Full text: Hessenland (7.1893)

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gebrauchen ließe, und daß die Uebertreter dieses 
Verbotes, weil sie ihren Taufeid gebrochen, an 
Ehre, Leib, Leben und Gut gestraft und von jeder 
christlichen Gesellschaft gemieden würden". Dieser 
Vorschlag fand nur bei Kurpfalz Anklang. 
Wilhelm blieb mit Elisabeth fortwährend in freund 
schaftlichen Beziehungen, die auch Pathenstelle bei 
einer seiner Töchter, Elisabeth, übernahm. Sie 
gab ihm als Beweis ihrer Freundschaft die bei 
Vernichtung der Armada erbeuteten spanischen 
Kanonen zurück, welche vom Landgraf Philipp 
herrührten (1580). Mit Wilhelm verabredete sie 
den Plan zu einem allgemeinen evangelischen 
Bunde, 1577 (Beruhenlassen aller religiösen 
Streitigkeiten bis zu einer allgemeinen Synode, 
Anlegung eines Geldschatzes zu gegenseitiger Hülfe 
für den Nothfall). Dieser Plan scheiterte an der 
Uneinigkeit der hervorragenden evangelischen 
Fürsten, der Kurfürsten von Brandenburg und 
Sachsen, sowie des Herzogs von Württemberg. 
(Fortsetzung folgt.» 
Hessische Städte und hessisches Lund vor hundert Jahren. 
Stadt Md Land Fnlda. 
Von Dr. Justus Schneider. 
(Fortsetzung.) 
'ach der kurzen Beschreibung des Landes 
Fulda und dessen Regierung wende ich 
mich nun der Schilderung der Stadt 
Fulda und deren Bewohner vor 100 Jahre zu. 
Fulda war damals »vesentlich schon eine 
Stadt wie jetzt, hatte 950 Häuser und 8500 
Einwohner. Es hatte aber dieses feine und 
wirklich städtische Gewand, welches wir und alle 
fremden bewundern, wenigstens an dem Haupt 
theile vom Paulusthor bis zum Rathhause, erst 
in demselben Jahrhundert bekommen, das nun 
(1793) zur Neige geht. Anfangs des 18. Jahr 
hunderts ist zuerst das Schloß und die Domkirche 
unter den Fürstäbten Adalbert I. von Schleifras 
und Konstantin von Buttlar erbaut »vorden. 
Letzterer überwölbte den am Domplatze fließenden 
Weidesbach und errichtete die zwei Häuser, die 
den Eingang zur Friedrichstraße markiren, das 
jetzige Hotel Kurfürst und das frühere Bürger 
vereinsgebäude. Adolf von Dalberg gründete die 
Universität, das jetzige Gymnasium, und das 
Hospital zum, heiligen Geist. Amand von Buseck 
vollendete den von seinem Vorgänger begonnenen 
Bau des Lustschlosses Fasanerie; sein Nachfolger 
Adalbert II. von Walderdorf baute das Kloster 
und die Kirche des Frauenberges neu, Heinrich 
VIII. von Bibra die Landesbibliothek. 
Im letzten -Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts 
sahen demnach die Haupttheile der Stadt schon 
ziemlich gerade so aus wie heut zu Tage. Ich 
lade Sie nun ein, am großartigsten katholischen 
Feiertage, am Frvhnlcichnamsfeste, einen Spazier 
gang durch Fnlda vor 100 Jahren mit mir zu 
machen. 
Es ist Frühsommer , der 7. Juni 1793, wir 
kommen morgens von Norden auf der Hünfelder 
Landstraße herein. Der Leipziger Hof ist noch 
nicht da und das Lagerbier noch nicht erfunden; 
die wenigen Häuser, welche wir da oben sehen, 
heißen Kalteherberge, es »vird uns frostig zu 
Muth, »vir gehen weiter. Keine Eisenbahn zieht 
durch die Flur, die Danipfinaschine wurde damals 
erst erfunden. Aber die schöne Landstraße ist schon 
da, die Fuldaer und Rhönbasaltsteine, von denen 
die härtesten ansgesucht werden, sind hübsch klein 
geklopft, besser als jetzt, denn die Arbeit i,n Frohn- 
dienft kostet ja nichts, durch das häufige Befahren 
sind aber die Steine »nit dem Sande so dicht 
gefügt, daß man beiin Fahren über eine gegossene 
eiserne Platte hin zu gleiten glaubt. Wir kommen 
nun ohne Aufenthalt zum Paulusthor. Dieses 
Thor, durch »velches wir jetzt in die Stadt durch 
das Gedränge schreiten, hatte nur die eine große 
Oeffnung, keine Seitengänge, sie ist aber nicht 
allzu groß, und mancher beladene Fracht- und 
Futterwagen würde darin stecken bleiben, »venn 
man nicht ii» Frankfurt und in Leipzig das Maß 
unseres Thores aufbewahrte; da darf denn kein 
Frachtwagen, der ja damals unsere heutigen 
Eisenbahngüterwagen vertrat, so hoch gepackt 
werden, daß er nicht das Fuldaer Paulnsthvr 
passiren könnte. Erst Fürst Heinrich von Bibra 
hat dies Thor vor 22 Jahren dahin gestellt, 
früher war es vor dem Schlosse. 
Die Promenade bietet ein bunt bc»vegtes Bild; 
ihre Bäume sind ungefähr halb so hoch und stark 
wie jetzt und geben ncch nicht solch schönen Schatten. 
Hunderte von Menschen, festlich geputzt, bewegen sich 
dort. Eben öffnen sich die Pforten des Michaelsbcrges, 
eine hohe Prachtkutsche, von vier Pferdengezogen,
	        

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