Full text: Hessenland (7.1893)

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Krautes unter die Füße zu legen. Es wurde 
festgestellt, daß dies Kraut schon seit einer Reihe 
von Jahren unter dem Namen Hörnermohn im 
botanischen Garten der Universität Rinteln ge 
zogen wurde. Karl Du Ry säete den ihm 
geschickten Samen, um das heilkräftige Kraut 
allgemein nutzbar zu machen, unter dem Weinberg 
am ehemaligen Philosophenweg aus, wo es sich 
bis vor vielleicht 40 Jahren selbst fortgepflanzt 
hat, dann aber in Folge der Veränderungen, 
die mit jener Gegend vorgenommen wurden, 
ausgerottet worden ist. 
Vom 15. April bis Johannis 1775 fiel kein 
Tropfen Regen, so daß „die Unglücksraben schon 
Ach und Weh schrien"; gegen Johannis trat 
eine von starken Gewittern begleitete Regenzeit 
ein, Mitte Juli wurde das Wetter wieder schön, 
so daß man sich keines so schönen Sommers seit 
1766 erinnerte. Es gab Kirschen im Ueberfluß 
und viel Getreide von guter Beschaffenheit. 
Der damalige hessische Gesandte in Berlin 
Oberst Graf, von O., früher Gesandter im 
Haag und in Wien, hatte das Geheimniß erfunden, 
in Berlin 26 000 Thaler durchzubringen, die 
einen Theil der Mitgift der Landgräfin*) aus 
machten. Das Geld war ihm ausgezahlt, um 
es nach Kassel zu schicken, er aber verlor es zum 
Theil im Spiel, und das übrige brachteer mit 
einer gewissen Frau von Münchow durch. 
Nach seiner Zurückkunft wurde ihm der Prozeß 
gemacht, er verlor seine Gardekompagnie und 
seine anderen Stellen „und sitzt nun in Spangen 
berg, Gott weiß, auf wie lange Zeit." 
Um diese Zeit erschien eine neue Beerdigungs 
ordnung. Die Kriegs- uud Domänenkammer 
ließ einen Leichenwagen**) bauen und gab ihn 
bei einem Fuhrwerksbesitzer Ullrich in der 
Müllergasse in Verwahrung. Die Verordnung 
bezweckte die Verminderung der Beerdigungs 
kosten. Wer in landgräflichen Diensten stand, 
wurde verpflichtet, den Wagen zu gebrauchen. 
Der Wagen war mit einem Himmel bedeckt und 
wurde bei der Beerdigung einer Person der 
sechs ersten Rangklaffen von vier, sonst von zwei 
schwarz verhangenen Pferden gezogen, deren jedes 
von einem schwarz gekleideten Stallknecht geführt 
wurde. Für eine Person der sechs ersten Rang 
klaffen gingen sechs, im übrigen vier Sargträger 
neben dem Wagen her. Pfarrer und Verwandte 
sollten dem Wagen zu Fuß folgen, bei Regen 
wetter aber wurden zwei Wagen gestattet, einer 
für den Pfarrer und einer für die Verwandten. 
Die Marschälle wurden beibehalten, nicht aber 
*) Landgräfin Philippine, geb. Prinzessin von 
Brandenburg-Schwedt. 
**) Dies war der erste Leichenwagen in Kassel. 
deren Ersatzmänner. Für eine Beerdigung mit 
sechs Pferden wurde der Fuhrlohn auf 3 Thaler 
10 Albus 8 Heller, für eine mit zwei Pferden 
auf 2 Thaler festgesetzt, jeder Träger erhielt 8 
Albus oder auch 10 Albus 8 Heller. Handwerker 
und Arme brauchten den Wagen nicht zu be 
nutzen , ersteren war gestattet, von den Zunft 
genossen getragen zu werden, letztere wurden 
durch die Träger der Hospitäler befördert. Kinder 
unter acht Jahren sollten in alter Weise, d. h. 
in einer Chaise begraben werden. Die erste 
Beerdigung vermittels des neuen Leichenwagens 
fand bei der Leiche der Mutter des Hofschmieds 
Kersting statt, es folgten ihr 4—500 Menschen, 
ungerechnet von etwa 100 Gassenjungen. 
Im Herbst 1775 kam der Erbprinz*) nach 
Kassel; über diesen Besuch erzählt Karl Du Ry 
folgendes: „Unser Erbprinz war auf seiner Durch 
reise im Gasthof zum Stralsund**) abgestiegen; 
er kam abends an und anderen Morgens gegen 
4 Uhr war er auf den Beinen, um die alten 
und neuen Gebäude zu besichtigen. Gegen 10 
Uhr traf ich ihn auf der Oberneustadt beim 
französischen Hospital, gefolgt nnd umgeben von 
einer großen Menge Menschen; alt und jung, 
groß und klein lief hinter ihm her und sagte: 
das ist der Erbprinz. Endlich von diesem Haufen 
ermüdet, gieng er aus dem Weißensteinerthor 
hinaus und befahl der Schildwache, niemanden 
hinaus zu lassen. Dann wandte er sich um 
die Mauer, als wenn er nach dem kölnischen 
Thor zu wollte; die Menge, durch diese Handlungs 
weise getäuscht, lief nach dem Königsplatz, im 
Glauben, daß er darüber zurückkehre. Ich 
gieng denselben Weg mit dem jungen Herrn 
Huber***). Als wir in der Nähe des Wilhelms 
thores vorbei kamen, sagte uns die Schildwache, 
die es durch eine Ritze wahrgenommen hatte, er 
sei auf seinem Weg zurückgekehrt, wir machten 
es ebenso und eilten mit großen Schritten zur 
Weißensteiner Allee. Dort stellten wir uns vor 
dem Amelungschen Haus auf, wo er vorbei kam, 
begleitet vom dicken Mals bürg. Er machte 
einen großen Theil des Weges zu Fuß und schlief 
zu Weißenstein; die Wasser ließ er aber erst am 
andern Morgen um 5 Uhr spielen, um der Menschen 
menge aus dem Wege zu gehen, die ihm sonst 
gefolgt wäre. Von dort besuchte er Wilhelms 
thal und Geismar und begab sich dann nach 
Hanau, von wo er einige Tage darauf nach 
England abgereist ist." 
Im Herbst 1775 wurden Fiaker eingerichtet, 
die auf dem Platz vor dem Schloß gegenüber 
*) Der spätere Landgraf Wilhelm IX.; er scheint inlog- 
nito gereist zu sein. 
**) auf der Altstadt 
***) Dessen Vater war Professor am Carolinum.
	        

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