Full text: Hessenland (7.1893)

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Erst mit diesem großen Wohlthäter des deut 
schen Volkes treten wir auf geschichtlichen Boden, 
und für diese Zeit fließen die Quellen*) schon 
so reichlich, daß wir im Stande sind, uns ein 
deutliches und sogar ziemlich eingehendes Bild 
seiner Thätigkeit zu entwerfen, wenn ja auch 
immer noch Lücken genug bleiben, die man gern 
ausgefüllt sähe. In der kurzen Zeit eines Vor 
trags kann ich mich natürlich nur darauf beschränken, 
das Nothwendigste und Interessanteste und zwar 
nur in Beziehung ans den fränkischen Hessengau 
mitzutheilen, während die reiche Entfaltung seines 
Wirkens in Thüringen und Bayern, wie anders 
wo , ganz unberücksichtigt bleiben muß, und nur 
im Vorübergehen kann ich selbst des Oberlahn 
gaues, unseres späteren Oberhessens, gedenken. 
Aus gleichem Grunde muß ich mir versagen, 
irgend welche biographische Einleitung vorauszu 
schicken ; nur das will ich ganz kurz benierken, 
daß Winfrid, wie dieser große Missionar von 
Hause aus hieß, aus vornehmem, angelsächsischem 
Geschlechte der englischen Grafschaft Devonshire 
etwa um 680 nach Christus geboren, nachdem er 
früh Benediktiner-Mönch geworden, den heftigsten 
und anhaltendsten Drang empfand, seinen säch 
sischen Stammesgenossen in Deutschland die frohe 
Botschaft von der Erlösung zu bringen, daß er 
damit begann, den Friesen zu predigen, bald 
aber unverrichteter Sache wieder nach England 
zurückkehrte und später bei der bereits von An 
dern erprobten Unmöglichkeit, den Sachsen bei- 
konunen zu können, sich nach erhaltener Erlaub 
niß des Papstes zuerst zu den den Sachsen südlich 
vorliegenden Hessen und Thüringern wandte, um 
von da vermittelst der Nachbarschaft allmählich 
Einfluß auf das kräftige, aber trotzige Volk der 
Sachsen zu gewinnen. Gott lenkt auch die Wege 
der Glaubensboten, und so haben Hessen und 
Thüringer ihre Bekehrung zunächst der Hart 
näckigkeit der Sachsen zu verdanken. 
Im Jahre 722 betrat Winfrid zum ersten 
Male den chattischen Boden, zuerst den ober- 
lahngauischen bei Amöneburg. Hier fand er, 
wie gesagt, schon Christen vor, die aber ihr 
wenig gepflegtes Christenthum wieder mit heid 
nischen Elementen gemischt hatten. Daher kann 
man immer mit Recht sagen, daß Winfrid die 
Brüder Detdic und Deorulf bekehrt habe, die 
vermuthlich in Seelheim wohnten und somit 
auch der Opferstütte von Amöneburg d. h. Burg 
an der Ohm, vorstanden und zwar als Häupt 
linge des Oberlahngaues. Oder sollte Einer 
von ihnen Häuptling gewesen sein und der 
*) Besonders die Biographien des heil. Bonifazius 
von Willibald und von Othlo, einem Fuldaer Mönche. 
Uebersetzt von Kiilb, die Erstere neuerdings auch von W. 
Arndt. 
Andere Oberpriester, da doch Beide zugleich 
schwerlich Häuptlinge waren? Nachdem Winfrid 
auf dem altarförmigen Berge an der Stelle der 
Opferstätte ein kleines Bethaus — wir würden 
jetzt Kapelle sagen — errichtet und einige Mönche 
aus seiner Begleitung zu weiterer geistlicher 
Pflege und Missionirung dort zurückgelassen 
hatte, zog er nordöstlich in den fränkischen Hessengau 
und zwar gleich in das Herz desselben, nämlich 
in die Gegend an der Edder, wo am linken 
Ufer derselben, da wo jetzt Fritzlar liegt, ein 
heiliger Hain sich erhob, inmitten dessen eine dem 
Gotte Donar geweihte Eiche stand, die sog. 
Donar- oder Donnereiche. Nur eine Meije 
südwestlich von Gudensberg gelegen gehörte dieser 
Hain mit zu der ganzen in besonderem Grade 
den Göttern geweihten Gegend. 
Hier in diesem bevölkertsten Theile des Gaues 
predigte er, umgeben von seinen Begleitern, in 
der zuvor erlernten chattischen Sprache den 
staunenden Heiden zum ersten Male das Wort 
vom Kreuze und zwar gleich mit großem Erfolge. 
Nachdem er nämlich, wie sein Haupt-Biograph 
Willibald berichtet, „viele tausend Menschen von 
dem alten Heidenthume gereinigt und getauft 
hatte," theilte er diesen unverwarteten Erfolg so 
fort durch einen Boten dem Papste Gregor II 
mit und folgte nach Rückkehr seines Boten einer 
Einladung des Papstes nach Rom. Von hier 
kehrte er im Frühjahr 723, nachdem er vom 
Papste zum Regionarbischof, d. h. Bischof ohne 
festen Sitz, geweiht worden war und den ehrenden 
Beinamen Bonifazius erhalten hatte, gleich 
wieder nach Hessen zurück, um das angefangene 
Werk fortzusetzen. 
Indessen fand er nicht Alles bei den im vorigen 
Jahre Getauften, wie er hoffte, denn wenn auch 
ein Theil derselben, treu den in der heiligen 
Taufe übernommenen Pflichten, dem Heidenthume 
voll und ganz den Rücken gekehrt hatte, so daß 
Bonifazius ihnen nunmehr das Sacrament der 
Firmung ertheilen konnte, so „weigerten sich doch", 
wie Willibald berichtet, „Andere, welche noch 
nicht stark im Geiste waren, die Zeugnisse des 
unverfälschten Glaubens vollständig anzunehmen, 
denn Manche opferten verstohlen oder sogar un- 
gescheut in Gehölzen und an Quellen, Andere 
befaßten sich heimlich oder auch öffentlich mit 
Vorherverkündigungen und Wahrsagungen und 
mit Zaubereien und Beschwörungen, und wieder 
Andere dachten auf Vogelschau und Zeichendeutung 
und beobachteten verschiedene Opfergebräuche; 
Andere jedoch, welchen ein gesunderer Sinn bei 
wohnte, hatken alles Entheiligende des Heiden 
thums abgelegt und verübten nichts von diesen 
Dingen." Soweit der Biograph Willibald. Es 
geht aus diesen Worten hervor, daß derselbe hier
	        

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