Full text: Hessenland (7.1893)

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wakel?) 
Novelletle von E. Menhel. 
^4us der Villa des Grafen Wenderlin schimmert 
& v der Glanz von vielen Lichtern auf die schnee 
bedeckten Bäume des angrenzenden Gartens. 
Das Gesumme und Gesurre zusammenklingender 
Stimmen tönt aus den prächtig eingerichteten 
Gesellschaftsräumen in den stillen, klaren Winter 
abend hinaus, während draußen wieder große 
Flocken durch die Luft fliegen und immer dichtere 
Polster auf das Steingesimse der hohen Fenster 
niederlegen. 
Der Bruder des Königs, der kunstsinnige 
Prinz Ludwig Wilhelm, hatte sich soeben verab 
schiedet, um noch einer anderen gesellschaftlichen 
Pflicht zu genügen. Ehe er ging, war der 
größte Theil der Anwesenden eifrig bemüht ge 
wesen, noch einen flüchtigen Gruß von Seiner 
Königlichen Hoheit zu erhaschen, jetzt aber wandten 
die meisten vornehmen Herrn und Damen ihre 
Aufmerksamkeit einem schlank gewachsenen Manne 
von etwa dreißig Jahren zu, den der Prinz 
nicht nur während der Tafel, sondern auch noch 
beim Verabschieden ganz besonders auszeichnete. 
Da Prinz Ludwig Wilhelm, der als strenger 
und verstündnißvoller Beurtheiler künstlerischer 
Werke bekannt war, offen und rückhaltlos aus 
gesprochen hatte, welchen Genuß ihm die kürzlich 
erschienenen Novellen des jungen Dichters be 
reiteten, so hielt man es natürlich jetzt für eine 
Andstandspflicht, den Worten des hohen Herrn 
noch ein rauschendes Echo folgen zu lassen. 
Doktor Adolf Franke sah sich mit einem Male 
von allen Seiten umringt. Obwohl es ihm 
höchst peinlich dabei zu Muthe war, konnte er 
es dennoch nicht verhindern, daß er plötzlich der 
Gegenstand eifrigster Huldigungen wurde. Schon 
aus Rücksicht für den Gastgeber, der seine geistigen 
Bestrebungen immer freundlich unterstützt hatte, 
mußte er es ruhig mit anhören, wie man ihn 
mit den größten Dichtern der Nation verglich 
und seinem Werke Vorzüge nachrühmte, über 
deren Fehlen sich niemand klarer war als er 
selbst. 
In dem bunten Stimmengewirre, das ihn um 
rauschte, schlugen wohl einige verständnißvolle 
Bemerkungen an sein Ohr, aber alles klebrige 
war doch nur ein oberflächliches Spielen mit 
Worten. Während Doktor Franke verbindlich 
lächelte und da und dorthin sich dankend ver 
neigte, gestand er sich mit heimlichem Groll, 
*) Nachdruck verboten. 
daß die meisten dieser Lobredner keine Zeile 
von seinem Buche gelesen hatten. Aber Prinz 
Ludwig hatte ihn heute Abend in die Mode 
gebracht, Franke wußte, es würde künftig zum 
guten Ton gehören, seine Bücher gelesen zu 
haben. Deshalb ertrug er auch im Hinblick auf 
sein künftiges Streben mit heroischer Selbstüber 
windung alle an ihn gerichteten faden Schmeiche 
leien. 
Franke kannte die Welt und die Menschen, 
er wußte, daß er an diesem Abend eine inter 
essante Persönlichkeit, vielleicht sogar, wenn ihm 
der reiche Prinz fürder seine Gunst zu Theil 
werden ließ, eine gute Partie für manche der 
anwesenden jungen Damen geworden war. Daß 
man dies bereits annahm, merkte er an den 
scheinbar schüchternen Huldigungen einiger reizen 
den jungen Mädchen, die den Dichter wie Libellen 
umgaukelten und auf ein freundliches Wort aus 
seinem Munde warteten. 
Wie es schien, davon wohlthuend berührt, sagte 
Franke denn auch jeder jungen und alten Dame 
etwas Angenehmes. Jedoch zuweilen flog sein 
scharfes stahlblaues Auge über die bunten Gruppen 
seiner nächsten Umgebung hinaus durch die lange 
Flucht der hellerleuchteten Räume nach dem 
kleinen Eckzimmer, das an den Wintergarten 
grenzte. Wenn er jedesmal dort die junge 
schlanke Dame im weißen Kleide erblickte, die in 
Gedanken auf und ab ging, während man ihm 
hier huldigte, dann glitt etwas wie Beschämung 
über sein männlich schönes Gesicht, und es schien 
ihn die Lust anzuwandeln, schnell seiner Umgebung 
zu entfliehen und zu ihr zu eilen. Allein dies 
war immer nur das Bedürfniß einer flüchtigen 
Sekunde. Im nächsten Augenblick packte ihn 
wieder etwas wie Trotz. Alle hatten wenigstens 
versucht, ihm ein freundliches, aufmunterndes 
Wort über sein letztes Buch zu sagen, nur sie. 
die doch seinen unbeholfenen Erstlingswerken 
ein so tiefes Verständniß entgegenbrachte, nur sie 
war stumm geblieben. 
Empfand Baronesse Susanna Reue darüber, 
daß sie vor zwei Jahren zu dem armen Haus 
lehrer der Söhne ihres Vetters sagte, sein Be 
ruf sei ein anderer, ein viel höherer als der des 
Pädagogen? Oder schämte sie sich der Stunden, 
in denen sie in dem alten Schloßpark mit sicht 
lichem Entzücken seine Balladen, seine Lieder und 
die ersten Szenen seines Dramas anhörte? Was 
hatte sie gedacht, als sie ihn oft so wunderbar
	        

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