Full text: Hessenland (7.1893)

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legen zu lassen, letzterer legte aber keine Rechnung 
ab. Eines schönen Sonntags nun begegneten 
sich beide auf dem Friedrichsplatz. Dumont 
redete Fe vs höflich wegen der Angelegenheit an, 
worauf dieser ausfallend antwortete und mit 
Prügeln drohte. Darüber aufgebracht, zog ihm 
Dumont einige Hiebe mit seinem Rohrstock 
über, der dabei auf Fevs's Rücken zerbrach. 
Als letzterer seinen Gegner entwaffnet sah, griff 
er nun zu seinem Stock, gab Dumont einige 
Schläge und hieb ihn namentlich in die Nähe 
des Auges, so daß das Blut herauslief. Nun 
konnte sich Dumont nicht mehr mäßigen, zog 
seinen Degen und traf den kleinen Advokaten so 
gut, daß dieser zur Erde stürzte. Dann rief er 
die Wache und ließ ihn auf die Pritsche bringen, 
er selbst aber meldete sich sofort beim Landgrafen, 
der ihm sofort Arrest gab, die Sache untersuchen 
ließ und, als er fand, daß Dumont der An 
greifer war, ihn auf 6 Wochen nach Spangen 
berg schickte. Kurz ehe diese Frist abgelaufen 
war, forderte Dumont seinen Abschied; da aber die 
Vorschrift bestand, daß Offiziere, welche ihren Ab 
schiedforderten, auf eine gewisse Zeit nach Spangen 
berg geschickt werden sollten, so hatte er eine neue 
Strafe zu verbüßen. F e v e anlangend, so diente 
dieser 3 Stunden lang mehr als 600 Menschen 
„aller Stände und Völker" im Wachthaus auf 
dem kleinen Weinberg *) zur Ergötzung und zum 
Schauspiel, dann wurde er in einer Portechaise 
nach Haus gebracht, um sich von seinen Hieben 
heilen zu lassen, und als er wieder ausgehen 
konnte, erhielt er seinen Abschied. 
Der Winter von 1774—75 war leidlich kalt. 
Die Kälte dauerte von 15. November bis 
Ende Januar, während der Schnee sechs 
Wochen lang zwei gute Fuß hoch lag. Anfang 
Februar 1775 begann ein längeres Regenwetter 
mit einzelnen schönen Tagen dazwischen. 
Anfang 1775 wurde das Chausfeegeld einge 
führt und zu dessen Erhebung wurden in ge 
wissen Entfernungen von einander Schlagbäume 
aufgerichtet. 
Um diese Zeit kaufte der Landgraf den ganzen 
Abhang des Weinbergs, um daselbst Weinbau zu 
betreiben. Er ließ einen Winzer von Genf 
kommen und alsbald 30 000 später noch 20 000 
Weinstöcke pflanzen. Der Plantagen-Inspektor 
Karl Du Ry mußte dort auch Maulbeerbäume 
anpflanzen und ließ die Weinbergsschanze**) ein 
ebenen , um dort solche Bäume zu pflanzen. 
Diese wurden in Alleen gepflanzt , deren jede 
ein Dorf oder einen bemerkenswerthen Berg als 
*) Dem jetzigen Auethor. 
**) Zwischen der Humboldtstraße und Wilhelmshöher 
Allee. 
Aussichtspunkt hatte, und die an ihren 
Kreuzungen verschiedene kreisrunde, länglich 
runde und viereckte Kabinette bildeten, „was sehr 
artig und von gutem Eindruck" war. „Ich 
glaube gern," schreibt Karl Du Ry seiner 
Schwester, „daß wir hier keinen Champagner 
ziehen werden, aber das schadet nichts, es ist 
immer eine Verschönerung; es wird besser aus 
sehen als der wüste Berg am Eingang der Stadt, 
und wenn die Sommer so warm sind als dies 
Jahr, so können wir auch einen trinkbaren Wein 
ziehen." Die Weinernte des ersten Jahres, um 
das gleich hier zu erwähnen, ergab eine Ohm, 
man hoffte aber später mehr zu keltern, schließlich 
ganz Hessen damit zu versorgen und auch noch 
auszuführen. Dem Weinbau stellten sich aber 
und ebenso der Seidenzucht klimatische Hinder 
nisse entgegen. In letzterer Richtung schreibt 
Karl Du Ry EndeJuli 1775: „Ich habe eben 
meine Seidenwürmer geerntet, es hat dies Jahr 
lange gedauert, weil das Frühjahr bis Ende 
Mai kalt gewesen ist und die Maulbeerbäume 
selbst erfroren waren, so daß ich die Würmer 
künstlich ausbrüten mußte. Die Seidenwürmer 
würden recht gut gerathen sein, wenn das Laub 
nicht gefehlt hätte; aber dies letztere hatte ein 
wenig gelitten." Man bevorzugte die schwarzen 
Würmer, weil diese die schönsten Kokons geben. 
Die Ernte von 1775 ergab 140 Pfund Kokons, 
je 3 Unzen schwer, und 30 Pfund zu je andert 
halb Unzen; der Vereinbarung zufolge erhielt 
die ersteren der Landgraf, die letzteren Karl 
Du Ry als Honorar. Wein und Seidenbau 
giengen bald wieder ein.*) Es mögen hier noch 
einige andere botanische und gärtnerische Nach 
richten mitgetheilt werden. Karl Du Ry 
sandte seiner Schwester nach Sttdfrankreich 
holländische, englische, lange rothe Nieren- und 
dicke weiße Frühkartoffeln, Schwertbohnen und 
Erbsen, letztere aus dem Garten des Herrn von 
Zanthier**), die also wohl die besten zu Kassel 
gewesen sein müssen, dazu einen Host Nachtviolen, 
einige immer tragende Erdbeeren und eine Blech 
büchse mit Cichorienkaffee, dagegen sandte die 
Schwester dem Bruder den Samen eines Krautes, 
das sie zu Carassoune gefunden hatte, das für 
Wunden heilkräftig sein sollte, wenn man sie 
mit dem Saft der Pflanze beträufelte und mit 
einem ihrer gequetschten Blätter bedeckte, wie es 
auch gegen das Wundgehen der Füße wirksam 
sein sollte, täglich zweimal frische Blätter des 
*) Der letzte Rest der gewonnenen Seide befindet sich 
als ein aus dem Nachlaß von Karl Du Ry stammendes 
Knäuel Rohseide in der mit der städtischen Bibliothek zu 
Kassel verbundenen Sammlung hessischer Alterthümer. 
**) Dieser Garten lag an der Stelle des jetzigen Friedrichs- 
Gymnasiums.
	        

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