Full text: Hessenland (7.1893)

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mit einem steifen Kutscher auf dem Bock und 
gallouuirtem Kammerdiener am Rücksitz, beide in 
Rokoko-Livree mit großen Zöpfen, fährt heraus, 
nach dem Dome zu; darin fitzt der Propst vom 
Michaelsberge, Heinrich Freiherr von Warnsdorf, 
mit seinem Kaplan. Die Hosännaglocke des Domes 
ertönt, die anderen Glocken fallen ein; wir eilen, 
so weit es das Gedränge zuläßt, dem Schlosse zu. 
Wir drängen uns zur via triumplialis, 
welche, geziert mit grünerr Maienbäumen und 
Fahiren, zu der Kastanienallee und bis zum Dome 
führt. Endlich haben wir der Hauptwache gegen 
über einen guten Standpunkt erreicht. Es ist 
auef) höchste Zeit. Da kommt im hastigen Lauf 
schritte ein 190 cm großer Mann aus dem 
Schlosse heraus, in bunter, aufgeschürzter Livree, 
ein Rokoko-Merkur mit einem Stabe mit silbernen! 
Knopfe, größer als ihn jetzt die Tambour-Majore 
den Regimentern voraustragen. Es ist, wie wir 
hören, der fürstliche Hofläufer. Hinter ihm naht 
schnaubend, rechts und links mit den Federbüschen 
nickend und den weißen Schaum an der Zungen 
stange vorspritzend ein Sechsgespann, welches den 
Fürstbischof in dem goldenen Prachtwagen vorüber 
zieht, die Tamboure schlagen auf der Hauptwache 
den Trommelwirbel, die Kanonen donnern von 
der Bastei am Michaelsberge herab. Heiducken 
schreiten neben her, Leibhusaren folgen in großen 
Bärenmützen mit herabhängenden rothen Säcken, 
den verbrämten Dolman auf der linken Schulter, 
den Karabiner am rechten Arm und glänzende 
Sporen an gelbledernen Stiefeln. 
Am Portale des Domes wird der Fürst von 
seinem Domkapitel empfangen; voran die neun 
ersten Kapitulare mit der Insul, mit violetten 
Talaren, über denselben Chorröcke mit unendlich 
werthvollen echten Spitzen. Die heilige Handlung 
wird in der Kirche auf der Orgel von trefflicher 
Musik begleitet. Der Hofkapellmeister Kaspar Stab 
liebt die neuere Musik, er führt eine Messe des 
vor l 1 /* Jahren im jugendlichen Alter von nicht 
ganz 36 Jahren verstorbenen Wolfgang Amadse 
Mozart auf, deren Klänge uns in unserer An 
dacht erheben. 
Nach dem Hochamte wird die glänzende Prozession 
von dem Weihbischofe von Jericho in partidus 
infidelium, dem Domdechanten Freiherrn Lothar 
von Breidbach zu Bürresheim, in derselben Weise 
durch die Stadt geführt, wie es noch jetzt üblich 
ist, doch ist der Schmuck der Häuser und Altäre 
sowie die Pracht der kirchlichen Gewänder und 
des Gefolges weit größer. Das Militär bildet 
Spalier; der ganze Hofstaat folgt dem Baldachin, 
worunter der Weihbischos das Allerheiligste trägt. 
Dicht hinter demselben schreitet der Oberhofmarschall 
von Buttlar. Der Hofmarschall Freiherr Friedrich 
von der Tann bleibt als Protestant dem Ge 
dränge fern und besieht sich die Prozession in 
seiner Wohnung, dem jetzigen Hotel Kurfürst. 
Die adeligen Geheimräthe des Oberhofmarschall 
stabes folgen, die Freiherren von Stein zum 
Altenstein, der Oberjägermeister von Breidenbach 
genannt Breidenstein, Oberst von Piesport, die 
Herren von Bibra, von Buseck, von Truchseß, 
von Zobel folgen. Nun kommen die Kammer 
junker von Buseck, von Dernbach, von Münster, 
Oberforstmeister von Harstall, des Fürsten jüngerer 
Bruder, von Karg zu Bebenburg, der Vizedom 
(Oberbürgermeister) von Fulda, von Buttlar, von 
Borne, von Egloffstein, Graf von Tattenbach zu 
Reinstein und von Guttenberg. Ferner folgen die 
Edelknaben, die Pagen. Das Militär wird 
kommandirt vom Obersten von Buseck, Haupt 
mann von Roth, Oberlieutnant von Katzmann, 
Lieutnant Albert Dominikus von Limburg- 
Styrum, die Husaren vom Rittmeister Bott. 
Hinter dem adeligen Hofstaat folgt die hochsürstliche 
weltliche Landesregierung mit 12 adeligen und 
12 unadeligen Geheimräthen, voran der Hof- 
und Regierungskanzler Johannes Eberhard von 
Kaiser. Alle tragen goldgestickte Uniformen, meist 
Dreimasterhüte, Escarpins und an der linken 
Seite feine Degen. 
Doch welche Gruppe erscheint jetzt vor 
unseren erstaunten Blicken? Es tauchen ehr 
würdige Häupter auf mit mittelalterlichen 
Baretten und mit Talaren angethan, wie sie die 
evangelische Geistlichkeit und heutzutage die Richter 
bei ihren Sitzungen tragen, aber in verschiedenen 
Farben, schwarz, blau, roth und grün. Dahinter 
eine Menge junger Leute, ebenfalls Barette tragend 
und seidene Wadenstrümpfe mit Schnallenschuhen. 
Es ist dieses die fürstliche Adolfs-Universität. 
Von den Professoren der vier Fakultäten tragen 
die Theologen schwarz, die Philosophen blau, die 
Juristen roth, die Mediziner grün. Der Rector 
magnifícus Propst von Reisach und der ständige 
Kanzler Propst von Warnsdorf sind nicht dabei, 
sie gehen mit dem Kapitel dem Baldachin voraus. 
Voran schreitet der Prorektor, der jedes Jahr 
mit den Fakultäten wechselt, in diesem Jahre der 
Mediziner, Stadtphysikus Professor Dr. Joseph 
Heinrich Scheer. Die theologischen Professoren, 
Bardo Herbert, derzeitiger Dekan, dann Böhm, 
Mihm, Rupfer und Weider, sind vollzählich er 
schienen. Sie alle sind Benediktiner. Es folgen 
die Professoren der Jurisprudenz, Schlereth, Fösser 
und Uth, die Mediziner Schlereth, Lieblein, Dorsch 
und Zwenger, dann die Philosophen Baumann, 
Becker, Heller und Mihm.
	        

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