Full text: Hessenland (7.1893)

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Der Ort Büraburg ging allmälig ein, indem 
dessen Bewohner sich in's Thal zogen, denn, 
nachdem die Sachsen Christen geworden waren 
und ihre Raubzüge eingestellt hatten, hörte die 
frühere Bedeutung des Ortes von selbst auf, 
von der noch einige konzentrisch um die Kuppe 
des Berges laufende Ringwälle Zeugniß geben.*) 
Jetzt befindet sich an diesem schönen Aussichts 
punkte nur noch der Todtenhof der Gemeinde 
Ungedanken, auf welchem eine sehr einfache Ka 
pelle steht. Alljährlich in der Bittwoche geht 
von Fritzlar eine Prozession hinauf nach dem 
alten hessischen Bischofssitze. 
Des heil. Bonifazius Wunsch, sein Leben für 
den christlichen Glauben lassen zu können, war in 
zwischen erfüllt worden. In Friesland, wohin ihn 
sein Herz immer wieder zog, war er mit seinen Ge 
fährten am 5. Juni 755 von einer Rotte wüthender 
Heiden erschlagen worden. Sein Leichnam war 
seinem Willen gemäß im Kloster Fulda beigesetzt 
worden, nachdem Utrecht und Mainz vergeblich 
versucht hatten, denselben für sich zu behalten. 
Bevor Bonifazius nach Friesland aufbrach, hatte 
er nicht allein mit Genehmigung des Papstes 
Stephan's III. seinen Schüler Lull ns als 
seinen Nachfolger zum Erzbischof von Mainz 
geweiht und eingesetzt, sondern auch die christliche 
Kirche Deutschlands soweit organisirt, daß sie 
nun gänzlich aus einer Missionskirche in die 
Bahnen geordneter kirchlicher Einrichtungen über 
geleitet war, — er hatte eben sein Werk in 
Deutschland vollendet, darum wollte er sein Amt 
niederlegen und seine geliebten Friesen bekehren. 
Er hatte nämlich nicht allein die Bisthümer 
Deutschlands einheitlich unter das Erzbisthum 
Mainz zusammen gefaßt, welches die Metro 
politangewalt über Deutschland, soweit es christ 
lich war, vom Papste erhalten hatte, sondern 
auch eine Anzahl Synoden vom Jahre 742 
an abgehalten, deren Aufgabe es war, 
solche Bestimmungen zu treffen, daß Klerus und 
Volk in den vom christlichen Glauben, den 
Geboten Gottes und der Kirche, sowie den 
kanonischen Satzungen vorgeschriebenen Bahnen 
laufen, irrgläubige oder sittenlose Geistliche ent 
fernt, die Reste des Heidenthums abgethan und 
Alles so geleitet würde, daß der innere Zustand 
der Herzen in Einklang mit dein äußeren Be 
kenntnisse des Glaubens stände, — überall und 
allezeit das schwerste Stück jeder Missionsarbeit. 
Zum Schlüße erübrigt es noch. einige Worte 
über die kirchliche Eintheilung Hessens zu sagen. 
Der fränkische Hessengau grenzte nördlich, un 
weit Kassels schon, an den sächsischen Hessengau, 
*) S. O. Vug, Die Schanzen in Hessen, in Zeitschrift 
des Vereins für Hess. Gesch. N. F. XV. Band, x. 112 ff. 
östlich an den Leinezau und an Thüringen, 
südlich an das Grabfeld und die Wetterau und 
westlich an den Oberlahn- und den Jttergau. 
Er war in 9 Centen oder Hundertschaften ein 
getheilt, die einigermaßen unseren heutigen 
Kreisen entsprachen. Es waren die Centen 
Maden, Kirchditmold, Gensungen, 
B r a a ch bei Rotenburg, O t t r a u, Kreis Ziegen 
hain, der V e rn a g a u in der Homberger Gegend, 
Urs, sodann Affoldern, letztere den südlichen 
Theil des Fürstenthumes Waldeck umfassend, 
und endlich Schützeberg mit der Gegend von 
Wolfhagen. Dieser politischen Gliederung des 
Landes schloß sich nun nach der weisen Taktik 
der christlichen Kirche, nichts Vorgefundenes ohne 
zwingende Gründe zu zerstören, die kirchliche 
Eintheilung des Gaues einfach an, und sie konnte 
es um so mehr, als ja ohnehin die Centen 
möglichst den natürlichen Grenzen im Innern 
des Gaues angepaßt waren. *) So finden wir 
denn auch 9 erzpriesterliche Sprengel oder Dekanate 
vor. Die St. Peters - Kirche zu Fritzlar, der 
Dom, blieb die Haupt- und Mutterkirche aller 
Kirchen des Gaues, die sog. Gaukirche. Von 
ihr ging die Gründung der übrigen acht Cent 
kirchen aus, die daher auch von ihr abhängig 
waren. Dieselbe geschah wahrscheinlich schon 
durchweg im 8. Jahrhundert, wenigstens wissen 
wir es bestimmt von den Centkirchen zu Mardorf 
im Vernagau, zu Ottrau und zu Gensungen, 
und. wenn im Leben des heil. Heimerad, des 
Einsiedlers von Hasungen, erwähnt wird, daß 
in Kirchditmold im Jahre 1019 zwei Kirchen 
standen, von denen die Eine, wahrscheinlich weil 
von Holz gebaut, bereits verfallen war, so ist 
die Vermuthung nicht allzukühn, daß diese gefallene 
die älteste und erste Kirche war, die wohl schon 
etwa 250 Jahre lang gestanden haben konnte. Die 
Kirchen der übrigen Dekanats- oder Cent-Haupt- 
orte, die nur in einzelnen Centen nicht zusammen 
fielen, werden zwar erst später, die meisten erst 
im 11, Jahrhundert, genannt, allein, daß sie 
damals schon längst vorhanden waren, darf wohl 
ohne Frage angenommen werden. Wenn aber 
weiterhin die Dekanatskirchc zu Ottrau schon im 
Jahre 782 urkundlich als Mutterkirche be 
zeichnet wird, so erhellt daraus, daß auch schon 
eine dritte Reihe von Kirchen, nämlich die 
der einzelnen Dorf sch asten der Cent, wenig 
stens zum Theil, im 8. Jahrhundert gebaut war, 
*) Ich bin hierin Landau's Anschauungen (Territorien 2. 
Buch : Die Bildung und Entwickelung der kirchlichen Terri 
torien, p. 365 ff.) gefolgt, deren Richtigkeit bezüglich der 
Dekanate allerdings bestritten wird. Für die endgültigen 
Resultate fehlen noch zuviele Grundlagen, insbesondere die 
schon lange ersehnte Herausgabe der hessischen Urkunden, 
womit leider erst ein kleiner Anfang gemacht wurde.
	        

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