Full text: Hessenland (7.1893)

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Wilhelm I V.. der Weise, Landgraf von Hessen 
1567 — 1592. 
Von H. Metz. 
I. 
Geboren wurde Wilhelm am 24. Juni 1532 
als ältester Sohn Philipp's des Großmüthigen 
und einer Tochter Herzogs Georg von Sachsen. 
Seine ersten Jugendjahre verbrachte er unter 
Obhut der Frauen. 
Schon in seiner frühen Jugend bewies er eine 
außerordentliche Wißbegierde, verbunden mit einem 
großen Hange zur Einsamkeit. Seine Lieblings 
beschäftigung unter seinein Lehrer Volpert Ried- 
esel waren die Geschichtsschreiber und Dichter der 
Römer, die Staatsmaxiinen Cicero's, die heilige 
Schrift. Zehn Jahre alt, ivurde er iin Jahre 
1542 in der St. Martins-Kirche zu Kassel kvn- 
firmirt. Als der Bundeskrieg gegen Karl V. 
ausbrach, wurde Wilhelm von seinem Vater nach 
Straßburg gesandt, wv er in freundschaftlichen 
Verkehr mit den ersten Theologen seiner Zeit, wie 
Martin Bucer, Paul Fagius, Kaspar Hedio, 
Petrus Martyr, trat. Da der Krieg eine un 
günstige Wendung für Philipp nahm, verließ 
Wilhelm Straßburg und eilte unerkannt bis zu 
dem Zweibrückischen Kloster Hornbach, wv er 
Aufnahine auf der Burg seines Schwagers fand. 
Von hier aus gelangte er über Simmern, den 
Hundsrück, Rheinfels, Niederweisel in der Wetter 
au, Gießen und Ziegenhain glücklich nach Kassel. 
Bevor Philipp nach Halle zum Antritt seiner 
Gefangenschaft abzog, stellte er seinen Sohn Wil 
helm an die Spitze der Regierung, bis zu seiner 
Rückkehr im Jahre 1552, von wv an Wilhelm 
wieder in's Privatleben zurücktrat. Während der 
Zeit von 1552 bis zu seinem 1567 erfolgten 
Regierungsantritt gab er sich ernsten Studien, 
namentlich der Mathematik und Astronomie hin, 
verfehlte aber auch nicht, die Pflichten eines ersten 
Unterthanen zu erfüllen. So übernahm er mit 
anderen Räthen die Prüfung der großen und 
verwickelten Rechnungen der Bnndcskriege gegen 
Herzog Heinrich und Kaiser Karl V., er leitete 
den neuen Schloßbau zu Kassel, übernahm die 
höhere Verwaltung der Landcsuniversität, er 
erschien im Aufträge seines Vaters 1562 auf dem 
Reichstage zu Frankfurt, woselbst er nebst seinem 
Bruder Ludwig zum Ritter geschlagen wurde. 
Dem Wunsche seines Vaters gemäß vermählte er 
sich niit einer Tochter des Herzogs von Württem 
berg. Im Jahre 1567, beim Tode seines Vaters, 
trat Wilhelm als vierter der hessischen Land 
grafen gleichen Namens die Regierung an. 
Zu Kaiser Maximilian stand Wilhelm IV. 
persönlich freundlichst. 
Als unter Kaiser Rudolf II. strengere Maß- 
regeln gegen Preßerzeugnisse, namentlich den Ver 
fasser der „Nachtigall" in Frankfurt, ergriffen 
werden sollten, stellte Landgraf Wilhelm sich ans 
die Seite der Stadt Frankfurt und ermahnte sie, 
"sich nicht von der kaiserlichen Macht blenden zu 
lassen, vielmehr die Auslieferung des Verfassers 
zu verweigern. Dennvch war er politischen Streit 
schriften abgeneigt, weil er sie in einer politisch 
aufgeregten Zeit für scharfe Schneiden hielt, durch 
welche wunde Stellen wieder aufgeritzt würden. 
Seine Druckereien zu Marburg und zu Schmal 
kalden beaufsichtigte er streng. 
Papst Gregor XIII. hatte die Einführung des 
verbesserten Kalenders beschlossen und ließ ihn 
zu Ende des Augsburger Reichstages 1582 dem 
Kaiser zur Einführung überreichen. Landgraf 
Wilhelm erklärte sich aus politischen Gründen 
gegen die Annahme des Kalenders: „Wenn die 
Stände des Reichs durch die Annahme des neuen 
Kalenders dem Papste eine ungebräuchliche Juris 
diktion und die Gewalt, dem Kaiser und Reich 
zu gebieten, einräumten, so werde dadurch zugleich 
die Hoheit des Kaisers und des Reichs geschmälert, 
den kaiserlichen Mandaten zur Annahme dieses 
Kalenders müsse, seiner Meinung nach, eine Be- 
rathschlagung aller Stände des Reiches voran 
gehen." Sodann wies er ans die Verwirrung 
hin, welche die Aenderung des Kalenders in zahl 
reichen Beziehungen des privaten und öffentlichen 
Verkehrs zur Folge haben werde. Ans Grund 
dieser Bedenken erließen die evangelischen Kur-
	        

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