Full text: Hessenland (7.1893)

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Geschichte: Ein armer Landmann aus der Um 
gegend von Kassel hatte mehrere Kinder, aber 
kein Brot für sie. Er lud deshalb einige Bunde 
Stroh, die er besaß, auf einen Schubkarren, um 
sie nach Kassel zu bringen und dort ihren Ver 
kauf zu versuchen. Als er sich dem Leipziger 
Thor näherte, begegnete ihm ein kleiner Mann, 
der ihn fragte, was er mit dem Stroh anfangen 
wollte. Auf die Antwort, er wolle es verkaufen, 
rieth ihm der kleine Mann dies nicht zu thun, 
sondern in eine Schenke zu gehen und es dort 
gegen einen Schoppen Wein zu vertauschen. 
Der Bauer sagte darauf, wenn er Wein tränke, 
würden seine Kinder nicht gesättigt, aber der 
kleine Mann drang in ihn, daß er in eine Schenke 
gehen solle. Endlich gehorchte der Bauer, ging 
in die ihm bezeichnete Schenke und forderte einen 
Schoppen Wein für sein Stroh. Man brachte 
ihm diesen in einem Krug, als er aber trinken 
wollte, fand es sich, daß der Wein in Korn ver 
wandelt worden war. Er rief den Wirth, dieser 
war über die Verwandlung sehr erstaunt, lud 
ihn ein, mit ihm in den Keller zu kommen, und 
zog zum zweitenmal von demselben Faß ab. 
Aber kaum war der Wein im Krug, so verwan 
delte er sich in Blut. Sie zogen zum dritten 
mal ab, und da war der Krug sofort mit Geld 
gefüllt, welches der Bauer sehr vergnügt von 
dannen trug. Auf dem Rückweg fand er den 
kleinen Mann noch an derselben Stelle, wo er 
ihn verlassen hatte, und erzählte ihm, was ihm 
begegnet sei. Dieser sagte, er wisse es schon, das 
habe ein Engel gethan, das Korn bedeute, daß 
die nächste Ernte eine vorzügliche sein werde, 
das Blut, daß es im nächsten Jahre große Kriege 
gäbe, und das Geld, daß er später soviel Geld 
haben werde, daß er nicht wissen werde, was er 
damit anfangen solle. Dies wurde wie ein 
Evangelium geglaubt. 
Im Jahre 1771 herrschte in Kassel Faulfieber. 
Ende Juli 1773 mußte das Kürassierregiment 
von Wolfs, weiß und blau, seine Pferde abgeben, 
die zu Bettenhausen verkauft wurden. Dadurch 
glaubte man eine Ersparniß von 16000 Thalern 
zu erzielen. Eine Anzahl hessischer Offiziere 
verschiedener Grade forderten ihren Abschied und 
traten in preußische Dienste, um in den neuen 
Regimentern, welche Friedrich der Große 
in Polen bildete, eingestellt zu werden. Unter 
anderen erhielt ein Herr von Wintzingerode 
ein preußisches Dragoner - Regiment. 
Im Sommer 1773 richteten die Menschen 
blattern viel Unheil an. Ende Juli und Anfang 
August starben wöchentlich 5—6 Kinder an ihren 
Folgen; auch herrschte Scharlach gemischt mit 
Fleckfieber. 
Als ein neues wirksames Mittel gegen die 
Schwindsucht wurde damals der Aufenthalt in 
den Kuhställen empfohlen, wovon man, nament 
lich in Paris, gute Wirkungen beobachtet haben 
wollte. 
Während der Augustmesse wurde die Hochzeit 
des Freiherrn Knigge mit der Hofdame Fräu 
lein von Baumbach am Hof im Orangerie 
schloß gefeiert. 
Um diese Zeit schenkte der seit 1772 als fran 
zösischer Gesandte in Kassel angestellte Oberst 
Charles Olivier de Saint Georges 
Marquis de Verac dem Landgrafen Frie 
drich II. eine Gruppe aus Sevre- Porzellan, 
Pygmalion mit seiner belebten Aphrodite-Statue 
darstellend*) an deren Fußgestell die Verse an 
geschrieben waren: 
„Si Pygmalion la forma, 
Si le ciel anima son etre, 
L’amour fit plus, il l’enflamma, 
Sans lui que serviroit de naitre?“ 
Der Marquis ließ die Gruppe, während der 
Landgraf auf der Parade war, in dessen Zimmer 
in dem Orangerieschloß setzen, wo sie der Land 
graf bei seiner Rückkehr fand. Nicht nur das 
Geschenk selbst, sondern vor allem die galante 
Art der Ueberreichung entzückte den Landgrafen 
sehr. Gleichzeitg gab Marquis de Verac in 
seiner Wohnung in der oberen Karlstraße**) ein 
großes Fest. Alan versammelte sich um 6 Uhr 
abends, die einen tanzten, die andern spielten. 
Um 9 Uhr mußte mit dem Tanzen aufgehört 
werden, damit im Saal gedeckt werden konnte. 
Um V 2 12 fing der Tanz wieder an und dauerte 
bis 4 Uhr morgens. Vor dem Haus waren 
zwei Schildwachen aufgestellt, auch waren die 
drei dort befindlichen Straßenlaternen beseitigt 
und an ihrer Stelle sowie an noch zwei weiteren 
Plätzen Näpfe voll Talg aufgestellt, so daß die 
ganze Straße erleuchtet war. Eine Menge Zu 
schauer erfüllte die Straße und die benachbarten 
Häuser. 
Prinz Friedrich schenkte seinem Vater 
Landgraf Friedrich II. einen Elefanten***) 
für die Menagerie; er hatte ihn vom Prinzen 
von Oranien erworben und erhielt von seinem 
Vater als Gegengeschenk zwei Pferde. 
Da, wohl in Folge der großen Ausgaben für 
den Hofhält, das Geld knapp geworden war, so 
erwog man den Gedanken, den größten Theil der 
fürstlichen Gärten zu verpachten, nämlich den 
*) Ueber das weitere Schicksal dieser Gruppe fehlt mir 
leider jede Kenntniß. 
**) Gegenüber dem jetzigen Militär-Kasino. 
***) Das Gerippe dieses Elefanten steht noch im Kunst 
haus.
	        

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