Full text: Hessenland (7.1893)

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Küchengarten, den Garten des Prinzen George, *) 
die Gärten zu Morschen, Jesberg, Wabern und 
Freienhagen. Die Unterhaltung der Aue und des 
„fürstlichen Gartens"**), sowie der Menagerie ***) 
sollten in Verding gegeben werden. Es scheinen 
sich aber keine Liebhaber gefunden zu haben. 
Am 10. Oktober wurde der Geburtstag der 
Landgräfin Philippine zu Weißenstein 
durch ein großes Fest mit Illumination und 
Feuerwerk gefeiert. 
Eine 15—16 jährige junge Dame namens 
Keppel rückte, während ihr Vater verreist war, 
mit ihrer Magd aus. Zur Bestreitung der Reise 
kosten brachte sie die Kleidungsstücke und das 
Leinenzeug ihres Vaters auf den Lombard, er 
brach dessen Bureau und nahm alles Geld, das 
sie finden konnte. Sie entwich in der Richtung 
nach Frankfurt zu. v 
Alles erstaunte sich damals, daß der resormirte 
Pfarrer Kn yri m zu Melsungen eine Lutheranerin, 
Fräulein Hubert, heirathete. 
Das alte französische Hospital f) wurde für 
2050 Thaler an den Weißbinder Waßmuth 
verkauft und das Geld zur Bezahlung der Bau 
kosten des neuen Hospitals verwandt. 
Kassel wurde in acht Bezirke eingetheilt, für 
das Land wurden Landrüthe angestellt, deren 
Aufgabe die Förderung der Landwirthschaft, der 
Gewerbthätigkeit und der Fabriken, zugleich aber 
auch die Beaufsichtigung der Verwendung der 
städtischen Einkünfte sein sollte, zu jedem Land 
rathsamt wurden vier bis fünf Aemter geschlagen. 
*) Beide unterhalb der schönen Aussicht. 
**) Der jetzigen sogenannten kleinen Ane. 
***) Unterhalb des Frankfurter Thores, 
t) In der Georgenstraße. 
Das Karl-*) und Königsthor**) wurden 
geschlossen, so daß man, um von der Karlstraße 
auf deu oberen Weinberg zu gelangen, aus dem 
Weißensteiner Thor gehen mußte. 
Kaufmann Roux legte vor seinem Haus***) so 
schlechte Platten auf den Bürgersteig, daß man 
nicht darübergehen konnte, ohne fürchten zu müssen, 
den Hals zu brechen, einige davon waren 8 Zoll 
höher, als sie sein durften. Die Pflaster-Kom 
mission erkannte dies nicht als eine ordnungs 
mäßige Herstellung des Bürgersteiges an und 
verlangte Aenderung. Roux weigerte sich be 
harrlich, eine Aenderung vorzunehmen, und wandte 
sich mit verschiedenen Beschwerden an den Land 
grafen, die dieser einfach an die Komission abgab. 
Endlich riß letzterer die Geduld, und sie ließ 
zwangsweise auf Roux Kosten einen ordnungs 
mäßigen Zustand herstellen. 
Im Jahre 1773 war ein sehr scköner Herbst, 
so daß es bis zum 13. November weder gereift 
noch gefroren hatte. 
Auch sprach man um diese Zeit wieder von der 
Ausführung des Kanals zwischen Karlshafen und 
Kassel. 
Die kasseler Bürgerkompagnieen wurden von 
zweien auf sechs gebracht, zu denen der Landgraf 
die Offiziere ernannte. Bei der Kompagnie der 
Oberneustadt war Hauptmann der Posamentier 
Wagner, Lieutenant der Wirth zum schwarzen 
Adler ff) Heydecker und Fähnrich ein junger 
Bindernagel. (Forts, folgt.) 
*) Am oberen Ende der Karlstraße. 
**) Am oberen Ende der Königstraße, nicht zu ver 
wechseln mit dem jetzigen Königsthor, das damals Weißen 
steiner Thor hieß. 
***) Der jetzigen Kommandantur. 
4) Dies Gasthaus lag an der Ecke der Wilhelms- (damals 
Amalienstraße) und Königstraße, dem Meßhaus gegenüber. 
Uovelleike von <£. Mentzel. 
(Fortsetzung und Schluß.) 
inen noch viel größeren Erfolg als Doktor 
Frankes Novellen erlebte sein bald nach 
dem Erscheinen der letzteren aufgeführtes 
Schauspiel, das einen Stoff aus dem modernen 
Leben in höchst wirksamer und ethisch bedeutender 
Weise behandelte. Der König und Prinz Ludwig 
Wilhelm wohnten der ersten Aufführung bei 
und gaben selbst mehrmals das Zeichen zu nicht 
enden wollendem Beifall. Auch die gesammte 
Kritik, die Franke beim Erscheinen früherer 
Werke oft scharf getadelt hatte, war mit diesem 
Erfolge einverstanden. Sie bekannte einstimmig, 
daß die deutsche Bühne in ihm wieder einen 
Dichter gefunden habe, dessen glückliche Begabung 
die strenge Wahrheit des Lebens mit den idealen 
Anforderungen der Kunst zu vereinigen wisse. 
Obwohl Doktor Franke auf die Kritiken einiger 
kunstverständigen Männer im höchsten Grade 
gespannt war, griff er doch am andern Morgen 
nicht zuerst nach den bedeutenden Zeitungen, 
sondern nach einem Briefe, der in der Aufschrift 
die bekannten festen Schriftzüge trug. Hastig
	        

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