Full text: Hessenland (7.1893)

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kurie des preußischen vereinigten Landtags, und seit 
der Bildung des Herrnhauses war er ununterbrochen 
dessen thätiges Mitglied. Von 1856 bis 1876 
war er dort einer der Abtheilungsvorsitzendcn. Als 
Graf Otto Stollberg-Wcrnigerode, zum Botschafter 
in Wien ernannt, den Vorsitz niederlegen mußte, 
wurde er am 1t. Januar 1877 zum Herrenhaus- 
Präsidenten erwählt. Er hat dieses Amt ununter 
brochen mit allseitig anerkannter Unparteilichkert und 
Geschäftsgewandtheil in völliger Unabhängigkeit geführt. 
Im Jahre 1850 war er Mitglied des deutschen 
Parlaments in Erfurt, und vom Jahre 1867 bis 1878 
hat er im norddeutschen und bis zum Jahr 1887 im 
deutschen Reichstage den Kreis Breslau-Neumarkt 
vertreten, bis er dort bei den Neuwahlen 1890 der 
Gegnerschaft des Centrums unterlag und durch den 
Freiherrn von Huene ersetzt wurde. 
Bekannt ist der Name des Verblichenen in der 
Sportwelt. Sein Interesse für Pferdezucht äußerte 
sich durch die Gründung des Unionklubs, dessen Vor 
sitzender er über 25 Jahre war, und dessen Verdienste 
um die Hebung der deutschen Nennen allerseits an 
erkannt werden. Für gemeinnützige Interessen hat 
fer eine lebhafte und mannigfaltige Thätigkeit ent 
faltet. Das deutsche Gewerbemuseum in Berlin, 
das Viktoria-Lyzeum, der Jnvalidendauk haben ihm 
ganz besondere Anerkenung zu widmen, da er viele 
Jahre lang an der Spitze ihres Vorstandes gestanden 
hat. Unvergessen wird ihm auch bleiben, daß er 
1860 den Dichter Hoffmann von Fallersleben, der 
wegen seiner politischen Lieder 1842 seines Amtes 
als Professor in Breslau entsetzt worden war, zum 
Bibliothekar seiner Bibliothek in Corvey berufen hatte, 
um auf diese Weise dem muthigen Dichter bis zu 
seinem Tode im Jahre 1874 ein sorgenfreies Alter 
zu sichern. In der Reichshauptstadt, wo er alljährlich 
mehrere Monate im Winter weilte, öffnete er seine 
gastlichen Räume weiten Kreisen der Gelehrten- und 
Kunstwelt. Er hatte sich hier ein großes Palais, 
dem Geueralstabsgebäude gegenüber, errichtet, und 
hier verstanden er und die Herzogin, eine geborene 
Prinzessin von Fürstenberg, mit der er seit dem 
19. April 1845 in glücklicher Ehe verheirathet war, 
es schnell, einen vielgesuchten Mittelpunkt des her 
vorragendsten geistigen Lebens der Reichshauptstadt 
zu bilden. Besonders vertrauliche Beziehungen ver 
banden ihn mit dem alten Kaiser Wilhelm, der ihn 
zu seinen treuesten und anhänglichsten Freunden zählte, 
und daß er sich auch der besonderen Hochschätzung 
des gegenwärtigen Kaisers Wilhelm II. erfreute, geht 
schon daraus hervor, daß dieser sich an der Leichen 
feier für den Dahingeschiedenen, die am 3. Februar 
zu Schloß Räuden stattfand, persönlich betheiligle. 
Universitätsnachrichten. Der außerordent 
liche Professor in der juristischen Fakultät zu 
Göttingen Dr. Alexander Leist — vor seiner 
Berufung nach Göttingen Privatdozent in Marburg 
— ist vom 1. April d. I. ab in gleicher Eigenschaft 
an die Universität Marburg versetzt. — Der 
bisherige Medizinal - Assessor und außerordentliche 
Professor an der Universität Marburg. Dr. Franz 
T u c z e k, ist zum Medizinal-Rath und Mitglied des 
Medizinal-Kollegiums für die Provinz Hessen-Nassau 
ernannt worden — Dr. Richard Cramer, Sohn 
des Direktors der Jrrenheilanstalt zu Marburg. 
Geheimen Medizinalraths Professor Dr. Cramer, hat 
sich in der medizinischen Fakultät der Universität 
München als Privatdozent habilitiert. — Der 
Königliche Oberförster Dr. Heinrich Martin 
zu Jesberg wird am 1. April d. I. einen zwei 
jährigen Urlaub antreten, um während dieser Zeit 
als Lehrer der Forstwissenschaft an der Universität 
Gießen zu wirken. — Der außerordentliche Professor 
der Rechtswissenschaft Dr. Hermann Nehm 
zu Marburg ist als ordentlicher Professor für 
Deutsches Privatrecht und Handelsrecht an die Uni 
versität Gießen berufen worden und hat den Ruf 
angenommen. Dr. Nehm war im Jahre 1891 
von München als außerordentlicher Professor für 
Staats-, Verwaltungs-, Völker- und Kirchenrecht nach 
Marburg berufen worden. — Der ordentliche ProfessOr 
der klassischen Philologie und Direktor des philologischen 
Seminars Dr. Theodor B i r t in Marburg hat 
den an ihn ergangenen ehrenvollen Ruf an die Universität 
Breslau abgelehnt. 
Wie sollte der König der niederhess. Werge 
eigentlich heißen?*) 
Ein Aufruf an alle hessischen Landsleute, 
besonders die Touristen, an Sprach 
forscher und an Jünger der Erd- und 
Landeskunde. 
I. (Behauptung.) Der jetzt üblichen Schreibung 
Meißner (auch wohl Meisner in Büchern und auf 
Karten stehen einstimmig entgegen erstens die gc- 
sammte geschichtliche Ueberlieferung des Namens 
und zweitens die gleichlautende Aussprache des 
Wortes bei der um- und anwohnenden Bevölkerung. 
Denn alle Urkunden des Mittelalters nennen nach 
Landau (Beschreibung des Kurfürstenthums Hessen, 
Cassel 1842, Seite 293 unten) den Berg „Wissner" 
und der Landmann auf allen Seiten des ditz» Fulda 
von der Werra trennenden Höhenzuges spricht noch 
heutigen Tages „Wiss(e)ner* mit betontem, 
*) Auf Wunsch des hochgeschätzten Herrn Verfassers 
bringen wir den obigen, den „Touristischen Mittheilungen" 
Nr. 7, Kassel 1893, entnommenen Aufruf zum Abdruck. 
D. Red.
	        

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