Full text: Hessenland (7.1893)

303 
mast-Toppstange zu lösen war. Dröhnend mahnten 
vom Kommandeurschiffe scharfe Schüsse die 
Säumigen, welche nun in der Arrioregarde die 
Reise antreten mußten. 
Der Wind, welcher zu Anfang eine günstige 
Fahrt verhieß, steigerte sich indessen bald zum 
Sturm. Die Flotte konnte nicht in unmittel 
barem Anschluß sich fortbewegen, und mehrere 
Schäflein der Heerde verloren sich, ferner ihren 
Weg durch die Wasserwüste nach eigenem Kompaß 
suchend. Einer dieser Abtrünnigen war der 
„Roman Emperor". Somit schwand für Eckebrecht 
die erhoffte Gelegenheit, seiner neusten Flamme, 
bei „calme" einen Besuch abzustatten, wie solche 
während der Windstille zahlreich von einem 
Schiffe zum andern gewechselt wurden. 
Die Rose, das Andenken der schönen Frau, 
hatte ihren Platz in Agnesens seidenem Beutelchen, 
neben dem gemünzten echten Golde gefunden. 
Damit war zugleich ein Bild entworfen, welchen 
Standpunkt der junge Mann zu beiden Frauen 
einnahm. 
Nach wenigen Tagen waren Duft und Farbe 
der Blüthe entschwunden, nur ein zartes Aroma 
strömten die Blätter noch aus. So gedachte Eckebrecht 
dieser Bekanntschaft als eines angenehmen Traumes, 
während eine Anwandlung von Heimweh das 
Bild Agnesens idealisirte oder, richtiger gesagt, 
voraussah, was die Knospe noch barg. 
Zu keiner Zeit erscheint der menschlichen 
Phantasie die Rückkehr so nahe und lockend als 
in der Scheidestunde. Unter ihrem Eindrücke stand 
Lieutenant von Müllikerode noch, wenn er, am 
Bugspriet des Schiffes lehnend, in die Wellen 
schaute und goldene Zukunftsbilder heraufbeschwor. 
In die alte Stammburg Münikerode, sein 
zukünftiges Erbtheil, zog er ein, sich den eigenen 
Heerd 311 gründen, und immer war es die junge 
Nichte, welche er im Geiste an denselben heim- 
führte, so oft and) sein leicht erregbares Herz für 
anbere Schönheiten schwärmte. 
Rhode-Jsland war in einer versiegelten Ordre 
aller! Schiffskapitänerl zum Rendezvous-Platz ange 
wiesen worderr. Als rrach einer mehr beim zwei 
monatlichen Fahrt sich das Land der Verheißung 
den Blicken zeigte, ward es allseitig mit lautem 
Jubel begrüßt. Aber gleich der: Kindern Israels 
mußten die Seefahrer noch einmal an der Grenze 
ihres zu erobernden Kanaans wieder umkehrerr. 
Im Begriff, irr die Bah Chebueto, an welcher 
Halifax liegt, einzulaufen, brachte eine Schaluppe 
dem Commodor die Ordre, mit der ganzen Flotte 
weiter zu segeln nach Sandy-Huck-Bah. 
Die im Sturm oder Nebel verirrten Schiffe 
sammelten sich hier wieder zum Geschwader, nur 
der „Roman Emperor", der die Reise in viel 
kürzerer Zeit zurückgelegt hatte, war bereits mit 
einem anderen Convoy vorausgegangen. 
Diese letzte Nachricht trug dazu bei, die auf dem 
Sandwich und allen anderen Schiffen sehr ge- 
sunkene Stimmung bei Eckebrecht non Müllikerode 
unter Null niederzudrücken. 
Allmälig begannen die Lebensmittel rar und 
theuer zu werden, die Offiziere erhielten nur 
noch die Nation gemeiner Soldaten. Ter 
Mangel an frischem Wasser machte sich empfindlich 
bemerkbar, itnb die überhand nehmenden Mäuse 
schmälerten noch die Kost und vernichteten manches 
gute Kleidmlgsstück. Unter solchen erschwerenden 
Umständen stach man wiederum in See, um nach 
abermals 14 Tagen die bnrri) schreckliche Stürme 
I und Gewitter bedrohte Seereise schließlich zu 
! beenden. — 
VI. 
Die glänzenden Siege, welche die deutschell 
Regimenter den Engländern erfechten halfen, 
wiegtell beit jungen Helden Eckebrecht in den 
Glauben ein, es müsse von Erfolg zu Erfolg 
weiter gehen und das ganze Land bald der 
englischen Krone zurückerobert sein. 
Die Weltgeschichte hat längst ihr Urtheil ge 
füllt über die Fehler, welche in dieser Kriegführung 
i durch die Zauderpolitik mancher Heerführer be- 
| gangen wurden, wodurch sie sich bereits errungene 
! Vortheile wieder aus der Hand winden ließen. 
! Für unseren jungen, heißblütigen Offizier, der 
! ebenso schnell wie zur That auch zum Urtheilen 
bereit war, kostete es oft schwere Ueberwindung, 
seine bessere Einsicht dem Gehorsam unterzuordnen. 
Es kann nicht unsere Absicht sein, den Helden 
dieser Erzählung durch die vielen Kreuz- und 
Ollerzüge dieses siebenjährigen Krieges zu be 
gleiten, in den unzulänglichen Winterquartieren 
mit ihm zu frieren oder im Schneesturm auf 
Wache zu stehen. Diesem sowie der Gluthhitze 
amerikanischer Sommer mit alle den Beschwerden 
eines angestrengten Dienstes widerstand der 
jugendkräftige Körper des alsbald zum Haupt- 
mann und später zum Obersten avaneirten Barons 
von Münikerode. Christian, der treu ergebene, 
finbige Bursche des Offiziers, wußte hier nitb da 
einen Vortheil für seinen Herrn wahrzunehmen, 
dagegen nahmen die in die Heimath entsandten 
Briefe des Junkers allemal einen Gruß an 
Jlsaben mit, begleitet von dem Vermerk: „Es 
geht dem Christian gut. Ob die schwarzen oder- 
weißen Frauenzimmer ihn mit Blick und Wort 
zu verlocken suchen, er schaut sich nicht nach 
ihnen um."
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.