Full text: Hessenland (7.1893)

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O heil'ger Engel, der Du im Traume jetzt 
Mich wieder liebest, wo Du auch wohnen magst, 
Mein Engel bist Du, warst Du ewig: 
Läutere Du mich für Deine Liebe! 
Bald schlägt die Stunde, täuschet mich Ahnung nicht, 
Wo Du zu Deinem Himmel empor mich trägst; 
Denn heller leuchtet mir Dein Auge, 
Näher schon hör' ich den Ruf der Liebe, 
Wenn eingewiegt vom Schlummer die Sinne ruh'n, 
Und frei der Geist sich über die Erd' erhebt, 
Dorthin, wo meine Ideale 
Blühen in ewiger Frühlingsschönheit. 
— 
assà Mgesneuigkeiten aus dem 18. Aahrhunöert. 
Von Kilo Gerlsnö. 
(Fortsetzung.) 
f as französische Hospital beherbergte damals 
einen interessanten Bewohner. Dieser, aus 
Karlsdorf gebürtig, hatte vor 40 Jahren 
zu Kassel in der Garde in der Kompagnie des 
Prinzen von Gotha gedient. Nachdem er den 
Abschied erhalten hatte, war er nach Holland 
gegangen und hatte sich seiner Erzählung nach 
als Hausmeister (Obersteward) auf ein Schiff ver- 
miethet, das an die afrikanischen Küsten bestimmt 
war. Dort ging er einmal ans Land, um Lebens 
rnittel einzukaufen, aber die algierischen Seeräuber 
fingen ihn und brachten ihn nach Konstantinopel, 
wo sie ihn als Sklave verkauften. Nachdem er 
sechs Jahre lang Sklavendienste verrichtet hatte, 
arbeitete er einmal an der Meeresküste. Da sah 
er ein im Absegeln begriffenes neapolitanisches 
Schiff und rief dessen Besatzung zu, sie möge ihn 
mitnehmen. Man erwiderte ihm, daß man nicht 
wage, dies öffentlich zu thun, wenn er aber zu ihnen 
schwimmen könnte, wollten sie versuchen, ihn auf 
zunehmen. Der Mann stürzte sich ohne Zaudern 
ins Meer und gelangte an das Schiff, das ihn 
glücklich nach Italien brachte. Dann bettelte er 
sich durch ganz Italien, die Schweiz und Deutsch 
land durch und kam nach Kassel, wo man ihn 
in's französische Hospital schickte, um ihn wo 
möglich von dem „Aussatz", an dem er im höchsten 
Grade litt, zu heilen. 
Der Winter von 1775—76 brachte furchtbare 
Kälte; während des ganzen Monates Januar 
lag der Schnee 2—3 Fuß hoch, verschiedene 
Leute wurden erfroren im Felde gefunden. Das 
Eis der Fulda war etwa 2 Fuß stark. Als 
Ende der ersten Hälfte Februar der Eisgang 
eintrat, riß das Eis die Brücken von Breitenbach, 
Rotenburg und Röhrenfurt weg, hob zwei zum 
Schutz der alten Fuldabrücke aufgestellte Eisbrecher 
„wie Zündhölzer" in die Höhe und beschädigte 
einen der alten Brückenpfeiler sehr; Ende Februar 
war zwar die Luft mild, aber das Wasser noch 
sehr groß. 
Dieser Winter brachte ein sehr wichtiges Er 
eigniß für Hessen, den amerikanischen Krieg. Am 
16. Dezember 1775 schreibt Simon Ludwig 
Du Ry: Es geht hier allgemein das Gerücht, 
daß 4000 oder, wie andere sagen, 6000 Hessen in 
englischen Sold treten sollen. Es ist hier ein 
englischer Oberst namens Faucit, der Audienz 
beim Landgrafen gehabt und mit v. Schliessen 
verhandelt hat. Es ist derselbe Offizier, der 
4000 Hannoveraner eingeschifft hat, welche die 
englischen Truppen in Gibraltar und Port Mahon 
ersetzt haben. Man sagt, daß unsere Truppen 
nach Irland gehen, um dort die englischen Be 
satzungen des Königreichs zu ersetzen, die nach 
Amerika geschickt werden, um zu versuchen, die 
Bewohner der englischen Kolonien zur Vernunft 
zu bringen, die ihrem Mutterland nicht mehr 
gehorchen wollen. Der Oberst v o n G o h r wollte 
die hessische Artillerie-Abtheilung bei dieser Unter 
nehmung befehligen, aber der Landgraf macht 
Schwierigkeiten, ihm diese Erlaubniß zu ertheilen, 
wie er mir soeben gesagt hat." 
Am 15. Februar 1776 schreibt S. L. D u Ry 
weiter: Der englische Oberst Faucit hat mit 
unserm Hofe einen Subsidienvertrag abgeschlossen, 
demzufolge 12 000 Hessen auf 6 Jahre in englischen 
Sold treten. Diese 12 000 Mann bestehen nur 
aus Fußvolk, das erste Bataillon Garde geht mit, 
das zweite und dritte bleiben zu Kassel, aber an 
ihrer Stelle läßt man fünf Garnison-Bataillone, 
genannt Landmiliz, marschiren, denen man aus 
den alten Regimentern gezogene Offiziere gegeben 
hat, und die umgekleidet sind wie die Linientruppen. 
Die Engländer wollten durchaus keine Regiments 
geschütze und deshalb auch keine Kanoniere. Diese 
12000 Mann werden unterhalb Bremen ein 
geschifft und gehen geradewegs nach Amerika, 
desgleichen 4000 Braunschweiger, 1600 Waldecker 
und 14 Bataillone Hannoveraner. Als sich die 
Nachricht verbreitete, daß der Kriegsschauplatz in 
Amerika sein würde, baten eine Anzahl Offiziere
	        

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