Full text: Hessenland (7.1893)

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>ie Kekehrung Hessens zum Khristenthume. 
Vortrag, gehalten in der Versammlung des Vereins für hessische Geschichte und Landes 
kunde zu Kassel am ZI. Oktober 1898 von Hermann v. Rogues, Major a. D. 
(Schluß.) 
^Mach der Gründung und ersten Leitung des 
1Klosters Fritzlar, aus welchem allmälig 
~\ r einheimische Priester in genügender Anzahl 
hervorgingen, erübrigte es noch, daß Bonifazius 
sein Werk in Hessen dadurch krönte, daß er ihm 
die nothwendige bischöfliche Spitze gab. Bisher 
hatte Bonifazius die bischöflichen Funktionen 
überall selbst ausgeübt, allein das war bei der 
zunehmenden Größe des Arbeitsfeldes und bei 
seinen immerwährenden Reisen gar nicht mehr 
möglich. Die Einsetzung von Territorial-Bischöfen 
mit festen Sitzen im Lande war eine unabweis- 
liche Nothwendigkeit geworden, auch für Hessen, da 
hierdurch allein die hessische Kirche nach einheitlichen 
Glaubens-, Sitten- und Verwaltungsgrundsätzen 
dauernd regiert und vor allen fremdartigen und 
schädlichen Einflüssen behütet werden konnte. 
Die Gründung des hessischen Bisthums im Jahre 
740 fiel zeitlich mit der dreier anderer, nämlich 
von Erfurt, Würzburg und etwas später Eichstedt, 
zusammen. Es trat diese Einrichtung in's Leben 
nach des heil. Bonifazius Rückkehr von Rom, 
wohin er zum dritten Male gepilgert war, um mit 
dem damals noch lebenden Papste Gregor III. 
als dem Oberhaupte der Kirche über ver 
schiedene wichtige Fragen persönlich Raths zu 
pflegen und dessen Entscheidung einzuholen. Der 
Papst gab ihm drei Briefe mit, unter denen 
einer an die Hessen und die benachbarten Stämme 
gerichtet ist; in diesem Schreiben ermahnt er 
alle diese Völkerschaften, daß sie dem vom 
apostolischen Stuhle abgesandten und unterwiesenen 
Bonifazius in Allem Gehorsam und Folge leisten, 
die vom ihm geweihten Priester und Bischöfe 
annehmen, dagegen die von ihm als Jrrlehrer 
verworfenen Priester nicht weiter hören möchten. 
Sodann ermahnt er sie, daß sie von allen Arten des 
Heidenthumes und Aberglaubens, welche früher 
bei ihnen im Schwange gewesen und noch immer 
nicht ganz ausgerottet waren, ablassen, Wahr 
sager, Loosdeuter, heidnische Todtenopfer, Hain- 
und Quellenheiligthümer, Amulette, Zaubereien 
und andere derartige Bräuche meiden und verab 
scheuen und sich von ganzem Herzen zu Gott 
wenden, ihn allein fürchten, ehren und anbeten 
möchten. 
Es dürfte hier der Platz sein, die Frage zu 
berühren, wie sich die Kirche zu den in Mark 
und Bein des Volkes übergegangenen und mit 
Zähigkeit festgehaltenen heidnischen Gebräuchen 
stellte. Es wird einleuchten, daß diese je nach 
ihrer Art verschieden zu behandeln waren. Mit 
Nachdruck und Beharrlichkeit trat die Kirche 
überall nur denjenigen Gebräuchen entgegen, 
welche geradezu gegen den christlichen Glauben 
und das christliche Sittengesetz verstießen oder 
gar mit Verbrechen verbunden waren. Hierzu 
gehörten in erster Linie die Menschenopfer, die 
Vielweiberei und die Blutrache, weiterhin aber 
auch die Thieropfer, eine Reihe von Opfer 
gebräuchen, die Verehrung von Bäumen und 
Quellen, Zaubereien, Weissagungen und dergl. 
Andere aus dem Heidenthume stammende Ge 
bräuche ließ die Kirche entweder, weil an sich 
harmlos, einfach bestehen oder sie erfüllte sie, 
dieselben umdeutend, mit christlichem Inhalte. 
Manches duldete sie auch bei den im Heiden 
thume Großgewordenen, was sie den von christ 
lichen Eltern Geborenen nicht mehr nachsah. 
Mit Einem Worte: Die Kirche befleißigte sich 
im Allgemeinen der größtmöglichen Schonung, 
ging milde und nachsichtig gegen Vieles vor, 
was abzuändern war, und duldete noch lange 
Zeit hindurch Solches, dessen Abstellung nicht 
sogleich zu erreichen war. Indessen selbst bei 
dieser verständigen und verständlichen Praxis 
gelang es der Kirche nicht immer, die tiefge- 
wurzelten Gebräuche nach ihrem Sinne zu leiten, 
so daß wir jetzt noch eine Menge derselben, theil- 
weise entschieden abergläubischer Natur, von 
unserem Volke ausgeübt sehen, welche aus dem 
Heidenthume stammen, deren Bedeutung uns 
aber fremd bleibt, wenn wir dieselbe nicht aus 
Schriften, wie z. B. Kolbens „Hessische Volks 
sitten und Gebräuche im Lichte der heidnischen 
I Vorzeit", aus Mühlhausens „Urreligion des
	        

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