Full text: Hessenland (7.1893)

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denen Pfarrer, auch Rektoren genannt, vorgesetzt 
wurden. Steht das Alter der Bezeichnung als 
Mutterkirche zwar nur für diese Eine Cent 
durch die zufällige glückliche Erhaltung der Ur 
kunde Kaiser Karl's des Großen vom Jahre 782 
fest, so darf man dennoch mit gutem Grunde 
annehmen, daß nicht allein die Cent Ottrau so 
weit vorgeschritten war, sondern daß vielmehr 
auch in allen anderen Leuten oder erzpriester- 
lichen Sprengeln eine ganze Anzahl solcher Dorf 
kirchen ebenfalls zu jener Zeit schon bestanden. 
Und diese Annahme entspricht auch vollständig 
den Nachrichten, welche uns die Biographen des 
heil. Bonifazius über die sehr rasche Verbreitung 
des Christenthumes in Hessen hinterlassen haben. 
Wir dürfen daher ohne zuviel Wagniß schließen, 
daß mit dem Ausgang des 8. Jahrhunderts die 
gesammte kirchliche Organisation des Gaues und 
zweifellos auch die Bekehrung aller Bewohner 
desselben vollendet war. 
Wenn ich hiermit meinen Vortrag schließe, so 
bin ich mir bewußt, daß derselbe bei Weitem 
nicht das inhaltreiche Thema erschöpft hat, das 
ich darin behandelt habe und über das man 
tagelang reden könnte. Indessen hoffe ich doch 
wenigstens ein einigermaßen klares Bild der 
Ereignisse und Zustände dieses wichtigsten Ab 
schnittes der Geschichte unseres hessischen Vater 
landes und Volkes gegeben zu haben. 
Gott segne Hessenland! 
Keilräge zur Geschichte öer Klaöl Aelsberg 
Von Vr. Früge. 
I. Die älteste Stadt-Rechnung. 
fu den werthvollsten Schriftstücken im Stadt- 
W Archive zu Felsberg, die sich durch die 
Cs Stürme des 30jährigen Krieges bis auf 
unsere Zeit gerettet haben, gehören die Stadt 
rechnungen aus dem 17. Jahrhundert. Leider 
ist aus der Zeit vor dem unheilvollen Kriege nur 
die eine aus dem Jahre 1614 erhalten; aus der 
Kriegszeit selbst bewahrt das Archiv bloß 
6 Jahrgänge, die recht deutlich die wirthschaft- 
liche Noth und das Elend vor Augen führen, 
das der Krieg über ein kleines Gemeindewesen 
brachte. Als Beitrag zu der Geschichte der 
Stadt Felsberg sei die älteste Rechnung aus 
dem Jahre 1614, die mit musterhafter Ordnung 
und peinlichster Sorgfalt geführt ist und den 
damaligen Beamten alle Ehre macht, dem 
wesentlichsten Inhalte nach hier mitgetheilt. Den 
Umschlag derselben bildet ein Pergamentblatt 
eines alten Kirchenbuches mit gut erhaltenen 
Noten und deutlicher Schrift. 
Der Titel auf dem Umschlage lautet: Stadt- 
Register dero Burgemeister, Bawmeister, Wein 
meister. Rechnungen betreffend. Anno 1614. — 
An erster Stelle ist nun die Rechnung der 
Bürgermeister und Schößer aufgestellt 
unter" der Ueberschrift: Stadtrechnung. Register 
über Zunahmen und Ausgabe Burgermeistere 
Henrich Möller deß Raths, Heyderich Hilgenberg 
der Gemeinde, Herrn Hanß Gerlachen deß Raths, 
und George Happeln der Gemeinde beide 
Schößere erhoben und berechnet. Anno 1614. 
Die hauptsächlichste ständige Einnahme bildete 
das Tisch- und Wiesengeld, das in diesem 
Jahre von den 114 in der Rechnung namhaft 
gemachten Bürgern*) erhoben wurde und im 
ganzen 70 Thaler 4 Albus einbrachte. Ueber 
das Wesen dieser Steuer erfahren wir Genaueres 
in einem noch vorhandenen Saalbuche: An 
Tisch- und Wiesengeld hat ein jeder einverleibte 
Bürger alljährlich zu zwei verschiedenen Malen 
auf Walpurgi und den Frohnleichnamstag auf's 
Rathhaus zu entrichten: 16 Albus. Für diese 
„Auslegung" hat ein jeder Bürger „zue 
Ergetzlichkeit desselbigen einen halben Acker 
Wiesen gewächs, ein drittentheil eines Ackers 
Brennholz im Benrholze und ein Pflanzen Orth 
sich zu nießen und zu gebrauchen." — Von den 
1614 in der Stadt wohnenden Familien sind 
heutzutage daselbst noch folgende ansässig: Löber, 
Lohr, Schmidt, Römer, Haupt, Scheffer, Betten 
hausen, Krantz und Kinnback. Die Juden 
hatten nur einen Vertreter in der Stadt, 
! Namens Jakob. 
Die Schößer des Vorjahres waren 50 Thl. 
6 Alb. 8 Hell. schuldig geblieben. 
Aus Wiesen „so hiebevor unter Bürgern 
umbgangen, nunmehr etliche uf Leib, etzliche uf 
Anzahl Jahr umb gewis Gelt verlehnet sind" 
kamen 38 Thl. 14 Alb. ein. 
Unter dem Titel „Soldatensteuer" wurden 
von jedem Bürger 7 Alb., im ganzen 29 Thl. 
erhoben und nach Kassel geliefert. Diese Steuer 
dient „zur Erhaltung Ihrer Fürstl. Gn. Obristen, 
Rittmeister und Hauptleuten, deren man sich 
*) Wenn man jeden Haushalt zu 6 Personen rechnet, 
ergiebt sich für 1614 eine Einwohnerzahl von rund 
700 Seelen.
	        

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