Full text: Hessenland (7.1893)

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Marburgs," Wachter, „der hochgelehrte" Arnold: 
und Teunemaun waren seine Hauptlehrer, 
Creuzer sein freundlicher Beschützer. Münscher 
und Wachler unterstützten ihn zugleich mit 
litterarischen Hilfsmitteln. An dem neuerrichteten 
philologischen Seminar nahm er sogleich Theil 
und blieb bis zum Abgang von der Hochschule 
thätiges Mitglied. Schon damals erwachte in 
ihm die Liebe zum Schulfach. 
Im Frühjahr 1813 erhielt er durch Professor 
Creuzcrs Vermittlung einen Ruf zu einer Hof 
meisterstelle bei dem Grafen Fritz Reventlow in 
Enckeudorf unweit Kiel. Die Reise in das 
Holsteinische, welche er mit seinem ebenfalls als 
Hauslehrer dorthin berufenen Freund Grimm 
machte, war wegen der Belagerung Hamburgs 
durch Davoust und wegen des dadurch gehemmten 
Postenlaufs mit nicht geringen Gefahren ver 
bunden. Von Hannover aus fuhren sie mit 
Schmugglern nach Steinkirchen und von da mit 
einem Schmugglerschiff bei stürmischem Wetter 
nach Altona. Dort niußten sie wegen der Ein 
nahme Hamburgs durch die Franzosen einige 
Tage verweilen, ehe sie Extrapost erhielten, welche 
sie nach Enckendorf brachte. Die Aufnahme in 
der gräflichen Familie war außerordentlich freund- 
fich. Zwei Neffen des Grafen, Joseph Revent 
low -Criminil, (später Präsident der schleswig- 
holsteinischen Kanzlei), und Heinrich (später 
Minister der auswärtigen Angelegenheiten), waren 
seine Zöglinge. Obgleich der Aufenthalt in 
diesem gräflichen Hause nur kurze Zeit dauerte, 
so trug er für Geist und Gemüth des strebsamen 
Jünglings doch bleibende Früchte, indem er ihm 
die Bekanntschaft mit Christian Stolberg, Rantzau, 
Pfaff, Hegewisch, Reinhold, dem alten M. 
Claudius und andern, die dort oft als Gäste 
weilten, verschaffte. Aber schon nach vier Monaten 
ward er durch verschiedene unerwartete Verhält 
nisse bewogen eine andere Hauslehrerstelle bei 
dem Kammerherrn und Amtmann von Steemann 
in Apenrade, das in einer der schönsten Gegenden 
Schleswigs liegt, anzunehmen. Dort verlebte 
er, belohnt durch die erfreulichen Fortschritte 
wackerer Schüler und Schülerinnen, im Besitz 
hinlänglicher Zeit zum Fortstudieren, im Genuß 
einer herrlichen Natur, die ihn zu mancher Dichtung 
begeisterte, und im Umgang mit nahen Freunden, 
namentlich mit Or. Neuber, einem Arzt, Philo 
sophen und Dichter, so srohe Tage, daß er sie 
stets zu den glücklichsten seines Lebens gezählt 
und noch auf dem Sterbebett die müde Seele 
an den heiteren Erinnerungen dieses Lebensab 
schnitts erquickt hat. Manche Gedichte (Romanzen, 
Geburtstagsgedichte und dgl.) entstanden in jener 
Zeit, und die in Marburg begonnene Kynomachie 
ward in Apenrade vollendet. 
Im Herbst 1814, als Hessen wieder frei ge 
worden war, zog ihn die Sehnsucht nach dem 
Vaterland, die Sorge um die jüngeren Geschwister 
und die Hoffnung, in Hessen bald eine Anstellung 
zu finden, in die Heimath zurück. Ein Hesse liebt, 
glaube ich, — dies sind seine Worte — sein 
Vaterland fast ebenso sehr, als ein Schweizer. 
Wie freute ich mich, als ich die heimathlichen 
Berge wieder erblickte!" Während er sich nun 
bei seinen» Oheim, dein Pfarrer Weiß in Woll- 
rode, zum theologischen Examen vorbereitete, bot 
sich ihm abermals eine Hauslehrerstelle dar bei 
dein eheinaligcn Staatsrath von Berlepsch. Da 
diese Stelle reichliche Muße zum Studium ver 
sprach, so entschloß er sich zur Annahme und 
trat sein Amt Ostern 1815 an. Das theologische 
Examen aber gab er nun auf, da er entschlossen 
war sich ganz, dem Lehrerberuf zu widmen. Zu 
Pfingsten 1816 ward er nach rühmlich bestandener 
philologischer Prüfung Kollaborator am Lyceum 
Fridericianum zu Kassel, an welcher Anstalt er 
bis zu ihrer Umwandlung in ein Gymnasium 
gewirkt hat. Freilich brachte diese Stelle im 
ersten Jahre nur 300 Thaler ein, und so sah 
er sich genöthigt durch Privatunterricht seine 
Einnahme zu verbessern. Aber er arbeitete mit 
Lust. Noch im Herbst desselben Jahres ward 
ihm der ehrenvolle Auftrag, den Töchtern der 
dainaligen Kurprinzessin, den Prinzessinnen Karo 
line und Marie Unterricht im Deutschen, Latei 
nischen und Griechischen zu geben. Wie sehr sich 
aber beide Fürstinnen durch diesen viele Jahre 
hindurch fortgesetzten Unterricht befriedigt gefunden 
haben, höher noch schätzten sie in ihrem Lehrer 
den edlen Menschen; das erhellt aus den bis zu 
den letzten Zeiten in ihren Briefen ausgesprochenen 
Versicherungen der unwandelbaren Fortdauer ihres 
Wohlwollens. Weihnachten 1816 konnte der 
junge Kollaborator seine geliebte Braut Henriette 
Schmidt als Gattin heimführen. Der glücklichen, 
fast dreißigjährigen Ehe entstammten sechs Kinder, 
zwei Söhne und vier Töchter, von denen die 
älteste in ihrein fünfzehnten Lebensjahre starb. 
Außerdem gehörte sein jüngerer Bruder Fritz 
bis zum Abgang zur Universität und seine einzige 
Schwester Henriette bis zu ihrer erstmaligen Ver 
heiratung zu den Mitgliedern seiner Familie. 
Wer den trefflichen Mann ganz wollte kennen 
lernen —so schließt der aus einem Freundesherzen 
kommende Nachruf von Münscher*) — der mußte 
ihn iin trauten Familien-und Freundeskreise be 
obachten, wo die ernste und gemessene Haltung 
des Schulregenteu der liebenswürdigsten Gemüth- 
*) Dieser Nekrolog erschien in dem „Beiblatt zur 
Kasjel'schen Allg. Zeitung" Nr. 46 und 47 vom 16. und 
23. November 1846 kurz nach dem Tode des Freundes.
	        

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