Full text: Hessenland (7.1893)

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Sie sah nach der Uhr, und erschrak offenbar, 
daß es schon so spät sei. 
„Mir ist der Weg heute unglaublich kurz 
vorgekommen." 
„Dann müssen Sie angenehme Gedanken ge 
habt haben", sagte ich, die ruhigen Bewegungen 
beobachtend, mit welchen sie den Hut abnahm 
und sich auf die Bank setzte. 
Unsere Augen trafen sich einen kurzen Moment, 
und mir war es, als könne ich in dem dunklen 
Glanze der ihren schmerzvolle Wanderungen 
schauen, die ihre Seele durchlebt habe. 
„Sind Sie schon Wittwe," fragte ich, an 
meine Gedanken anknüpfend, „und haben Sie 
keine Familie?" 
„Ich bin ganz allein", antwortete sie mit 
einer leichten Bewegung ihrer weichen Stimme. 
Noch einmal sah sie mir mit ihren ernsten 
Augen prüfend in's Gesicht und dann fuhr sie 
zaghaft fort: „An dem Sterbebette meiner Mutter 
vermählte man mich, die Neunzehnjährige, mit 
Ernest Dupret. Er war ein alter, kränklicher 
Mann und ließ mich nach zwei Jahren allein." 
Sie hatte mit seltsamer hohler Stimme ge 
sprochen, als käme dieselbe aus einem Grabe, 
und über ihr Gesicht legte sich ein starrer Zug. 
„Und dann?" — fragte ich, als sie schwieg, 
und ihr Blick herunter über den Bodensee glitt, 
als wisse sie nicht recht, ob sie mehr sagen dürfe. 
„Und dann —, dann kam viel Ungemach 
über mich, Familienkonflikte, die dazu angethan 
waren, den Glauben an die Menschen zu ver 
nichten. Vielleicht war ich selbst nicht ohne 
Schuld dabei, aber so wie ich einmal denke, 
konnte ich nicht anders handeln. Es wäre sich 
wohl auch' gleich geblieben, ich stand zwischen 
zwei Familienparteien, — eine würde mich 
immerhin verurtheilt haben —; daß es gerade 
die meine sein mußte, war freilich bitter. 
„Und hatten Sie Niemanden, der Ihnen zur 
Seite stand?" fragte ich. 
„Anfänglich war es mein Bruder, der mir 
beistand, aber nachdem ich, um demüthigen 
Missren zu entgehen, auf die kleine Hinter 
lassenschaft verzichtet hatte, sagte er sich von mir 
los und überhäufte mich mit Vorwürfen." 
„Aber warum mußten Sie auf die Erbschaft 
verzichten?" 
„Das würde Ihnen auseinanderzusetzen zu 
weitläufig und uninteressant sein", entgegnete sie 
seufzend; „aber ich glaube, Sie würden meine 
Handlungsweise billigen, wenn Sie alles wüßten. 
Wo die Begriffe vom Recht auseinandergehen, 
hört das Verständniß auf." 
„Es hat übrigens alles seine zwei Seiten", 
nahm sie nach einer Weile gegenseitigen Schweigens 
das Gespräch wieder auf; „ich wurde durch mein 
Handeln zur Arbeit gezwungen, und die hat 
mir später über Manches hinweggeholfen." 
„Hatten Sie nicht Lust, sich wieder zu ver- 
heirathen ?" 
Sie senkte die Augen und sagte dann langsam, 
mehr zu sich selbst als zu mir; 
„Ich lernte vor fünf Jahren einen Mann 
kennen ..." 
„Der Sie liebte und Sie glücklich . . ." 
„Nein, nein, nicht das", wehrte sie mit der 
Hand, während sie mit ihren schlanken Fingern 
hastig eine blaue Erika zerpflückte, die auf ihrem 
Schooße lag, „nein, wir würden nicht glücklich 
geworden sein: Er bevorzugte sichtbar eine 
Andere — ein junges Mädchen —, mich kränkte 
das, nachdem er mir unzweideutige Beweise 
seiner Liebe gegeben hatte —, und so brachte 
uns das Leben auseinander." 
„Ist er verheirathet?" 
„Nein, die Partie mit der Andern zerschlug 
sich, er liebte sie doch wohl nicht, wie er mich 
geliebt hatte, — aber ich — ich konnte mich 
nicht überzeugen und nun —" 
„Und nun bereuen Sie, was Sie thaten?" 
„Bereuen? Nein; denn ich glaube nicht an 
seine Fähigkeit zu lieben —, aber —" 
„Aber Sie haben ihn nicht vergessen?" 
„Nein, und darüber ging die Jugend hin. 
Ich bin schwerfällig in Allem, im Lieben, im 
Vergeben, im Vergessen." 
Ich betrachtete Leoni Dupret, wie sie jetzt 
vor mir saß ; ein Sonnenstrahl glitt durch die 
Felsenspalte über ihr braunes Haar und legte 
sich, einem Goldreife gleich über den Scheitel, 
— ihr Gesicht trug ein Gemisch von schmerz 
licher Sehnsucht und starrem Trotze. 
Mich zog es sympathisch zu der Frau, die 
nichts auf dieser Welt ihr Eigen nannte als die 
Arbeit und das schwerfällige Festhalten an ein 
mal Empfundenem. — Wir waren verwandte 
Naturen, auch ich konnte, — zäh wie ich war —, 
in fünfzehn Jahren die Frau nicht vergessen, 
die ich ein spärliches Jahr geliebt und besessen 
hatte. Ich sagte ihr das —, und während ich 
zu ihr sprach, und mein kurzes Lebensglück und 
meinen langen Schmerz vor ihr entrollte, sah 
sie mich mit thränenfeuchten Augen an. Ihre 
Züge gaben jeden Eindruck wieder, und als ich 
geendet hatte und zu ihr nieder sah, erschien sie 
mir durchgeistigt und seltsam schön, und ich be 
griff nicht, wie ich zehn Tage täglich mit dieser 
Frau verkehren konnte, ohne das zu bemerken. 
Sie erhob sich und reichte mir ihre Hand. Wir 
wußten, daß wir uns näher getreten waren, ja, 
daß wir uns, ohne es auszusprechen, Freunde 
bleiben wollten in der Welt.
	        

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