Full text: Hessenland (7.1893)

306 
lernen, um sich in ihren einzelnen Theilen darnach 
bilden zu können oder Belehrung daraus zu schöpfen. 
Das Leben der Künstler, Dichter und Gelehrten 
seit den Uranfängen der menschlichen Gesellschaft 
bis zur immer höher entwickelten Gegenwart, nackt 
und kahl, ohne jedes romantische Beiwerk, nur so 
geschildert, wie es sich in der nüchternen Wirklich 
keit abspielte, bietet oft einen tolleren Roman, als 
ihn das glühende Hirn eines Phantasten sich zu 
sammen träumen kann. 
Der Bildungsgang und das Leben Julius 
W. Braun's, welcher am 28. November d. I. 
ein halbes Jahrhundert zurückgelegt hat, sind im 
Ganzen nicht sehr verschieden von denen vieler 
anderen Schriftsteller und Gelehrten, hierdurch aber 
gerade um so charakteristischer für die deutsche 
Geisteswelt und was mit ihr zusammenhängt. Julius 
Braun ist in Eschwege als Sohn eines Apothekers ge 
boren, besuchte das dortige Realgymnasium und wurde 
von seinen Eltern gegen seine Neigung zum Kauf 
mann bestimmt. 1865 gründete er in Kassel ein 
Porzellangeschäft und ging drei Jahre später eine 
glückliche Ehe ein, aus welcher zwei Söhne hervor 
gingen. 1879, nach dem Tode seines Vaters, ver 
kaufte Braun sein Geschäft, nachdem er bereits eine 
Anzahl Theaterstücke geschrieben hatte, von welchen 
einige auch zur Aufführung gelangten, und siedelte 
mit seiner Familie nach Berlin über. Hier gab 
er die großen Sammelwerke: „Lessing, Schiller 
und Goethe im Urtheile ihrer Zeitgenossen" heraus 
und erwarb sich durch dieses mühevolle Werk die 
ungetheilte Anerkennung aller Literatursreunde. 
Dies in wenigen Worten Braun's Bildungsgang 
und Leben, allem Anscheine nach sehr einfach und 
glatt, wenn nicht tausend Schmerzen damit ver 
bunden gewesen wären, von welchen die weiteren 
Kreise erst im Winter des Jahres 1888 Kenntniß 
erhielten. Daß er nur gezwungen Kaufmann ge 
worden war, hatte bereits seine Jugend verbittert, 
seine Manneskraft aber sollte noch unter einem 
andern Feinde zu leiden haben, dem Asthma. Schon 
in Kassel hatte er viele Jahre mit dieser schrecklichen 
Krankheit kämpfen müssen, in Berlin aber nahm 
sie mit der Zeit eine noch gefährlichere Gestalt an ; 
und wuchs zusehends mit seinem Werke. Je tiefer ! 
er in das Studium unserer klassischen Literatur- ! 
Periode eindrang, desto fester packte ihn dasselbe, 
er konnte nicht loskommen und ließ für lange Zeit 
alles Andere, dramatische und künstlerische Be 
strebungen untergeordneter Richtung, bei Seite. 
So vergingen Jahre; das steine Kapital, über 
welches er zu verfügen hatte, neigte sich immer 
mehr seinem Ende zu, ohne daß dies jedoch von 
feinern Riesenunternehmen gesagt werden fcumte, 
das ganz dazu angethan war, ihn vollends um | 
seine Gesundheit zu bringen. Das anhaltende 
Sitzen über seiner Arbeit, der Staub, der in beit 
alten Zeitungsbänden steckte, von welchen viele noch 
gar nicht aufgeschnitten waren, dabei wohl'auch 
nur eine karge Kost, verschlimmerten sein Uebel 
stetig; trotzdem lieferte er aber in den Jahren 
1882 bis 1885 sechs starke Bände Zeitungskritiken, 
Berichte und Notizen über Schiller und Goethe 
und machte in der gleichen Weise mit Lessing den 
Anfang. 
Seine Gattin war ihm in dieser Zeit, wie auch 
heute noch, eine treue Stütze, erkrankte aber auch 
im Frühjahr 1886 an Ueberarbeitung, so daß sie 
mehr als ein halbes Jahr gebrauchte, um sich nur 
einigermaßen zu erholen. Braun's eigener Zustand 
wurde aber nach und nach so schlimm, daß sich 
schon Wasser im Herzbeutel zu bilden begann rc. 
Er konnte wochenlang nicht liegen, nicht stehen, von 
den entsetzlichsten Qualen gefoltert und noch dazu 
ohne die nothwendigsten Unterhaltsmittel. Da 
führte der dem Untergange nahen Familie im 
Oktober 1888 ein gütiges Geschick als Helfer in 
der Noth den Dr. Heinrich von Arnim zu. Nach 
dem die Aerzte jahrelang stets die Lunge Braun's 
für krank erklärt hatten, fand Dr. von Arnim so 
fort bei der Untersilchung den Sitz des Uebels im 
Herzen und rettete durch seine Anordnungen das 
Leben des fast verzweifelten Schriftstellers. Die 
Vorschriften des Arztes aber hätten nicht ausgeführt 
werden können, wenn der bedrängten Familie nicht 
auch materielle Hülfe zu Theil geworden wäre. 
In Folge eines Aufrufs von Frenzel, Heiberg, 
Paul Lindau, Wildenbrnch, Julius Wolfs u. A. 
gingen für den kranken Literaturforscher namhafte 
Beträge ein: von Sr. Majestät dem Kaiser, dem 
Prinzen Georg von Preußen, dem Großherzog von 
Sachsen-Weimar, dem Herzog Ernst von Koburg- 
Gotha, dem Kultusminister, der Schillerstiftung 
und ihren Zweigen in Berlin, Leipzig und München, 
dem freien deutschen Hochstift in Frankfurt a. M. 
tiitb vielen Freunden der Literatur, sogar ans 
Amerika. 
So ward es denn möglich, die ziemlich kost 
spielige Kur, welche verordnet war, mit Erfolg 
durchzuführen, aber nur sehr langsam besserte sich 
Braun's Zustand, und noch jetzt ist er nicht völlig 
von seinem Leiden befreit, aber die Hoffnung ist 
doch vorhanden, daß er seine literaturhistorischen 
Forschungen nach menschlichem Ermessen zu Ende 
führen kann, wenn überhaupt ein Ende dabei er 
reichbar ist, denn gänzlich erschöpfen läßt sich dieser 
reiche Born überhaupt nicht, besonders wenn Einer 
so tief ans den Grund geht wie Braun, welcher 
gegenwärtig Lessing auch im Urtheil seiner fran 
zösischen Zeitgenossen erscheinen lassen will.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.