Full text: Hessenland (7.1893)

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nehmen Leute ist. Dies dumme Volk sieht uns 
als Bevorzugte und Urheber seines Ungemachs an." 
„Ich hoffe," sagte Tankmar erregt, „es sind 
Ihnen keine Unannehmlichkeiten zugestoßen." 
„O nein," fiel sie ihm lachend in die Rede, 
„es kam mir nur mehr denn eine unfreundliche 
Aeußerung zu Ohren, über Menschenhandel, 
Sklaverei und dergleichen, während doch auch 
die Offiziere Gut und Blut einsetzen müssen. 
Wie frisch und kühn blickte vorhin Ihr Bruder 
seinem Schicksal in's Auge, Herr von Münikerode." 
Loßberg hatte erwartet, sein Schwager würde 
der jungen Dame den Arm bieten. Da derselbe 
aber nicht dergleichen that, zürnte er innerlich dem 
unverbesserlichen Krautjunker und genügte selbst 
dieser Kavalierspflicht, während der Baron au der 
anderen Seite des schönen Mädchens einherschritt. 
„Ich, mein gnädiges Fräulein," entgegnete er 
auf ihre letzten Worte, „habe nicht ohne tiefes 
Mitgefühl den berechtigten Schmerz dieser Volks 
menge ansehen können, und darf man den Be 
troffenen wohl eine unüberlegte Aeußerung zu 
Gute halten. Mit den Offizieren hat es doch 
eine andere Bewandtniß, als mit dem gemeinen 
Manne." 
„Um Gottes Willen," unterbrach Aurora seinen 
Redestrom, „schweigen Sie heute von Ihrer Welt 
verbesserung, ich habe für den Augenblick genug 
vom Volke. Mich verlangt nach andern, wohl 
thuenden Eindrücken. Helfen Sie mir, Herr Ge 
heimrath, Ihren Schwager zu überzeugen, daß 
wir nicht nur Parasiten sind, die sich von Saft 
und Kraft Anderer nähren, daß wir, in dem 
umhegten Garten des Hoflebens aufgewachsenen 
Pflanzen, der vornehmen Gesellschaft als unserer 
Lebenslust bedürfen." 
° Mit tief schmerzlichem Blick sah der junge 
Mann das so ganz anders geartete Mädchen an, 
welches verstand, ihn fortwährend anzuziehen und 
wieder zurückzustoßen. Er erfreute sich selten des 
Glückes ihrer Zustimmung zu seinen Anschauungen. 
Wortkarg blieb er ihr zur Seite, während es den 
Geheimrath von Loßberg offenbar unterhielt, 
die Blitze ihres Geistes im Wortgeplänkel spielen 
zu sehen und sie von einem Gebiet auf das 
andere zu führen, immer vergeblich bemüht, den 
Gefährten zu gleichem Aufschwung in ihre lichten 
Regionen anzureizen. 
„Du bist wie eine Eule auf dem Vogelherd", 
bemerkte er sarkastisch. 
„Und mir theilen Sie die Rolle der Krähen 
zu", lachte die junge Dame. 
„O! da weiß ich doch besser Bescheid", warf 
Tankmar ein. „Auch Edelfalken kreisen um die 
angekettete Eule." 
„Bravo!" stimmte Loßberg bei, Aurora aber 
streifte den Baron mit einem langen fragenden 
Blicke. War dies eines seiner seltenen Komplimente, 
oder nur der Ausdruck pedantischer Wahrheitsliebe? 
Fräulein von Wilden verabschiedete sich, zu 
Hause angekommen, unter den üblichen Dankes 
bezeigungen und Gegenreden ihrer beiden Beschützer 
von denselben. Diese setzten schweigend den kurzen 
Weg bis zu ihrer eigenen Wohnung fort. 
(Fortsetzung folgt.) 
Aus Heimath und Fremde. 
Hessendenkmal zu Eschwege. Am 29. 
d. M., Nachmittags 3 Uhr, fand nach dem Nach 
mittags - Gottesdienst die Enthüllung des 
Denkmals für die am 2 1. Februar 1807 
ans dem „Werd che n" kriegsrechllich 
durch die Franzosen erschossenen fünf 
hessischen Soldaten statt, nachdem sich vor 
her vom Marktplatz aus in einem stattlichen Zuge 
mit fliegenden Fahnen unter den Klängen der 
Turnertrommeln und der Muskat'schen Kapelle die 
obersten Klassen der Knabenschulen, die Männer 
riege der Turnerschast, die Turner selbst, die 
Kreis- und Stadtbehörden und ihnen zur Seite 
die Mitglieder des Denkmal-Comitös, der Gesang 
verein Konkordia, das Jägerische Männerquartett 
und sämmtliche Kriegervereine zu Füßen des Denk 
mals auf dem alten Friedhose, der jetzt in eine 
schöne Anlage umgewandelt worden ist, begeben 
hatten. 
Die Feier begann mit der Absingung des Chorals: 
„Allein Gott in der Höh^", worauf Pfarrer Liese 
die Weiherede hielt. Athemlos folgte die nach 
Tausenden zählende Menge dem mit kräftiger 
Stimme gehaltenen schwungvollen Vortrag über die 
Worte, die eben von dem Munde der Sänger erschollen 
waren: „Allein Gott in der Höhe". Und als dann 
der ehrwürdige Herr seine Rede beendet hatte und 
die an hohen Masten, welche mit Wimpeln in den 
städtischen, hessischen, preußischen und den Reichs 
farben geschmückt waren, befestigte rothweiße Hülle 
niedersank, da erscholl ein Ruf der Ueberraschung 
in der umstehenden Menge. 
Auf einem stilvollen Sockel, welcher von rothem 
hessischen Sandstein von der Firma R. Holz 
apfel zu Eschwege ausgeführt ist, erhebt sich die 
in Lebensgröße dargestellte Figur eines liegenden
	        

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