Full text: Hessenland (7.1893)

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der Gras Ferdinand zu Isenburg-Phi 
lipp seich, Generalmajor a. D., im Alter von 
62 Jahren an einer Lungenentzündung sanft ver 
schieden ist. Gras Philippseich befand sich zu 
Besuch in Wächtersbach und zog sich die tückische 
Krankheit vor einigen Tagen auf der Jagd zu. 
Hessische Bücherschau. 
Gedichte v o n D. S a u l. Verlag der deutschen 
Verlags-Anstalt in Stuttgart, Leipzig, Berlin 
und Wien. 1894. 
Von Franziskus H ä h n e l las ich in den 
jüngsten Tagen die Worte: „Wir tragen ohne 
Zweifel zur Erweckung des literarischen Interesses 
in allen Volkskreisen wesentlich bei, wenn wir 
bestrebt sind, der F a m i l i e die Schätze der 
Literatur zu erschließen, wenn jeder Deutsche er 
kennen lernt, daß er aus einem Abend, in an 
regenden Gesprächen mit seiner Familie über ein 
gutes Buch, größere Kraft gewinnt, des folgenden 
Tages Arbeit zu ertragen, als wenn er die Er 
holung da sucht, wo sie nimmer zu ftubeit ist: 
im Wirthshause oder am Sknttische." Und diese 
Worte sieten mir wieder bei, als mir die Gedichte 
unseres hessischen Landsmanns xutb werthgeschätzten 
Mitarbeiters an diesen Blättern D. Saul zu 
Händen kamen,.die,, eben m..Stuttgart, 13 Bogen 
stark, erschienen sind. Auch sie gehören unter „die 
Schätze unserer Literatur" lind erheben daher 
einen Anspruch daraus, den „literarischen Inter 
essen aller Volkskreise" empfohlen zu werden. 
Ein Theil dieser „Gedichte" ist den Lesern des 
„Hessenlandes" bereits bekannt, sie gehören zweifel 
los zu den besten lyrischen Ergüssen, die diese 
Zeitschrift auszuweisen hat; die vorliegende ganze 
Sammlung aber entspricht den bereits bekannt ge 
wordenen Gedichten, und es nruß uns mit nicht 
geringer Genugthuung erfüllen, aus unserer hes 
sischen Heimath solche dichterischen Kräfte hinaus 
in die Welt treten zu sehen und zu wissen, daß 
sie alsbald unter die besten zählen, die das 
deutsche Volk auszuweisen hat. 
Der Dichter hat sein Buch in zwei Abthei 
lungen getheilt und davon der ersten die Unter 
abtheilungen: Aus der Jugendzeit, Wandern nnb 
Rasten, Vermischtes und Stachelreime und 
Sprüche gegeben. Das Warum? finden wir leicht 
beim Lesen der Gedichte. In der ersten Ab 
theilung erkennen wir den Dichter mehr in seinen: 
Verhältniß zur Außenwelt, während wir in der 
zweiten Abtheilung mehr seinem inneren Seelen 
leben , mehr dem eigentlichen Lyriker begegnen. 
In beiden jedoch tritt uns ein heiliger Ernst der 
Lebensauffassung entgegen, aus dem hier und dort 
ein liebenswürdiger Humor blitzt, und der in 
seine:: Urtheilen einen scharfen, gereiften Geist 
verräth. 
Saul singt von seinem Liede: 
Nur eine Seele sollst du finden, 
Die sich aus Gram und Schmerz erhebt, 
Mein Lied, wenn du ihr tröstend nahest: 
Dann hast du nicht umsonst gelebt — 
denn: 
Der Quell, der einen Durstigen tränkte, 
Der hat erfüllt, was er gesollt. 
Der Vergleich mag schön sein. Indessen sind 
sämmtliche Lieder so schön und reizend, daß sich 
mehr als „nur eine Seele" daran erquicken wird. 
Sie zeichnen sich durch tiefe Empfindung aus, sind, 
was nicht gering anzuschlagen ist, durchaus eigen 
artig, und die Naturbetrachtungen, wie z. B. die 
Ode „Schneeglöckchen", sowie die Reflexionen von 
der Natur auf das Fühlen und Denken verbinden 
Schönheit mit innerer Wahrheit in ebenso glän 
zender Darstellung als in tadelloser Form. 
Gerade die Eigenart aber ist es, die uns bei Saul 
von vornherein einnimmt. So singt kein Anderer, 
und so schreibt kein Anderer; es tritt uns alles 
als neu eutgegen, und weil es aus Saulus Leier 
wohl uud angenehm klingt, so dringt es tiefer zu 
Herzen als gar mancher Sang der modernen 
Lyrik. Nicht weniger rechne ich es dem Dichter- 
hoch an, daß er in Beziehung auf die Form, 
ohue im Mindesten den Inhalt darunter leiden 
zu lassen, sich den Neueren anschließt. Detlev 
v. Lilienkron wird eine Freude daran haben, 
wieder einen: Dichter zu begegnen, den er nicht 
nöthig hat, wegen unreiner Reime — unge 
lesen z u lasse n, denn in dem ganzen Buche 
stößt man aus nicht einen dieser Reime, die un- 
begreislicherweise vo:: mancher sprachschwachen 
Seele leider noch immer vertheidigt werden. Ge 
hört Saul aber auch so unter die Neueren im 
besten Sinne des Wortes, so gehört er doch nicht 
unter die „Modernen", gegen die er vielmehr in 
seiner: vortrefflichen, geistreichen „Stachelreimen 
und Sprüchen" mit aller Entschiedenheit ankämpft 
und nach Elysium keinen kommen läßt. In dieser 
Stellung zur Poesie fühlt er sich stark und erklärt 
sich selbst mit seinem Humor als - „unver 
besserlich", indem er singt: 
Ich bin halt unverbesserlich, 
Ich glaub' an Goethe und Schiller, 
Trotz alles neuen Kunstgeschreis 
Und aller ostelbischen Triller. 
Mit Wein von: Neckar, Main und Rhein 
Berspül' ich Brast und Aerger: 
Wen: Schlesiens Gewächs behagt. 
Der trinke Grüneberger. 
Neiw lieber Saul, lasse Dir Deine Kunst nicht 
„verbessern" durch „ostelbische Triller" und spüle
	        

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