Full text: Hessenland (7.1893)

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dabei ansah, daß er wie verzaubert war und 
alle Kraft zusammen nehmen mußte, um sich 
nicht zu einer gefährlichen Unvorsichtigkeit hin 
reißen zu lassen? — Ja, die schöne Zeit war 
dahin, dahin auf immer, in der sich die vornehme 
Dame in der Rolle einer gütigen Fee gefallen 
hatte! Jetzt, wo ein so reicher Freier wie Graf 
Düren sich eifrig um ihre Hand bewarb, jetzt 
mußte sie sich zusammennehmen und eine geistige 
Freundschaft verleugnen, die für den hochgestellten 
Herrn jedenfalls bald ein Stein des Anstoßes 
gewesen wäre! — 
Während solcher Gedankenfolgerungen krumpfte 
sich das Herz des jungen Dichters vor heimlichem 
Groll und Weh zusammen, und er empfand 
zum ersten Mal über seinen Triumph eine wohl 
thuende Genugthuung. Doch obgleich er nur 
mit Bitterniß an Baronesse Susanna dachte, 
kam er doch in merklicher Unruhe einer Auf 
forderung Graf Wenderlin's nach, der ihn jetzt 
bat, sich ein wenig nach dem Sturme auszuruhen 
und mit ihm einen Gang durch den Wintergarten 
zu machen. 
Etwas später standen die beiden Herrn vor 
Baronesse Susanna, die sich auf eine Bank 
zwischen hohen Koniferen niedergelassen hatte. 
Franke wollte durchaus ruhig erscheinen, konnte 
es aber nicht verhindern, daß sein Herz doch 
recht ungestüm zu pochen anfing, als er der 
hohen, königlichen Erscheinung gegenüberstand und 
die schönen dunklen Augen mit ruhiger Klarheit 
auf sich gerichtet sah. 
„Nun, meine Gnädige," begann Graf Wenderlin 
artig, „Sie freuen sich sicher auch über den Erfolg, 
den unser gemeinsamer Freund heute Abend 
erlebte." 
„O gewiß, Herr Graf", gab die junge Dame 
leicht erröthend zurück. „Ich gönne dem Herrn 
Doktor alles Gute, hätte mich aber allerdings 
noch mehr gefreut, wenn er diesen Sieg einer 
seiner anderen Arbeiten verdanken würde." 
„Einer seiner anderen Arbeiten?" wiederholte 
der alte Herr betroffen und streifte mit einem 
scheuen Blick das Antlitz des jungen Dichters. 
Dieser hatte sich entfärbt und nagte verlegen an 
der Unterlippe. 
»Ja, Herr Graf", fuhr Baronesse Susanna 
im Tone ernster Ueberzeugung fort. „Wer einen 
so tiefen Einblick in die geistige Werkstätte des 
Herrn Doktor Franke gethan hat wie ich, der 
weiß, daß er viel Bedeutenderes leisten kann 
als diese Novellen. Es mag nicht recht von mir I 
sein, dies gerade heute Abend auszusprechen, doch | 
ist es mir nun einmal unmöglich, gegen meine 
Ueberzeugung zu reden." 
Graf Wenderlin tupfte sich verlegen mit einem 
feinen Taschentuch an die Stirne. Er wußte > 
in der That nicht, wie er den Eindruck des 
Urtheils der schönen unerbittlichen Richterin 
wieder auslöschen solle. 
Doktor Franke aber, der trotz ihrer strengen 
Worte nicht unterlassen konnte, ihr schönes, an 
die Juno Ludovisi erinnerndes Antlitz wohl 
gefällig zu betrachten, faßte sich jetzt schnell und 
entgegnete scheinbar ruhig: „Darf ich mir die 
Frage erlauben, gnädigste Baronesse, welcher meiner 
Arbeiten Sie am meisten einen Erfolg wünschen 
würden?" 
Ein Schatten flog über ihr edles Antlitz, ihre 
Lippen bebten leise, als sie freundlich zurückgab: 
„Ich stehe heute noch auf demselben Standpunkte 
wie vor zwei Jahren, Herr Doktor. Sie huben 
es wieder vergessen, daß ich Ihnen damals sagte, 
auf dem Gebiete des Dramas müßten Sie Ihre 
größten Siege zu erringen suchen und darum 
für andere Bestrebungen keine kostbare Zeit ver 
lieren." 
In Franke kämpfte tiefe Beschämung mit einem 
wonnigen Freudeschrecken, er hatte große Mühe, 
beides zu verbergen. Ihr Gedächtniß war also 
treuer wie das seinige! Er begriff nicht, daß 
er über andere Eindrücke dieses Abends ihren 
wohlgemeinten Rath vergessen konnte, und er 
innerte sich mit einem Male wieder jedes Wortes, 
das sie ihm damals gesagt hatte. „Nein," erwiderte 
er mit verrätherischer Wärme, „nein, mein gnädiges 
Fräulein, ich habe nicht vergessen, was Sie für 
meine eigentliche Aufgabe hielten! Kein Wort 
von ihren verständnißvollen Winken ging mir 
verloren! Bon nun an soll es auch mein eifrigstes 
Bestreben sein, Ihre in mich gesetzten Erwartungen 
zu erfüllen." 
„Je eher ich Ihnen zu einem Erfolge gratuliren 
kann, der Ihrer Begabung ganz entspricht, desto 
mehr will ich mich freuen! Wirklich, Sie dürfen 
jetzt nur noch schaffen, was für Sie die Gewähr 
einer naturnothwendigen Bestimmung in sich 
trägt." Baronesse Susanna reichte dem Dichter 
die Hand, sah ihn freundlich, aber doch mit 
ernster Ruhe an und fuhr nach einer Pause 
fort: „Jetzt aber bitte ich Sie noch, mir nicht 
darüber zu zürnen, daß ich mich den Huldigungen 
des Prinzen und der anderen Herrschaften nicht 
anschloß. Ich habe Ihnen früher einmal ver 
sprochen, unter allen Umständen stets aufrichtig 
gegen Sie zu sein, und ich pflege mein Wort 
zu halten." 
Ehe ihr Doktor Franke danken und gestehen 
konnte, daß Ihre Ansichten auch heute noch die 
Bedeutung eines untrüglichen Orakels für ihn 
hätten, hatte sich die junge Dame schon verbeugt 
und zu Graf Düren gewandt. Dieser war eben 
auf sie zugeschritten und bot ihr jetzt seinen Arm.
	        

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