Full text: Hessenland (7.1893)

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War es nicht göttliche Eingebung, daß ver 
schlossene Naturen, wie die unseren, den Muth 
gefunden hatten, sich das Tiefste zu enthüllen, 
was die Seelen empfanden? Ich trat in ge 
hobener Stimmung auf die Höhe der Ruine, die 
der Volksmund geheiligt hatte; Leoni Dupret 
folgte mir. Vor uns lag der Wald in Mittags- 
gluth und senkte sich gegen das Dorf. In der 
Ferne streckte sich der Säntis traumhaft aus der 
Kette der Alpen, und über dem See flatterte, 
von sanfter Luft gewiegt, hier und da ein gelbes 
Blatt im Sonnengolde und sank geräuschlos in 
die Wellen. 
„Wissen Sie, daß diese Ruine ein gottge 
weihter Tempel ist?" fragte ich leise, als ob 
selbst die Stimme sich vor der Heiligkeit des 
Augenblicks senken müsse. 
Sie sah mir fragend in's Gesicht. 
„Der Volksmund sagt, daß ein Gebet aus 
tiefster Seele, in dieser Ruine gesprochen, von 
Gott erhört würde." 
„Von Gott erhört?" Sie hatte die Worte 
nur gehaucht und dann schwieg sie und neigte 
den Kopf über die Hände. 
Ob sie betete? 
Ich selbst hatte keine Wünsche mehr, ich hatte 
abgeschlossen mit meinem Leben; aber es war 
mir doch, als ob ich Gott bitten solle, Leoni 
Dupret mit dem Manne zu einen, den sie liebte. 
Als wir bergab nach Hause gingen, waren 
wir schweigsam geworden. Ich dachte, es wäre 
schon genug des Glückes, still neben einander zu 
gehen mit dem Bewußtsein gegenseitigen Ver 
trauens. Zuweilen sah ich zu ihr hin und 
bemerkte, wie ihre leuchtenden Augen über den 
See glitten oder mit sanftem Ernste an der 
Alpenkette hingen, die sich in scharfen Umrissen 
in blauer Ferne dehnte. 
Ich hatte einmal als Knabe etwas Kostbares 
gefunden, etwas, was mir begehrenswerth und 
unerreichbar geschienen. Ich barg es in meiner 
Tasche und ging zum Erstaunen meiner Mutter 
früher in mein Bett als sonst —, um mich un 
gestört meinem Glücke zu überlassen. Am nächsten 
Morgen, als ich meine Freude nicht mehr ver 
bergen konnte und mein Kleinod den Anderen 
zeigte, beschied man mich, daß es mir nicht 
gehöre und daß man kein Recht habe an fremdem 
Eigenthum. 
Ein ähnliches Gefühl von Glück beschlich mich 
an dem Abende jenes Tages, als ich mich frühe 
zur Ruhe legte. Die Luft war warm, ich ließ 
die Fenster offen, sah vom Bette aus durch die 
graue Nacht die Kronen der Kastanienbäume 
im Nachbargarten und hörte das geheimnißvolle 
Gurgeln der Wellen, wie sie sanft gegen das 
Gestade brandeten. Ich hatte etwas Kostbares 
gefunden, etwas seltsam Beglückendes —, eine 
edle, sympathische Menschenseele. Ich nahm mir 
vor, sie still zu verwahren, damit nicht auch 
eines Tages eine Stimme mir zurufen möchte, 
„daß sie nicht mir gehöre und daß man kein 
Anrecht habe an fremdem Eigenthume". 
Am anderen Tage war der Professor her 
gestellt, und wir begannen wieder unsere gemein 
schaftlichen Wanderungen. Nur des Nachmittags 
kürzte ich meinen Schlaf und setzte mich dafür 
in die Laube, in welcher die Damen sich ver 
sammelten und mit Handarbeit beschäftigt waren. 
Sehr oft fand ich nur Madame Dupret und 
die Mutter der schönen Hamburgerin, die sich 
besonders zu gefallen schienen, und dann las ich 
ihnen wohl eine der reizvollen Novellen 
Turgenjew's vor, oder was ich sonst bei mir trug. 
Wenn ich geendet und Leoni Dupret. während 
sie ihre Augen zu mir ausschlug, von dem Ein 
drücke sprach, den sie gehabt hatte, — von 
irgend einer Lebensfrage angeregt, die Unter 
haltung sich in weitere und ernste Labyrinthe 
> verlor, dann wurde ich mir immer mehr bewußt, 
welche reiche Innenwelt diese Frau in sich trage, 
und wie rein und schön sich die Welt in ihrer 
Seele spiegele. 
Unsere kleine Gesellschaft löste sich beinahe 
am gleichen Tage auf. 
Am letzten Nachmittage, als alle Anderen mit 
Packen beschäftigt waren, stieg ich noch einmal 
mit Madame Dupret auf die zerklüftete Ruine. 
Wir hatten es nicht verabredet, es gab sich von 
selbst. Unsere Schritte lenkten unwillkürlich 
demselben Ziele zu. Wir sprachen nicht viel, der 
Abschied lag drückend auf uns Beiden; denn das 
Leben trieb uns in verschiedene, weit getrennte 
Bahnen. Es war fraglich, ob wir uns jemals 
wieder begegnen würden, aber ein verwandter 
Zug, ein sympathisches Etwas verband uns und 
sicherte uns ein getreues Gedenken. Leoni hatte 
sich über die Brüstung der zerfallenen Mauer 
gelehnt und sah, wie die Sonne in glitzerndem 
Golde hinter den Alpen versank. Zwischen dem 
feinen Geflock der dunklen Wolken leuchtete es 
zuweilen wunderbar auf, zitterte über die tanzenden 
Wellen des Sees und verschwand dann wieder 
hinter dichten Wolken, die in schweren Massen 
am Horizonte lagen. Zuweilen fiel ein Strahl 
über ihr Gesicht und durchleuchtete die stillen 
Züge. Das Leid hatte seinen heiligenden 
Stempel darauf gedrückt. Wir blieben'stehen, 
bis die letzten Farben verblaßten und der Herbst 
nebel seine durchsichtigen Schleier in weichen 
Flocken über das Gebirge warf, dann reichte ich 
ihr meinen Arm, und wir gingen, nur selten 
eine Bemerkung machend, durch die verschlungenen 
Pfade, die zu unserem Dörfchen führten. Bevor
	        

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