Full text: Hessenland (7.1893)

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beim Beginn der langen Reise einen großer: Reiz 
auf den jungen Offizier aus. 
Das Einlaufen der Flotte in den Hafer: von 
Portsmouth bildete eine erwünschte Abwechselung. 
Hier lag das große englische Geschwader bereit, 
ein überwältigender Anblick, wie er sich bislang 
niemals derr Augen der Deutschen geboterr hatte. 
Jedes der Schiffe salutirte das Admiralschiff 
mit Kanonenschüssen und fuhr unter Musik und 
Trommelwirbel an demselben vorüber. Die 
Engländer begrüßten die deutschen Hülfstruppen 
mit Hurrahrufen. 
Es wurden Anker ausgeworfen und einige 
Tage Rast gemacht, bis auch die englische Marine 
segelfertig war und die vereinigte Flotte in See 
gehen konnte. 
Eckebrecht, der mit durstigem Geiste diese neuen 
Eindrücke einsog, nahm Urlaub, \m die be 
rühmte Hafenstadt Portsmouth näher in Augen 
schein zu nehmen, doch machte ihn die große 
Unruhe, welche in den Straßen und vorzüglich 
am Qilai herrschte, müde und abgespannt. Es 
erschien dein junge:: Offizier eine willkommene 
Erholung sich von den geübten Matrosen des 
„Lord Sandwich" unberührt durch das Gewirr- 
aus- und einlaufender Fahrzeuge führen zu lasse::, 
angesichts dieser mächtigen Marine, der er sich 
mit gehobenem Stolze zuzählte. 
Plötzlich ertönte ein Schrei in seiner unmittel 
baren Nähe, zwei Boote waren so hart auf 
einander gefahren, daß das eine derselben ein 
Leck aufwies. Wie es bei solchen Gelegenheiten 
zu gehen pflegt, der schuldige Theil machte sich 
schleunigst aus de::: Staube, die Schimpfworte 
der Beschädigten mit noch ärgeren erwidernd. 
Das gefährdete Boot gehörte dem Kriegsschiff 
„Roman Emperor" an. Da es sich bereits mit 
Wasser füllte, war rasche Hülfe von Nöthen. Außer 
dem befand sich eine Dame an Bord; die Ehre des 
Kavaliers erforderte es, sich ihrer anzunehmen, auch 
wenn sie minder jung und hübsch gewesen wäre 
als „Colonel Hemfort’s wife". Mit diesen 
Worten stellte sich die Lady vor, indem sie ihren 
kleinen Fuß aus die sichereren Planken des Sand 
wich-Bootes setzte. 
Lieutenant von Münikerode beeilte sich gleich 
falls, Stand und Namen in englischer Sprache dar- 
zuthun; er pries seinen guten Stern, welcher ihn in: 
rechten Augenblicke zu ihrem Beistände vorüberführte. 
Lady Hemfort zeigte sich angenehm überrascht 
durch des deutschen Offiziers Kenntniß ihrer 
Muttersprache; sie berichtete alsbald, warum sie 
gezwungen war, ohne Begleitung ihres Gatten 
,.at our home“, womit sie S. M. Schiff „Roman 
Emperor" bezeichnete, zurückzukehren. 
Eine unter den Leuten ausgebrochene Meuterei 
hielt den Colonel im Augenblicke der Abfahrt 
am Lande fest, während eben dadurch der Verbleib 
der jungen Frau dort unstatthaft ward. — 
„Eine Soldatenfrau", sagte sie, „darf sich nicht 
fürchten! Ich gedenke meinen" Mann auf dem 
Feldzuge zu begleiten, da muß ich auf eigenen 
Füßen stehen lernen." 
Eckebrecht ließ seinen Blick herabgleiten zu den 
schmalen, zierlichen Schuhspitzen, welche das Kleid 
frei ließ. Unverhohlen sprach er seine Bewunderung 
aus, daß eine so junge Dame es wage, sich den 
Wechselfällen des Kriegslebens auszusetzen. Da 
umspielte ein schelmisches Lächeln ihren Mund, 
indem sie eingestand: „Es wird immer doch er 
träglicher sein als die grenzenlose Oede unserer 
verlassenen Garnison." 
Der „Roman Emperor" war nur zu bald erreicht. 
Lady Hemfort sprach in verbindlicher Weise ihren 
Dank aus, indem sie zugleich der Hoffnung Raum 
gab, diese zufällige Begegnung möchte eine vor 
bedachte Wiederholung finden, was natürlich den 
Wünschen des Offiziers nur entsprach. 
Dieses kleine Abenteuer trug dem Baron seitens 
seiner Kameraden endlose Neckereien ein, über 
„seine formidable fortune bei den: Frauen 
zimmer", welches ihn nun selbst über das Meer 
hinaus begleitete. 
Als nun anderen Tages Colonel Hemfort, be 
gleitet von seiner Gemahlin, an Bord des „Sand 
wich" kam, um Herrn von Münikerode seinen Dank 
abzustatten, veranstaltete das Offiziercorps sogleich 
ein kleines Fest zu Ehren des schönen Gastes. 
Alle kamen darin überein, Lady Alice Hemfort 
sei eine Perle, welche ausnahmsweise nicht in der 
Tiefe, sondern auf der Oberfläche des Meeres zu 
finden sei. 
Die junge Frau sprühte in der Unterhaltung 
von übermüthigem Witz, der Niemanden, auch 
nicht ihren bedeutend älteren Gatten, verschonte. 
Die Unterhaltung gewann dadurch an Reiz, daß 
die Lady in allerliebster Weise, deutsch radebrechte, 
um denjenigen Offizieren gefällig zu sein, welche 
die englische Sprache noch nicht genügend be 
herrschten. 
Eckebrecht, den sie ganz besonders ihrer Auf 
merksamkeit würdigte, ließ sich von dem Zauber 
ihres Wesens und den Goldfäden ihres lockigen 
Haares gänzlich uinspinnen. Mit Freuden sagte 
er seinen und seiner Kameraden Gegenbesuch auf 
dem,, Roman Emperor" zu, und gleich am folgenden 
Morgen wurde die Ausführung in's Werk gesetzt. 
Es war eine ungewohnte Abwechselung mit 
dem Anhauch des Romantischen, wofür ja gerade
	        

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