Full text: Hessenland (7.1893)

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Und war der Weg auch unscheinbar und enge, 
Den härmt es nicht, der hoch am Ziele steht, 
Wenn überall ihn gold'ne Ernte freuet. 
Wo er bescheiden dunk'le Saat gestreuet. 
Nicht bloß der Mann des Krieges ist unsterblich, 
Der Sänger nicht, der klassische, allein! 
Nein, vom Geschlechte zum Geschlechte erblich 
Geht auch der Lehrer durch der Zeiten Reih'n, 
Sein Bild ist wie sein Name unverderblich, 
Und trägt sie Klio in ihr Buch nicht ein, 
So schreibt die Liebe, dankbar und geschäftig, 
Sie in die Herzen tief und lebenskräftig. 
Schau um Dich, Freund! Sie kommen Dich zu 
grüßen. 
Voran in heil'gem Rund der Deinen Schaar, 
Dann Deine Jugend, feiernd Dir zu Füßen, 
Wo horchend sie so oft gesessen war, 
Zuletzt die Freunde, die den Zirkel schließen, 
Den opfernden, zu Deinem Festaltar: 
Nun tritt heran aus Deines Tempels Gründen, 
Um selbst die Flamme kundig zu entzünden. 
Da glimmt sie auf. Gott schütze ihre Lohe, 
Er fache sie mit günst'gem Athem an, 
Sie steige, eine senkrecht-wolkenhohe, 
Mit unsern Wünschen ihre luft'ge Bahn! 
Fünf Lust'rn noch! und wieder sei der frohe 
Festliche Kreis von heut' Dir aufgethan, 
Bis einst den Greis, der lächelnd heimgegangen, 
Des Himmels größte Kreise sanft empfangen! 
Noch in demselben Jahr 1841, am 3. Weihnachts 
tag, feierte Brauns im Kreise aller Seinigen 
seine silberne Hochzeit. Am 27. Oktober 1846 
beschloß er sein schicksal- und thatenreiches Leben. 
Unheilbare Verschleimung der Brust und des 
Unterleibs wird als Todesursache angegeben. 
Mit welcher Ergebung er seinem Tode entgegen 
ging, zeigt der Schluß seines Tagebuchs, welches 
er seit seinem 15. Lebensjahr zu eigner Besserung 
und Belehrung geführt und erst am 9. Oktober 
1846 geschlossen hat; hier sagt er: „Den Meinigen 
kann es nichts nützen, wenn ich einige Wochen 
länger lebe und leide, sondern es macht ihnen 
nur Kummer, Last und Sorge. Herr gieb mir 
bald einen möglichst sanften Tod; aber Dein 
Wille geschehe, nicht der meine. — Sterben 
werde ich mit der zuversichtlichen Hoffnung, die 
ich meinem Heiland verdanke, daß du als gütiger 
Vater Gericht über mich halten werdest. Gott 
ich habe Dich von Kindheit an geliebt und stets 
Dir vertraut; mit Liebe, Dank und Vertrauen 
zu Dir, und zwar mit dem innigsten, werde ich 
aus diesem Leben scheiden, um da ein neues Leben 
zu beginnen, wohin Deine Weisheit und Güte 
mich rufen wird." 
Der Schluß des Nekrologs giebt eine Zusammen- 
stellung dessen, was Brauns im Druck veröffent 
licht hat. Am Lyceum zu Kassel schrieb er drei 
Programme: 1821, 1827, 1832. ■ In Rinteln 
fügte er dem Osterprogramm von 1844 68 Päda 
gogische Aphorismen bei, welche in dem Neuen 
Jahresbericht für Philologie und Pädagogik von 
Jahn und Klotz Band 43. H. 2 als schöne Er 
zeugnisse einer ächt praktischen und scharf beobach 
tenden Lehrerweisheit bezeichnet werden, „in 
denen ebenso die Wahrheit der Auffassung wie 
die naheliegende Anwendung auf bestehende Ver 
hältnisse sich schlagend herausstellt." — Ge 
meinschaftlich mit Dr. Aug. Theobald (f 1846, 
Münscher nennt ihn eine Hauptzierde des Kassel- 
schen Gymnasiums) hat Brauns den 1. Jahrgang 
des Statistischen Handbuchs über die deutschen 
Gymnasien, Kassel 1837, bearbeitet. — Die 
Kynomachie, ein humoristisches Heldengedicht in 
drei Gesängen, erschien zu Kassel 1824. — Die 
Sammlung der Lyrischen Gedichte erschien eben 
falls zu Kassel 1829 und wurde von mehr als 
einem Kritiker freundlich begrüßt. Wie in dem 
Nekrolog möge auch hier zur Charakteristik des 
Dichters wie des Menschen das letzte Gedicht der 
kleinen Sammlung eine Stelle finden: 
Mein Engel. 
In stillen Nächten schwebet oft lichtumstrahlt 
Ein wunderholdes, seliges Götterbild 
Aus seinem Himmel zu mir nieder, 
Füllet die Brust mir mit Wonneschauern. 
Der Engel ist cs, der auch dem Knaben einst 
Im Traum erschien, und höheren Liebessinn 
Und unnennbares Sehnen früh schon 
Haucht' in des harmlosen Kindes Leben. 
Nicht mehr genügt ihm, seit er den Engel sah, 
Der Jugendspiele heitere Tändelei; 
Er irret einsam in den Wäldern, 
Weinet und weiß nicht, warum er weine. 
Und aus den Zweigen flUstert's oft sanft ihm zu, 
Er hört die Stimme, die ihm im Traum erklang, 
So reich, so schmelzend, die in seinem 
Innern leiser und leiser forttönt. 
Und wenn im Abendwalde der Himmel schwimmt, 
Aus lichtem Wölkchen lächelt ihm friedlich mild 
Ein ungetrübtes Engelauge, 
Glänzend von Liebe und heil'ger Ahnung. 
Der Jüngling sucht auf Erden das Götterbild, 
Und glaubt, gefunden ruh' es an seiner Brust. 
Wie glühend liebt' er, wähnte, nimmer 
Könne die lodernde Flamm' erlöschen! 
Die Jahre schwanden, denen ein Nimbus noch 
Des Lebens eitle, flüchtige Reize birgt, 
Und irdische Gestalten binden 
Nicht der ätherischen Liebe Flügel.
	        

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