Full text: Hessenland (7.1893)

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deutschen Volkes in hessischen Sitten und Sagen", 
oder aus mehr wissenschaftlichen Werken, wie 
Jakob Grimm's „Deutsche Mythologie" und 
anderen, kennen lernen. 
Andere mit dem Volksleben eng verwachsene 
Einrichtungen, wie die Sklaverei, mußten dem 
allmäligen Absterben überlassen werden, da sie 
nicht geradezu gegen ein Gebot Gottes verstießen 
und es zu ihrer Entfernung erst einer Umwand 
lung der Herzen zu christlicher Liebe und Milde 
bedurfte, che die heidnisch-ererbte Mitleidslosigkeit 
und Härte verdrängt werden konnte. Doch 
wurde wiederum u. A. sogleich und energisch die 
grausame Sitte verboten, daß christliche Herren 
Sklaven an Heiden verkauften zu dem aus 
gesprochenen Zwecke, daß dieselben den Göttern 
geopfert werden sollten. Allmälig entwickelte 
sich aus der Sklaverei ein mildes Hörigkeits 
verhältniß, wie wir es im ganzen Mittelalter, 
abgesehen von persönlichen Ausnahmen, in segens 
reichster Blüthe für Herren und Knechte finden. 
Und wie oft hat die Kirche Hörige und Unter 
thanen in Schutz genommen gegen harte und 
ihre Rechte mißbrauchende Herren und diese ge 
zwungen, gerecht und milde zu sein, und wenn 
es mit dem Bannstrahl war! 
Daß es geraumer Zeit bedurfte, bis durchweg 
der christliche Geist in das Leben des Volkes 
eindrang, wird nicht Wunder nehmen; wird ja 
doch auch ein Rekrut nicht gleich nach Ableistung 
des Fahneneides ein vollkommener Soldat, sondern 
es bedarf vieler Uebungen und Ermahnungen, 
bis die alten, die Ausbildung hemmenden Ge 
wohnheiten des Leibes und der Seele ausgerottet 
sind. Bei weitem größere Geduld noch mußte 
die Kirche gegenüber der Anhänglichkeit an alt 
hergebrachte und liebgewonnene Gebräuche walten 
lassen. 
Um so mehr wird es erhellen, wie nothwendig 
ein im Lande residirender und stets anwesender 
eigener Bischof war. Als solchen weihte nun 
für Hessen Bonifazius im Jahre 740 seinen 
angelsächsischen Landsmann Witta — zu deutsch: 
Weiß, latinisirt: Albuinus oder Albinus —, und 
wies ihm nach eingeholter Genehmigung des 
Papstes Zacharias seinen Sitz auf dem Nürn 
berg Fritzlar gegenüber an. Hier lag die alte, 
bereits befestigte Ansiedelung Büraburg, vom 
heil. Bonifazius oppidum, Stadt, von Andern 
castrum, Burg, genannt, welche nahe an dem 
aufblühenden Fritzlar mit seiner nunmehr bischöf 
lichen Kirche den nöthigen Schutz gegen die 
wilden heidnischen Sachsen bot, die schon gleich 
jenseits Wolfhagen und im nördlichen Waldeck 
hausten. Von dem später auch heilig gesprochenen 
Bischof Witta wissen wir nur sehr wenig; er 
erhielt einen Brief des Papstes Zacharias, der 
ihn zu seiner Würde beglückwünschte, und wohnte 
bald nach seiner eigenen Weihe der seines Mit 
bischofs, des heiligen Willibald von Eichstedt, bei, 
die, wahrscheinlich schon im Jahre 741, aus der 
Salzburg an der fränkischen Saale stattfand. 
Auch befand er sich unter den bischöflichen Theil- 
nehmern des von Bonifazius berufenen ersten 
deutschen Konzils, das im Jahre 742, man weiß 
nicht wo?, vielleicht in Frankfurt oder Worms, 
abgehalten wurde. Witta starb im Jahre 786. 
und wurde im Kloster Hersseld beigesetzt. 
Ob nach seinem Tode, wie berichtet wird und 
nach einem sehr alten Fritzlarer Todtenbuche 
glaubhaft erscheint, der Fritzlarer Mönch Megingoz 
den Bischofsstuhl von Büraburg bestieg, muß 
freilich nach den dagegen vorgebrachten Gründen*) 
zweifelhaft bleiben. Mindestens aber ist nach 
Bischof Witta's Tode der Sitz des Bisthums 
nach Fritzlar verlegt worden, und nach Megingoz 
hören wir jedenfalls nichts mehr von einem 
hessischen Bischöfe; das Bisthum ging ein und 
wurde dem Erzbisthum Mainz einverleibt, sei 
es, um dessen Umfang angemessen zu vergrößern, 
sei es als Entschädigung für abgetretene Gebiets 
theile. Der Zeitpunkt dieser Einverleibung scheint 
die Wende des 8. und 9. Jahrhunderts gewesen 
zu sein. Näheres über den Vorgang wissen wir 
nicht. Doch beachtenswerth bleibt für die Be 
urtheilung desselben immerhin, daß der Nach 
folger des Erzbischofs Lullus von Mainz, Riculf, 
sich im Jahre 787 in Fritzlar zum Bischöfe 
weihen ließ, woraus man geschlossen hat, daß 
schon damals die Einverleibung stattgefunden 
habe, denn allerdings: Lullus und Witta 
starben fast gleichzeitig im Jahre 786. Mag 
dem nun sein, wie es will, so kann man im 
Interesse des Landes nur sehr bedauern, daß 
das hessische Bisthum sobald schon einging, wenn 
auch selbstredend die bischöflichen Funktionen für 
den Hessengau erhalten blieben, indem der Erz 
bischof von Mainz, soweit dies kanonisch zu 
lässig war, zunächst wohl den Abt des Klosters, 
später aber den Propst des Stiftes als 
Archidiakonus**) mit der Ausübung der bischöf 
lichen Gerechtsame und der Gerichtsbarkeit be 
auftragte, so daß Fritzlar das ganze Mittelalter 
hindurch der kirchliche Mittelpunkt des fränkischen 
Hessengaues blieb, der später Grafschaft Gudens- 
berg und noch später Niederfürstenthum Hessen 
genannt wurde. 
*) S. darüber Abel, Jahrb. d. fränk. Reiches unter 
Karl d. Gr. I, p. 538 ff. 
**) Der Archidiakonat für die Erzdiözese Mainz trat 
wahrscheinlich schon mit dem 10. Jahrhundert in's Leben, 
(B int er im, Denkwürdigkeiten I. 1. p. 417 f.), etwa zu 
gleicher Zeit, als das Kloster in ein Kollegiatstift ver 
wandelt wurde (Wenck, Hess. Landesgesch. II, p. 250).
	        

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