Full text: Hessenland (7.1893)

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rmnerungm aus dem Weben des Gymnastalöirektors 
Hr. W. Arauns 
(fi 1846 zu Rinteln) 
von Dr. H. Sieb er l. 
(Schluß.) 
n einer Art von Sänfte brachte man mich am 
folgenden Tag nach Treysa, wo mich ein 
Regimentsfeldscheer, der eben nicht viel ver 
land, ein Kompagniechirurgus A. und ein 
vr. S. in die Kur nahmen. Jetzt fingen 
meine Leiden erst an. Alle Tage wurde das 
kranke Bein von neuem eingerückt, und die un 
verständigen Aerzte begriffen nicht, daß es schon 
beim Hinlegen, weil es ganz zersplittert war, sich 
wieder verrücken mußte, und endlich ward es 
sogar durch eine Maschine auseinandergeschraubt, 
um so liegen zu bleiben, bis die Knochen an 
einander gewachsen wären. Dabei schnitt man 
täglich an ihnen, riß Knochensplitter mit der 
Zange heraus, verletzte die Haut des noch ge 
sunden Knochens, daß er auch anfing angefressen 
zu werden, imb bohrte dann diesen wieder an, 
damit er um so schneller wegfaulen möchte. Das 
so mißhandelte Bein schwoll wie ein Butterfaß 
an, es war fast ganz eine große eiternde Wunde, 
vielleicht ein Schoppen Eiter ging täglich ab, es 
zeigten sich schon Brandblasen, ich bekam die 
fürchterlichsten Krämpfe und lag drei Tage lang 
am Rande des Grabes. Gott, wie innig betete 
ich damals zu Dir, daß Du mich von diesem 
furchtbaren Schmerze befreien oder lieber augen 
blicklich sterben lassen möchtest! Du erhieltest 
mich am Leben, und ich habe oft nachher Deine 
Weisheit gepriesen. Auch diese Leiden mußten 
zu meinem Heil dienen, und ich danke Dir noch 
stündlich, gütiger Gott und Vater, dessen Vor 
sehung in allen Schicksalen meines Lebens sicht 
bar waltete. 
Am 1. November 1806 nahmen die Franzosen 
Hessen in Besitz, das Militär mußte die Waffen 
niederlegen, und die Offiziere, welche dem alten 
exilirten Fürsten treu blieben, wurden nach 
Frankreich in Gefangenschaft geschickt. Mein 
Vater ward nach Luxemburg abgeführt.*) Welch 
ein Abschied, als er seinen Erstgebornen dem 
Tode nahe verlassen mußte! 
*) Siehe Anmerkung Seite 55. 
Bald nach des Vaters Abreise verlangten die 
Aerzte die Amputation des Beins. Diese hätte 
ich gewiß nicht mehr ausgehalten. Da erschien 
der Freund unsres Hauses, der Rektor Siebert, 
als Helfer in der Noth. Er vermochte die 
Mutter dazu, den Feldscheer A. abzuschaffen und 
die Kur meines Beines dem geschickten Regiments- 
chirurgus Rathemann ganz anzuvertrauen. Nur 
durch vieles Zureden des Rektors ließ sich 
Rathemann dazu bewegen, da er selbst an der 
Rettung des kranken Beins verzweifelte. Er 
hörte auf, mich mit stets neuem Einrücken zu 
quälen. Seine Behandlungsart bewährte sich, 
die Wunden heilten nach und nach, nachdem die 
Knochensplitter herausgeschworen waren. Nun 
kam das Bein in Schienen. Da erkrankte ich 
an Scharlach und die Wunden eiterten wieder 
mehr. Ich bekam Krämpfe in dem Bein, die 
Schienen mußten wieder abgenonimen werden. 
Als sie später angelegt wurden, war der Knorpel 
schon zu hart geworden und mein Bein blieb 
schief. 
Ich war noch sehr krank, als mein jüngster 
Bruder Theodor geboren ward. Meine Mutter 
ward von ihrer Schwester Henriette gepflegt, die 
seit einem Monat an den Pfarrer Theobald 
verheirathet war. Es ging meiner Mutter 
kümmerlich während der Gefangenschaft meines 
Vaters, und sie wußte oft nicht, woher sie das 
Geld zu den nothwendigsten Lebensbedürfnissen 
nehmen sollte. O, wie die Gute litt! 
Nach einem halbjährigen Schmerzenslager durfte 
ich das Bett verlassen und lernte auf zwei 
Krücken gehen. Welche Wonne, als ich nur 
einmal wieder bis zum Fenster gehen und den 
blauen Himmel schauen konnte! Neue Wonne, 
als ich zuerst des Nachbars Haus und hernach 
den Todtenhof, von wo man eine schöne Aus 
sicht nach Ziegenhain hat, besuchen durfte! 
Jetzt kehrte mein Vater aus der Gefangenschaft 
zurück und lebte einige Zeit ohne Amt. Mein 
Entschluß Theologie zu studieren, den ich auf
	        

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