Full text: Hessenland (7.1893)

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Die Antwort von „zu Haus" erwarteten Herr 
und Diener stets mit gleicher Spannung. — 
Manchmal irrten die Briefe lange umher, bevor 
sie ihre Bestimmung erreichter!, — wie viel konnte 
sich alsdann hier und dort inzwischen verändert 
haben —, oder aber eine Sendung fiel in die Hände 
der Rebellen itub ward vernichtet. Dieses Schicksal 
erfuhr ein Brief Loßberg's, worin er dem Schwager 
den schmerzlichen Verlust seiner Frau mittheilte. 
Ein Schreiben Agneses, den vollen Gram ihres 
jungen Herzens ausströmend, ging im Einschluß 
mit unter. Wer weiß, welche Wendung Ecke- 
brecht's Schicksal genommen hätte, wenn er mit 
den Seinigen diesen schweren Verlust hätte be 
trauern dürfen. So schrieb er ahnungslos: 
„Endlich ein Ereigniß von durchgreifender Wichtig 
keit, ein Schritt weiter zum Ziele. Philadelphia 
ist unser: Am 26. September 1777 zog der 
General Cornwallis mit 4 Bataillonen in 
die Stadt ein, welche der Feind gänzlich ge 
räumt hatte." 
Der Feind aber stand unter Washingtons Führung 
jenseits des Delaware, ganz in der Nähe der 
Stadt, und verblieb auch dort im Winterquartier, 
obwohl gerade die Hessen ihn arg bedrängten und 
ihm noch einige seiner festen Plätze wegnahmen. 
Bei solch einer Expedition, der Eroberung des 
Fort Muflin aus Moodiisland, wurde Eckebrecht 
von Münikerode verwundet. Diese erste Kugel, 
welche den Weg zu ihm fand, würde unfehlbar 
sein Herz getroffen haben, wenn sie nicht, an dem 
letzten Goldstücke der seidenen Börse abprallend, 
eine ungefährlichere Richtung genommen hätte. 
Dieser wahrhafte Talisman war ein sogenannter 
Paten - Dukaten mit der Umschrift „Gott schütze 
Dich", im Handel und Wandel ungültig, den der 
junge Edelmann wieder heim zu bringen gedachte. 
In einer jämmerlichen Behausung, jedoch in 
der Obhut seines treuen Christian erwachte 
Eckebrecht ans langer Ohnmacht zum Leben. Ein 
Arzt hatte bereits den ersten Verband angelegt 
und den Zustand nicht hoffnungslos befunden, 
aber in der Hütte, wo er lag, fehlte jede Möglich 
keit, die nothwendige Pflege zu beschaffen. Schwach 
und muthlos durch den starken Blutverlust, gab 
der Kranke sich alsbald selbst auf und äußerte 
nur das eine Bedauern, daß der leichtere, 
glückliche Tod auf dem Schlachtfelde ihm vorent 
halten geblieben. 
Der Hausstand seiner Wirthe war mit sieben 
Sprößlingen gesegnet, ' denen sich noch einige 
schwarze Kameraden zugesellten. Diese unruhige 
kleine Bande umstand anderen Tages eben voll 
Neugier das Lager des Verwundeten, als die 
Thür sich öffnete. 
In dein hereinströmenden Sonnenglanze erblickte 
der Baron eine Lichtgestalt, welche er anfänglich 
für eine Ausgeburt seiner erregten Phantasie 
hielt. Erst als die Dame ihn anredete, überzeugte 
er sich, daß es wirklich und wahrhaftig Lady 
Hemfort war, welche in Begleitung ihres Gemahls 
gekommen war, sich nach dem Kranken umzu 
sehen. Es war das erste Mal, daß er der schönen 
Frau wieder begegnete, ihr Mann stand jetzt 
beim Stabe in Philadelphia, durch einen Zufall 
hatten sie das Schicksal des jungen Offiziers 
erfahren. 
„Hier können Sie nicht bleiben," entschied die 
entschlossene Frau, „wir müssen Sorge tragen, daß 
Sie nach Philadelphia geschafft werden. In denr 
Hause, welches wir bewohnen ist leerer Raum 
genug. Meinst Du nicht auch, Collin?" wandte 
sie sich an ihren Gemahl. Collin war ein, 
tapferer Soldat vor denr Feinde, seiner Frau 
gegenüber wagte er aber niemals einen Wider 
spruch, auch nicht, wenn seine Meinung eine 
andere war. 
So wurden denn unverzüglich die Anordnungen 
zu Eckebrecht's Uebersiedelung eingeleitet, und noch 
vor Abend befand er sich in einem hellen, luftigen 
Gemache, welches mit vielem Comfort ausgestattet 
war, dessen sich der Baron seit Deutschland nicht 
mehr erfreut hatte. 
Unter diesen Verhältnissen schritt die Pflege 
normal vorwärts. Bald konnte der Rekonvaleszent 
bereits im bequemen Sessel am Kamine mit 
den Hemforts plaudern. Von beiden Seiten hatte 
man so viel erlebt, daß der Stoff nicht abriß. 
Eines Tages verlangte Lady Alice das Gold 
stück zu sehen, welches seinen Spruch so treulich 
bewährt hatte. Es steckte noch in betn zerrissenen, 
blutbefleckten Bentelchen, und auch die Blätter 
der verwelkten Rose waren auf's Neue roth ge 
färbt. Das Blut stieg in Lady Hem fort's Wangen, 
als sie dies Erinnerungszeichen wieder erkannte, 
aber sie gab es schweigend zurück, ohne eine 
Bemerkung daran zu knüpfen. 
Durch den oben erwähnten Zwischenfall war 
der Hauptmann von Münikerode durch mehr 
wöchentlichen Aufenthalt in den englischen Kreisen 
völlig heimisch geworden und unter den brittischen 
Kameraden ein gern gesehener Gast. 
Man lag im Winterquartier, und nur dann 
und wann gab es kleine Zusammenstöße mit den 
Rebellen. Das Gros der Besatzung suchte sich 
die Zeit so gut zu vertreiben, wie es eben möglich 
war, Bälle und Gesellschaften wechselten ab mit 
Theatervorstellungen, welche die englischen Offiziere 
mit großer Gewandtheit ausführten.
	        

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