Full text: Hessenland (7.1893)

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Erinnerungen aus dem Weben des Hymnastalöirektors 
Wr. W. Krauns 
(ch 1846 zu Rinteln) 
von Dr. V. Siebert. 
Motto: e 0 /ur] cfageig ut/&Q(07iog 
ov TuadsvEicu. 
^Ä.arl Eduard Brauns*) war geboren 
VZ d. 9. Mai 1793 zu Rotenburg a. d. Fulda. 
0^4 Sein Vater war Christian Wilhelm Brauns. 
Hauptmann im Grenadierbataillon Landgraf 
Karl; dieser, von Geburt ein Hannoveraner, war 
schon in früher Jugend bei den hessischen Truppen 
angestellt und hatte als Fähndrich den nord 
amerikanischen Krieg mitgemacht.**) Die Mutter 
war eine Tochter des Stadtschulzen Weiß zu 
Hofgeismar. „Der Vater, so heißt es in den 
handschriftlich von ihm hinterlassenen „Bruchstücken 
aus meinem Leben," zog den Tag nach meiner 
Geburt in den Flandrischen Krieg, aus dem er, 
nachdem er in Dpern gefangen worden und 
während der Robespierreschen Schreckenszeit in 
großer Lebensgefahr gewesen war, erst im Jahre 
1795 in die Heimath zurückkehrte. Meine Mutter 
hatte unterdes mit mir in Hofgeismar gewohnt. 
Das Regiment meines Vaters wurde zur Garnison 
in Hanau bestimmt. Dort wohnten wir mehrere 
Jahre. Im 5. Lebensjahre erkrankte ich lebens 
gefährlich an den Blattern. Das Gesicht ward 
durch Narben entstellt und an bösen Augen litt 
ich bis zum 14. Jahr. — Eine Schwester war 
schon vor meiner Geburt gestorben. Die Mutter 
sagte mir, das liebe Schwesterlein wohne jetzt im 
Himmel bei Gott und spiele mit den seligen 
Engelein. Als ich mit den Eltern einst in einem 
Garten war, neben welchem ein klares Bächlein 
floß, in dem sich der Himmel spiegelte, ergriff 
mich eine wunderbare Sehnsucht nach dem nie 
*) Da die Erlebnisse und Schicksale dieses Mannes, 
der sich durch eine harte Jugend zu seinem Beruf hindurch 
gekämpft hat, zugleich ein anschauliches Bild davon geben, 
wie die weltgeschichtlichen Vorgänge vor ungefähr einem 
Jahrhundert in das Leben des Einzelnen eingriffen, die 
Weltbegebenheiten aber selbst wieder durch die Erinnerung 
eines Einzelnen ihr besonderes Licht erhalten, so wird ein 
Einblick in dieses Leben den Lesern der Zeitschrift will 
kommen sein. 
**) Auch hier keine Spur von jener ganz ungeschichtlichen 
Auffaffung, als habe ein Verkauf hessischer Landeskinder 
an England stattgefunden. 
gesehenen und doch so theuren Schwesterchen, und 
ich sprang ins Wasser. Zum Glück war der 
Bach nicht tief. Ich erhob ein klägliches Geschrei; 
der Vater half mir heraus. Die Mutter weinte. 
Das Lernen ward mir leicht. Ein artiges 
Kind war ich auch, wie mir die Schwestern 
meiner Mutter oft versichert haben. Vorsätzlich 
habe ich meine Eltern nie betrübt, oft betete ich 
zu Gott, daß er es ihnen möge wohl gehen 
lassen. Die gottesfürchtigen Eltern erzogen mich 
in der Furcht des Herrn. Der Vater strafte 
mich oft hart, zeigte aber auf der andern Seite 
so innige Liebe, daß ich ihn immer sehr lieb 
behielt." Die Mutter liebte ich noch mehr und 
hegte zu ihr ein unbedingtes Vertrauen. An 
Entbehrungen aller Art wurden wir gewöhnt. 
Nur zweimal in der Woche bekamen wir Butter 
brot, worauf wir uns mehr freuten als ver 
weichlichte Kinder auf Biscuit und Marzipan. 
Spielsachen mußten wir uns selbst machen und 
hatten keine Langweile. 
Von meinem 6—7 Lebensjahre wohnten wir 
in Langenschwalbach. Hier besuchte ich zuerst 
die Schule. Das Regiment meines Vaters, der 
inzwischen Kapitän geworden war, jedoch ohne 
Kompagnie, wurde nach Hersfeld verlegt. Hier 
wohnten wir bis zu meinem 9. Jahr. In der 
Schule lernte ich auch etwas Latein. Ich hatte 
eine große Achtung vor dem Lehrer, ich gehörte 
zu seinen Lieblingsschülern. In den Mußestunden 
spielten wir Soldaten. Untröstlich war ich, als 
sich mein zahmes Eichhörnchen an seinem Kettchen 
erdrosselt hatte. Unter Thränen flehte ich zu 
Gott, er möge meinen Liebling in das Leben 
zurückrufen, und erst spät konnte ich mich ent 
schließen das todte Thierchen zu begraben. 
Ausflüge mit den Eltern nach benachbarten 
Dörfern, mit einer sauren Milch oder Butterbrot 
am Ziele der Wanderschaft, waren immer ein 
Fest für mich. So entwickelte sich schon früh 
der Sinn für Naturschönheit. 
Der Vater erhielt nun eine Kompagnie bei 
dem Grenadierbataillon des Regiments Landgraf 
Karl, wodurch seine äußere Lage sich sehr ver-
	        

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