Full text: Hessenland (7.1893)

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Ohm und Onkel. 
Erzählung von C. von Dincklage-Ca mpe. 
(Fortsetzung.) 
» ic Mittagstafel, welche die Hausgenossen 
wieder vereinte, verlief ziemlich einsilbig, nur 
Agnese fragte lebhaft nach vieler Dingen, die 
der Papa oder der Ohm ihr beantworten mußten. 
Ueber Aurora von Wilden gab „das Kind" ganz 
unberufen ein sehr abfälliges Urtheil ab, als die 
Herren die Begegnung mit der jungen Dame 
erwähnten. Frau von Loßberg verlangte von der 
Tochter eine Begründung ihrer Abneigung. Als 
diese erröthete, aber schwieg, sagte die Mutter 
streng: „Wenn Du Dir anmaßest, große Leute 
zu bemäkeln, sollst Du eine Ursache dafür an 
geben, Antipathien, die nur in der eigenen Laune 
beruhen, lasse ich nicht gelten." 
„Wenn Ihr es denn durchaus wissen wollt," 
entgegnete Agnese trotzig, „sie hat mich einen 
vorwitzigen Balg genannt." 
Nu:: lachten Alle, trotz der herrschenden trüben 
Stimmung; Ohm Tankmar meinte: das Fräulein 
hätte wohl nicht so ganz am Ziele vorbeigeschossen 
mit seiner Bemerkung. 
Agnese kämpfte mannhaft ihre Empfindlichkeit 
herunter, doch war ein Jeder zufrieden, nach dem 
Essen dem Verlangen allein zu sein nachgeben zu 
dürfen. 
Fräulein von Loßberg suchte aus ihren Sachen 
eilt hübsches buntes Tuch hervor, ging hinunter 
in die Küche und schenkte dasselbe Jlsabe. Als 
das Mädchen sie ganz verwundert ansah, wurde 
Agnese sehr verlegen, fing zu weinen an und 
machte sich eilig von dannen. Sie floh in ihres 
Vaters Bibliothek, wo um diese Zeit sich Niemand 
auszuhalten pflegte, und ließ hier in einer Ecke 
kauernd den lange zurückgehaltenen Thränen freien 
Lauf. 
Doch blieb das arme Kind nur kurze Zeit un 
gestört, Tankmar hatte sich dasselbe gesicherte 
Ruheplätzchen ausersehen. Der junge Baron 
machte sich's bequem und blätterte in einem 
Folianten, als ein leises Geräusch ihn den Kopf 
heben und Agnesens ansichtig werden ließ. Bei 
dem Anblick ihrer Thränen war sogleich des 
Ohms gutes Herz gerührt, er nahm das Mädchen 
in seine Arme und bat es seine nicht böse ge 
meinten Worte vergessen zu wollen. „Euch", 
sagte sie, sich emporrichtend, „geht .es gerade so 
gut an wie mich, Ohm! Fräulein von Wilden ist 
falsch, sie thut immer schön mit Euch, dem Ecke 
brecht aber kam sie ebensowohl entgegen, bei 
einem Stelldichein mit ihm war es, wo ich ihr 
in die Quere kam." 
„Was weißt Du Kindskopf von Stelldichein?" 
antwortete Tankmar sehr verlegen; er fühlte in 
diesem Augenblicke nur zu gilt, daß es ihm nicht 
gleichgültig war, ob Aurora einen Andern ihm vor 
zog. Er empfand eine Verstimmung gegen Agnese, 
gegen Fräuleill von Wilden, gegen die ganze 
Welt, eill Heimweh nach dem stillen Welsen, aber 
dennoch blieb er. 
Aus dem nächsten Hoffeste trug der Freiherr 
von Münikerode die Kammerherrnuniform mit 
dem goldenen Schlüssel, und niemals war ihm 
Fräulein voll .Wilden begehrenswerther er 
schienen als all diesem Abellde, wo sie ihlll in 
zuvorkommender Weise ihren Glückwunsch alls 
sprach. 
III. 
Noch etwa 0 Wochen hatten die hessischen 
Regimenter auf delltschein Boden zugebracht, bevor 
alle Mannschaften unb Offiziere dem König voll 
England beit Fahneneid leisteten. Am 4. April 
endlich wurde das Regimellt, dem Eckebrecht 
angehörte, auf der Korvette „Lord Sandwich" 
eingeschifft. Es vergingen jedoch über vierzehn 
Tage, bis die Abfahrt soweit vorbereitet war, daß 
Geileral Heister all Bord des Kommandeur- 
schiffes gehen konnte, welches alsbald unter Ab 
feuern der Kanonen, Musik und Trommel 
wirbel die Anker lichtete; die aus etwa 60 Schiffen 
bestehende Flotte folgte. 
Tankmar voll Münikerode wohllte dein un 
gewohnten Schauspiel der Abfahrt einer Kriegs 
flotte aus der Weser mit hohem Interesse bei. 
Der junge Baron hatte noch einen letzten Abschied 
voll seinem Bruder genommen, den er bereits 
auf dem Schiffe installirt fand. Die vielfache 
Abwechselung und Neuheit dessen, was sich ihrer 
Anschauung bot, half den Brüderll unvermerkt 
über die Bitterkeit des Abschieds Hill weg. 
Mit einer unzählbaren Menge verharrte der 
Zurückbleibende am Ufer, während die Flotte sich 
majestätisch der Wesermündnng entgegen bewegte 
und endlich den Angen der Nachschallenden 
entschwand. 
Das ungewohnte Leben auf denl Schiffe, das 
enge Zusammellhalten des Geschwaders, kamerad 
schaftlicher Verkehr ltnb günstige Witterung übten
	        

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