Full text: Hessenland (7.1893)

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reinigen. Wollte nun der Beklagte leugnen, und 
konnte man ihn augenscheinlich überführen, so 
durfte ihn der Richter zum Eide nicht zulassen, 
da dieses wider Gott, Ehre und den Landfrieden 
sei. Konnte der Beklagte nicht augenscheinlich 
überführt werden, dann durfte er schwören. 
Berief sich der Angeklagte darauf, daß Alles in 
einer rechtmäßigen Fehde sich zugetragen habe, 
so hatte er nicht gegen den Landfrieden gesündigt, 
auch war er dem Kläger Schadenersatz schuldig. 
Der Beklagte wurde freigesprochen, wenn der 
Kläger ihm selbst die Fehde angekündigt hatte, 
denn dies bewies er mit des Klägers offenem 
versiegelten Briefe. Wenn die Fehde nicht land- 
wissig war, so mußte der Beklagte die Recht- 
mäßigkeit derselben beweisen. Die Fehde konnte 
nicht rechtmäßig sein, es sei denn, daß er mit 
dem Kläger zuvor das Recht versucht und dieser 
ihm solches geweigert hatte. Daher versteht es sich 
von selbst, daß der Beklagte dies vor allen Dingen 
außer Zweifel setzen mußte. Nebstdem mußte er 
auch dem Kläger Fehde und Bewahrung zubringen, 
d. i. beweisen, daß er dem Kläger die Fehde zu 
gehöriger Zeit, z. B. vierzehn Tage vorher, an 
gekündigt und solchergestalt seine Ehre gegen ihn 
bewahrt habe. Diesen Beweis brachte er mit sich 
selbst, mit demjenigen, der den Brief geschrieben 
hatte, mit dem Boten, der den Brief gebracht 
hatte, mit zwei unbescholtenen Zeugen, die dabei 
gewesen waren, als er dem Boten den Brief 
übergeben hatten Alle diese sollten jeder seine 
Aussage eidlich bestärken. Die Land- oder Friedells 
richter hatten die Macht, den ungehorsamen Theil 
aus sämmtlicher Herren Landen, d. i. aus bcnx 
Friedenszieler, zu verweisen. Alle Vierteljahre 
wurden die Friedensrichter durch besondere Deputirte 
revidirt, ob sie ihrem Amte fleißig und ordentlich 
llachkämen. 
E i g e n t h u m s g e r i ch t e. 
Hatte Jemand sein Gut unter dem Vorbehalt 
des Obereigenthums an einen fremdell Leibeigenen 
oder freien Manne zur Benutzllng Übergebell, so 
hatte der Eigenthümer die Gerichtsbarkeit über 
den Empfänger des Guts, jedoch llur in denjenigen 
Sachen, die das Gut und die zwischen dem Eigen 
thümer und Empfänger des Gutes bestehenden 
Verbindlichkeiten angingell. Wenn ein Leibeigener 
das Gut erhalten hatte, dann erstreckte sich des 
Herren Gerichtsbarkeit um des Verhältnisses der 
Leibeigenschaft willen weiter. Die zu einer 
Gerichtssitzung nothwendigen Schöppen durften 
nur ans der Zahl derjenigen Männer genommen 
werden, die gleichen Stalldes mit dem Empfänger 
des Gutes waren, gleiche Güter hatten und in 
gleicher Verbindlichkeit mit dem Herrn stauben, 
d. i. pares curiae. Wenn also ein Herr nicht 
so viel Güter weggeben konnte, um die nöthige 
Anzahl der „pares curiae" zu erhalten, so konnte 
er seine Gerichtsbarkeit in denjenigen Sachen, die 
einer rechtlichen Erkellntniß bedurften, nicht aus 
üben. War die streitige Sache so klar, daß keine 
Erkenntniß der Schöppen nöthig war, dann blieb 
ihm seine richterliche Erkenntniß unbeschränkt. 
Hatten die Besitzer der Güter Streit mlter sich, 
dann wurde das Richteramt vom Herrn derselben 
in eigener Person verwaltet. Lag hingegen der 
Herr mit einem der Besitzer tu Streit, dann 
konnte er nicht Richter und Kläger zu gleicher 
Zeit seill, er ließ in diesem Falle seine Richter 
stelle durch einen der pare8 curiae vertreten, der 
bei den adeligen Lehen der Mannrichter, Stadt 
halter, bei den Bauernlehen der Hochhubner 
genannt wurde. 
Der Gutsherr hatte nun ständig Jemanden 
nöthig, der nicht nur an seiner Stelle zuweilen 
das Gericht halten, sondern auch die Zinsen und 
Gebühren voll beit Gutsleuten eintreiben mußte. 
Diese bcibeit Punkte wurden dem Vogtmannell, 
villicus maior, ausgetragen. Dieser Beamte war 
nicht vornehmen Standes, sondern von gleichem 
Stande wie die Gutsleute, da kein Freigeborener 
mit leibeigenen Schöppen zu Gericht sitzen durfte. 
Allmälig aber fingen auch freie Leute an, dieses 
Amt gegen einen gewissen Theil der gutsherrlichell 
Einkünfte und zwar auf gewisse Zeit oder erblich 
zll übernehmen, oder sie pachteten es dem Guts 
herrn ab. Ein solches von einem Vogtmanne 
abgehaltenes Gericht wurde Vogtding, Vogtey, 
genannt und wurde jedes Jahr abgehalten." Bei 
ihm war ein verpflichteter Vogtgrebe, der auf 
Freiheit, Recht und Gerechtigkeit des Vogtlandes 
Acht geben, die Lehrsülle anzeigen, Bestallungen 
an die Hübner und Zinsleute thun und überhaupt 
alles wahren mußte, was das Beste des Gutsherr:: 
erforderte, daß die Hübner, lvelln Sterbefälle sich 
ereignen, ehedem das Lehen bei dieser Gelegenheit 
von neuem empfangen mußten, daß von rechts 
wegeil alle Vogtleute hierbei erscheinen mußte::, 
mithin dieses Gericht eine Art von ungebotenen 
Dingen vorstellt, daß die Schöppen für ihre Sitzung 
V2 Reichsthaler erhielten, und daß den Censisten 
vermöge eines besonderen Herkommens ebensoviel 
zur Ergötzlichkeit gegeben wird." 
Von Partikulargerichten, die aus den: Rechte 
der Oberherrschaft, ex iure imperii/, hergeleitet 
waren, waren nur so viele, wie der Landesherr 
ausdrücklich verordnete. Diese Gerichte wurden 
entweder über Sachen gewisser Personen oder 
über Sachen, einerlei welche Personen sie betrafen,
	        

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