, er wäre deshalb von der guten Gesellschaft 
im „Hirschen" ausgeschlossen worden; aber das 
ging nicht gut an, schon darum nicht, weil er 
der einzige Arzt im Städtchen war und obendrein 
ein kenntnißreicher, tüchtiger und beliebter Arzt. 
Da mußte man schon ein Auge zudrücken. 
Es waren etwa drei Jahre vergangen, seitdem 
Fritz die Hochschule bezogen hatte. Man hatte 
herzlich wenig von ihm gehört, denn die Ferien 
brachte er meist bei fern wohnenden Verwandten 
zu. Um diese Zeit ging es eines Abends im 
„Hirschen" ganz besonders lebhaft zu. Krug 
höfer 86ii. hatte desselben Tages auf dem Rath 
hause einen großen Sieg erfochten. Die uralte 
Lindenallee, die vom Städtchen hinauf zu der in 
Trümmern liegenden Burg Glimpfingen führte, 
sollte nach Vorschlag des Herrn Bürgermeisters 
fallen und die Gemeindevertretung hatte dem 
Antrage beigestimmt. Der Doktor, der auch 
Gemeinderath war und der den Antrag früher 
schon als „barbarisch" und „unsinnig" bekämpft 
hatte, war nicht da; eine Familienangelegenheit 
hielt ihn seit Wochen fern. So siegte der 
Bürgermeister beinahe ohne Widerstand und als 
er Abends im „Hirschen" erschien, drängte sich 
Alles um ihn und beglückwünschte ihn wegen des 
Erfolges; das war um so aufrichtiger gemeint, 
als auf jeden Bürger ein paar Klafter Frei 
brennholzes fielen, wenn die überflüssigen Linden 
beseitigt wurden. Gotthold Krughöfer trug noch 
seinen schwarzen Staatsrock, auf dessen linker 
Brustseite ein Orden oder Verdienstzeichen glänzte, 
über welchen Gegenstand dunkle Gerüchte im 
Schwange gingen. Selbst der Apotheker, der 
als Kenner galt, wußte die Auszeichnung nicht 
zu deuten. Der Doktor behauptete freilich, es 
sei das eine Rettungsmedaille, die Herr Gotthold 
Krughöfer sich in seiner Jugend verdient habe, 
indem er einen Menschen, der ihm eine erhebliche 
Geldsumme schuldete, aus dem Wasser gezogen 
hätte; die meisten Glimpfinger glaubten aber an 
ein bedeutendes, bis zur Stunde unbekannt ge 
bliebenes Verdienst des Bürgermeisters um 
Regierung und Vaterland. Sei dem, wie ihm 
wolle; jedenfalls paßte der geheimnißvolle Orden 
heute zu dem strahlenden Gesichte des Herrn 
Krughöfer, dessen Freude um so reiner war, als 
die Anwesenheit des Doktors sie nicht vergällte. 
Schon hatte man eine Depesche an die Regierung 
in's Auge gefaßt, um diese von dem Siege der 
Gutgesinnten in Kenntniß zu setzen, als plötzlich 
zum allgemeinen und nicht gerade freudigen 
Erstaunen der Doktor eintrat, der offenbar soeben 
von seiner Reise zurückgekehrt war. Der unwill 
kommene Ankömmling begrüßte die Anwesenden 
wie gewöhnlich, ließ sich seinen Bierkrug und 
seine Pfeife mit der revolutionären Quaste geben 
und nahm am runden Tische Platz, ohne sich 
durch die unfreundlichen und schadenfrohen Mienen 
der Andern beirren zu lassen. 
„Eine Ueberraschung für Sie!" begann der 
.Gutsbesitzer Röhrig, zu dem Doktor gewendet. 
„Sie wissen doch noch nicht, was heute im 
Rathhaus — —" 
Der Angeredete unterbrach ihn gleichmüthig: 
„Sie meinen die Linden! Durchaus keine Ueber 
raschung! Ich hörte vorhin schon davon; und 
wie ich die Herren kenne, die im Gemeinderath 
die Mehrheit haben, durfte ich ihnen einen 
solchen Beschluß schon zutrauen. Ich traue ihnen 
noch ganz andere Dinge zu." 
Dem Bürgermeister schwebte eine zornige 
Entgegnung auf der Lippe, aber er bezwang 
sich und versuchte, den Spöttischen zu spielen: 
„Run, also keine Ueberraschung für Sie, das 
ist schade, wir haben es wenigstens gut gemeint. 
Vielleicht haben Sie aber eine für uns." 
„Gewiß," sagte der Doktor, „damit kann ich 
dienen. Ich habe eine Neuigkeit, die Sie alle- 
sammt und besonders den Herrn Bürgermeister 
interessiren wird." 
„Das wäre! Ei lassen Sie hören!" ließen 
sich Einzelne vernehmen. In Glimpfingen, das 
in einem Gebirgskessel liegt und von keiner 
Eisenbahn bisher berührt wird, ist jeder frisch 
von der Reise Kommende für einige Zeit der 
Mittelpunkt der Gesellschaft. 
„Sie kommen " sagte der Apotheker un 
geduldig. 
„Direkt aus der Hauptstadt," erwiderte der 
Doktor. 
„Nun erzählen Sie, Sie sehen ja, wie wir 
warten," rief der Amtsrichter. 
Der Doktor that einen kräftigen Zug aus 
seinem Krug, blies die blauen Ringe aus seiner 
verdächtigen Pfeife und sagte: „Seit gestern ist 
man dort in einer gelinden Aufregung." 
„Aufregung? Worüber? Sind Wolken am 
politischen Horizont aufgestiegen? Hat es einen 
Krach gegeben?" 
„Nichts!" sagte der Doktor besänftigend. „Die 
Ursache der Aufregung ist harmloser Natur. Es
	        

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