Full text: Hessenland (7.1893)

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welche mir merkwürdig genug schien, sie dem Heraus 
geber des „Hessenland- zur Benutzung mitzutheilen. 
Anno 1535 ungefähr als Landgraf Philipp 
der Aeltere vielleicht anderer schwerer Händel per- 
turbieret (nicht wohl disponirt) und Heinz von 
Lütter, derzeit Hauptmann zu Ziegenhain und 
Obervorsteher der 4 Oberhospitalien übergeben gehabt 
(verächtlich behandelt), ist gemelter Heinz in großem 
Unmut vom Landgraf heimgegangen und hat seinem 
Diener Hans Sengarn befohlen, seine Gäule fertig 
zu machen, er wollte nach Straßburg reisen, und sich 
daselbst beneben ihm auf die Amtmeisterstube ver 
dingen. (Heinz ist damals noch ledig gewesen, er 
hätte keine Kinder, so hätte er auch Gelds genug, 
es hätt' ihn der Landgraf übergeben, welches er nit 
um ihn verdienet, auch nit wohl erdulden könnte, 
solche Cavillanten (Verspottungen) zu ertragen. 
Wie ihm nun sein Diener abwehret und allbereit 
seine Stiefelchen angezogen und davon wollte, läßt 
ihn der Landgraf wiederum zu sich fordern, erscheint 
Hans in seinen Stiefeln und Sporen, fragt ihn der 
Landgraf, wohin er wollte. Sagt Heinz, er wollte 
hinweg. Da antwortet ihm der Landgraf höflich 
und sagt: Siehe Heinz, wenn ein großer wuchtiger 
Mühlstein von einem großen Berg herunterliefe und 
du stündest unten am Berg und wolltest dem großen 
Stein nicht weichen und ihn im vollen Laufe aufhalten, 
da würdest du ja viel zu klein und gering zu sein, 
er würde dich doch gar zerquetschen und verderben, 
wenn du ihn aber wohl läßt herunterfallen, alsdann 
magst du ihn mit Vorteil aufhalten *) Siehe Heinz, 
also ist es auch mit mir als einem großen mächtigen 
Herrn auch beschaffen, ich bin dir viel zu schwer 
und mächtig, wo wolltest du dich wohl vor mir 
bergen und verkriechen. Wann aber der Zorn 
vorüber ist, alsdann kannst du deine Notdurfte und 
Entschuldigung wohl vorbringen. Hat also Heinz 
seine vorgenommene Reise eingestellt. 
Es ist wohl Heinz von Lütter eine kleine magere 
Person gewesen von Leib, aber in Händen wie auch 
von Gemüt stark und groß. Denn als ihn auf eine 
Zeit zu Ziegenhain im Schloß einer von Reckenrodt, 
ein großer starker von Adel, gevexiret, er wäre doch 
eine kleine unvertige Creatur, was er auch machen 
wollt? schweigt er still und als sie von Tisch auf 
gestanden, erwischt er den großen Mann ungewarnter 
Sachen und wirft ihn unter sich, dessen sich jeder 
mann verwundert hat.**) Er hat sich auch der Hos- 
pitalien treulich und ernstlich angenommen. Wann 
und so oft er nach Haina und anderen Hospitälern 
vorging, hat er ihm (sich) allemal aus den Armen 
ihren Topf Essen geben laffen, nicht besser oder 
*) Man meint Philipp wäre in Homer's Jliade 
belesen gewesen. 
**) Leute von besonderer Körperkraft waren noch: 
Johann von Ziegenhain und drei Pfarrer; Ulrich, 
Manne!, Knierim. 
mehr, den Wein, den er getrunken, hat er wohl 
contentirt, gesagt: Wenn ich sterbe, werden mich 
etliche Hofschranzen einen Heiligenfresser heißen, wie 
es geschehen ist. Er hat sich frisch und ernsthaftig 
gegen Jeden gezeigt und bewiesen. 
G. Th. D. 
Joachim Roell, der letzte Abt von Hers 
feld. Am 24. Februar 1606 starb Joachim Roell, 
Abt von Hersfeld, gewählt am 27. Oktober 1592. 
Er beschließt die lange Reihe von Aebten, nachdem 
das Stift Hersfeld 840 Jahre unter der Regierung 
des Krummstabes gestanden hatte. Abt Joachim war 
ein Mann von sanftem Charakter und redlichem 
Herzen und gewiß nicht ohne Gelehrsamkeit, da er 
die Freundschaft des Landgrafen Moritz von Hessen, 
des größten Gelehrten, der wohl je auf dem Throne 
gesessen, in vollem Maße besaß. Er wurde in der 
Stiftskirche zu Hersfeld begraben, die Leichenrede hielt 
dem katholischen Abte der protestantische Prediger 
Vitus. Von Joachim Roell heißt es bei Winkel 
mann: 
Et Joachimus erat ingens virtutibus abbas, 
Officio promptus, praeidioque bonis. 
Tranquillae semper pacis studiosus et aequi, 
Nil nisi vera loquens, nil nisi vera probans. 
Vom Landgrafen Moritz ist noch eine launige 
poetische Epistel in lateinischer Sprache an Abt 
Joachim vom Jahre 1603 vorhanden, die eine Ein 
ladung zur Jagd nach Friedewald enthält. Sie 
lautet: 
Reverendissimo Joachimo, 
confirmato Abbati Hersfeldensi Amico nostro. 
Haec tibi certificat nostram Joachime salutem 
Exoptat pariter teque salute frui; 
Significat reditum de Fulda, nec tacet ipsum 
Accessum ad laetum pacificumque nemus, 
Pacificum nemus, facturum sacra Dianae, 
In dicat, ad festum te Joachime vocat. 
Crastina lux ducat, salvum te ducat ad illam, 
Quae sacra est paci, pacis amore, domum. 
Linque domi vestem pullam, venatibus aptam 
Indue, quo faveat pulchra Diana tibi. 
Sic partem praedae capies, sic vota Dianae 
Persolves, et sic noster amicus eris. 
Adduc Nicolaum tibi, laurentemque Lucanum,*) 
Iunge viros laetos, laetitiaque probos. 
Nil mihi rescribas, sed protinus indue soccos 
Atque iter accelera, me pete, perge, veni! 
Gaude, cum nostram videas fumare culinam, 
Crede tibi quod sit copia parva cibi. 
Vix vini binos catinos tibi crede bibendos, 
Est locus in quo acidae valde bibuntur aquae. 
*) Der Propst Nikolaus Selig und der Hofprediger 
Lucanus.
	        

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