Full text: Hessenland (7.1893)

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„Eine solche werde ich wohl nie finden, mein 
gnädiges Fräuleinversetzte Doktor Franke 
und sah sie staunend an. 
„Desto besser für Sie, für Alle, die Großes 
von Ihnen erwarten! Sie müssen frei und un 
abhängig bleiben, wenn Ihre Gaben zur höchsten 
Entfaltung kommen sollen. Es betrübt mich 
wahrhaft, daß Sie dies nicht selbst empfinden," 
„Halten Sie denn mein Talent wirklich für 
so bedeutend, daß Sie glauben, ich müsse ihm 
künftig alle meine Kraft widmen?" 
„Gewiß thue ich das," gab sie ernst und ent 
schieden zurück „Sie wissen", ich kann nicht 
schmeicheln. Es ist meine heiligste Ueberzeugung, 
wenn ich Ihnen heute wie damals sage, es 
giebt nur die eine Aufgabe für Sie, und diese 
ist, unserem Volke eine Anzahl guter, geistig und 
sittlich bedeutender Dramen zu schenken. Es 
können Viele die Stellung eines Bibliothekars 
ausfüllen, aber nur wenige das höhere Amt 
eines Dichters. Und ein Dichter müssen Sie 
bleiben, darin darf Sie selbst kein König irre 
machen." 
Baronesse Susanna hatte mit Begeisterung 
gesprochen. Ihr Gesicht glühte, ihr Athem flog, 
als das letzte Wort über ihre Lippen kam. 
In unaussprechlicher Wonne sah er sie an, er 
wußte nun, daß die Stimme seines Genius aus 
ihr gesprochen hatte, daß es keine Wahl mehr 
für ihn geben konnte. Aber er hörte auch, wie 
laut ihr Herz klopfte und durchschaute mit 
einemmale in beseligender Erkenntniß, wie theuer 
er ihr war und immer gewesen sein mußte. Und 
diese Ueberzeugung, die immer tiefer in seine 
Seele drang, je länger er sie in holder Ver 
schämtheit neben sich sitzen sah, gab ihm plötzlich 
einen unerhörten Muth: „Ja," rief er, ihre leise 
bebende Hand erfassend, „ja, ich will mir treu 
bleiben, will keinen Augenblick mehr schwanken! 
Jedoch, wenn ich wirklich ein ächter Dichter 
werden und noch etwas Großes leisten soll, 
dann darf mich meine holde Muse nicht wieder 
fliehen! Nun werden Sie zum letztenmale mein 
Orakel und entscheiden Sie über mein Glück 
und meine Zukunft." 
Er sah sie in leidenschaftlichem Verlangen an 
und näherte sich ihr immer mehr. Baronesse 
Susanna blieb äußerlich ruhig, aber sie wurde 
ganz blaß, als sie nach kurzer Pause entgegnete: 
„Sie legen viel in meine Hand, doch wenn ich 
wirklich zu Ihrem geistigen Wohl, zu ihrem 
Glück etwas beitragen kann, so bin ich gewiß 
gerne bereit dazu." 
„Susanna, ist es wahr, ist es kein Traum, 
liebst Du mich denn wirklich?" rief er jubelnd 
und schlang seinen Arm um sie. 
Erröthend hauchte sie ein leises „Ja" und 
ließ es willig geschehen, daß er sie in der stillen 
Umgebung blühender Bäume herzlich küßte und 
stürmisch an sein Herz drückte. Aber Franke 
konnte sich so leicht noch nicht in sein großes 
Glück finden. Er war wie berauscht und mußte 
ihr immer wieder in's glückstrahlende Antlitz 
sehen, um sich von der beseligenden Wahrheit zu 
überzeugen. — 
„O, warum war ich kleinmüthig, warum habe 
ich mich nicht früher an die Erkenntniß beseligender 
Augenblicke gehalten?" fragte er erregt. „Wie 
manche qualvolle Stunde wäre mir erspart 
geblieben!" 
„Auch mir," erklärte sie mit der edlen Offen 
heit, die einen Grundzug ihres Wesens bildete. 
„Aber muthige Aufrichtigkeit, die doch am meisten 
herzliche Neigung verrathen kann, schlägt oft die 
besten Menschen mit Blindheit. Mir wäre 
diese Blindheit beinahe verhängnißvoll geworden, 
wenn Gott um einer wahren Liebe willen nicht 
manchmal noch den Zufall eine dankbare Ver 
mittlerrolle spielen ließe." 
Franke verstand den leisen Vorwurf wohl und 
sah verlegen zu Boden. Dann aber zog er sie 
in unaussprechlicher Seligkeit wieder all sich und 
bat sie, ihm heilig und theuer zu versprechen, 
daß sie allzeit auch ferner sein ehrliches Orakel 
bleiben wolle. 
Als dies geschehen, machte das junge Paar 
einen Gang durch den Garten, dessen lenzlicher 
Schmuck die glückliche Stimmung ihrer Herzen 
noch erhöhte. Während die Finken schmetterten, 
die Falter im hellen Sonnenscheine tanzten, 
unterhielten sich die beiden glücklichen Menschen 
wieder von der schönen Zeit vor zwei Jahren, 
in der sich in ländlicher Stille ihre Herzen für 
immer gefunden hatten. Alles lebten sie noch 
einmal durch, auch die kilrze bange Zeit des 
gegenseitigen Meidens. Dann traten sie doppelt 
beglückt dem gräflichen Ehepaare entgegen. Dies 
zeigte zwar beim Anblick des Brautpaares 
großes Staunen, war aber durch mancherlei 
Beobachtungen im Grunde genommen keineswegs 
überrascht. 
In den nächsten Wochen bildeten die beiden 
gleichzeitig veröffentlichten Verlobungen den 
hauptsächlichsten Gesprächsstoff in den höheren 
und höchsten Kreisen der Residenz. Obwohl 
man nicht genug darüber erstaunen konnte, daß 
Graf Düren sich eine ganz unbemittelte Braut 
ausgesucht habe, wurde Doktor Frankes Herzens- 
bündniß mit der reichen Erbin doch noch ein 
gehender nach allen nur denkbaren Punkten scharf 
beleuchtet. Die Einen beneideten den jungen 
Dichter um sein unerhörtes Glück, die Anderen 
bemitleideten ihn, weil er neben einer gesell 
schaftlich hoch über ihm stehenden Frau doch nur
	        

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