Full text: Hessenland (7.1893)

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wir unsern Gasthof erreichten, bat ich sie um 
die Erika, die sie in ihrer Hand trug. 
Am anderen Morgen fuhren wir mit dem 
Dampfer in Begleitung des alten Gerichtsraths 
nach Constanz. Seine heiteren Bemerkungen 
rissen uns aus der gedankentiefen Stimmung 
und halfen uns gnädig über die Abschiedsstunden. 
Ich geleitete Madame Dupret zum Bahnhöfe, 
von wo aus sie durch die Schweiz zurück in 
ihre Heimath fuhr. Für uns Beide begann nun 
wieder das strenge Leben der Arbeit und der 
Pflicht —, ein Segen für Naturen, welche die 
Bedingungen großen Glückes in sich tragen und 
verzichten müssen. 
In dem Augenblicke dachte ich indessen nicht 
daran. Als ich neben ihr am Coup« stand, 
wollten sich bittere Bemerkungen über das 
Schicksal auf meine Lippen drängen —, aber 
der Schmerz, von ihr zu scheiden, machte 
mich sprachlos. Auch ihr Gesicht war bleich, und 
die Augen schwammen in Thränen. 
Ehe ich mir recht bewußt wurde, wie es 
geschah, brauste der Zug von dannen und ich 
sah nur noch ein paar kurze Augenblicke ihren 
Schleier, der, als sie sich aus dem Wagen neigte, 
vom Winde getragen, über ihr liebes Gesicht 
flatterte. 
Und doch verflog die Taurigkeit bald in der 
Ueberzeugung, daß ich ihre Freundschaft gewonnen 
hatte, und dies Bewußtsein hob mächtig die 
Flügel meiner Seele. 
Alles, was mich in Zukunft bewegen sollte, 
jeder Gedanke, der sich in uns regen würde, 
jede flüchtige Fiktion der Empfindung, Alles 
durfte ich ja ihr schreiben und dafür ihre Innen 
welt schauen, die sie niir vertrauensvoll enthüllen 
würde. 
O, wie erinnere ich mich des Festtages, an 
dem ich die ersten Zeilen ihrer Hand erhielt! 
Es war inzwischen November geworden, grauer 
und undurchdringlicher Nebel lag an meinem 
Fenstern und verhüllte mir die äußere Welt. 
Aber wie sonnige Frühlingsboten begrüßten mich 
die engen Linien ihres Briefes, und was sie 
sagten, senkte sich sanft und beseligend in mein 
Herz. Wir hatten den Muth, den wir Auge 
in Auge nicht gefunden, uns zu gestehen, daß 
unsere Freundschaft unsere beste Habe sei; daß 
wir in ihr den Halt suchen wollten, dessen wir 
Beide bedürften, und daß es die Gnade Gottes 
gewesen, die uns zusammen geführt habe. 
Ihre Briefe sprachen mir nach und nach von 
Allem, was ihr das Leben gebracht hatte, von 
ihrer schweren Kindheit, ihrer einsamen Jugend, 
ihren Kämpfen um die Lebensexistenz —, von 
ihrem darbenden Herzen. Wie ein elegischer Ton 
wehte die Klage um den verlorenen Geliebten 
hindurch, zuweilen gewaltig und mächtig und 
dann leiser, immer leiser, bis sie zuletzt beinahe 
verklang. Zuweilen, wenn ihre Briefe besonders 
innig waren, wenn sie der Ueberzeugung Ausdruck 
gab, daß unsere Seelen in ihrer wunderbaren 
Uebereinstimmung für einander geschaffen schienen 
und daß die sagenhafte Ruine am Bodensee der 
Wallfahrtsort gewesen, der ihrer Seele Frieden 
geläutet —, gab ich mich dem Wahne hin, daß 
sie vielleicht dereinst in meiner Freundschaft, — 
so wie ich in der ihren —, ein volles Genügen 
finden könne. 
Ich las kein interessantes Buch mehr, ohne 
an sie zu denken, bezeichnete mit der Bleifeder 
die Stellen, die mich bewegten, und sobald ich 
es beendet hatte, ging es unter Kreuzband nach 
Belgien zu ihr. Und dann tauschten wir Ein 
druck und Meinung, und eng beschriebene Bogen 
flogen von Hand zu Hand. Im Sommer las 
ich ihre Briefe auf den einsamsten Hügeln der 
Anlagen, wo mich nur das Säuseln des Windes 
umwehte. Und war es Winter, dann lag ich 
im Lehnstuhle, seitwärts vom Ofen —, meine 
Gedanken spannen weiter — köstliche Gebilde, 
und meine Phantasie lebte mit der Frau, 
die so verständnißvoll mit mir fühlte. 
War es dennoch mehr als Freundschaft ge 
wesen, was mich zu Leoni Dupret gezogen? 
War sie der Inbegriff von Allem geworden, 
was die Seele umfassen kann? Ich weiß es 
nicht, ich habe meine Gefühle niemals zergliedert; 
aber als ich an jenem Shlvestertage ihren Brief 
erhielt, da bin ich wie ein zum Tode getroffenes 
Wild zusammen gebrochen, und mein Schmerz, 
daß ich nicht mehr der einzige Vertraute ihrer 
Gedanken sein sollte, blieb größer als die Freude 
über ihr endliches Glück. Ich habe an dem 
Abende, nachdem ich ihren letzten Brief gelesen, 
in welchem ihre Liebe zum Geliebten so rührend 
bemüht war, dem Freunde nicht Alles zu ent 
ziehen, bitterlich geweint. Ich las den herrlichen 
Brief, der mir mehr als Alles ihren feinen 
Charakter zeichnete, wieder und wieder; ich las 
auch die mit bewegter Feder unter den Brief 
gekritzelten Worte: „Schreiben Sie mir, wie 
bisher, ich kann Ihre Briefe nicht entbehren." 
Sie verriethen mir, wie auch ich ihr theuer ge 
worden war. wie der Verlust meiner Briefe bei 
nahe einen Schatten werfen könne über das 
Glück ihrer Liebe —, und dennoch — mir war 
es, als fiele meine letzte Lebensblume entblättert 
zu meinen Füßen. 
Jahre sind seitdem vorüber gegangen, ich bin 
inzwischen ein alter, müder Mann geworden. 
Ich weiß nichts von ihr —, nicht, ob sie lebt
	        

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