Full text: Hessenland (7.1893)

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Sporteln bezahlt werden mußten. Dieser Kauf 
schilling war folgendermaßen festgesetzt. Dem 
Richter und dem Bürgermeister wurde je ein 
Schilling, dem Schöppen sowie dem Schreiber und 
Knecht je ein Albus gegeben. Fremde mußten 
für Verwaltung der Justiz mehr entrichten als 
die Einheimischen. 
Der Vortheil nun, den die Käufer der Gerichte 
hatten, bestand in einer beschleunigten Rechtshülfe, 
iustitia inckilata, dergestalt, daß sie die ordentlichen 
Gerichtstage, deren nur sehr wenige im Jahr 
waren, nicht abzuwarten brauchten, sondern ihre 
Angelegenheiten auf das Schleunigste und zwar 
binnen einer bestimmten, durch das Gesetz vor 
geschriebenen Frist entschieden sahen. Diese Frist 
war, wie aus einer Urkunde vom Jahre 1384 
ersichtlich ist, gewöhnlich ein Tag, „Ouch sal nian 
den gesten richten von eyner Sonnen zou der 
andern". Der Spruch mußte gleich erfolgen, so 
daß die Sache binnen 24 Stunden abgethan war. 
Die Vollstreckung des Urtheils fand ain Tage 
nach Verkündung desselben statt, „vnd waz en 
gerichtit Wirt des sal man en helsin des nessen 
tages darnach, als ez gerichtet ist". Gemäß dieser 
Bestimmungen konnte ein Fremder in Kassel 
wenigstens in Zeit von drei Tagen sein Recht 
ausführen, einen rechtskräftigen Spruch erlangen 
und denselben vollzogen sehen. In dem im Jahre 
1395 vom Landgraf Hermann mit benachbarten 
Fürsten geschlossenem Landfrieden war bestimmt, 
daß in Sachen der Kaufleute ein Gericht zu 
derselben Stunde gehalten werden sollte, wenn sie 
darüber Klage erheben würden, daß der Landfriede 
an ihnen gebrochen worden sei. 
Gewann ein Fremder seinen Prozeß, so mußten 
ihn: die ausgelegten Prozeßkosten vom Gegner 
zurückerstattet werden, sowie diejenigen Kosten, die 
der Fremde während der Klagezeit aus seine 
Zehrung verwendet hatte. 
Das Gastgericht fand in Hessen nur wegen 
Schulden statt, wie aus einer der Kassel'schen 
Statuten vom Jahre 1444 ersichtlich ist, in der 
es heißt: „Aber eym Gaste der Clagete vmb 
schulde, Dem sal man helffen mit Gerichte bynnen 
dreien tagen." 
Allmälig aber, als die ordentlichen Gerichte 
steißiger gehalten wurden, hörten die Gastgerichte 
auf zu bestehen. 
Die Friedensgerichte. 
Die Friedensgerichte, „iuckicia pacis“, die wir 
in Hessen vom XII. bis in's XV. Jahrhundert 
finden, gründeten sich auf einen zwischen benachbarten 
Fürsten und Ständen geschlossenen Landfrieden. 
Es gab zweierlei Arten von Friedensgerichten, die 
aber beide den gleichen Zweck verfolgten und 
dieselbe Verfassung hatten. Diejenigen, denen die 
Handhabung eines kaiserlichen Landfriedens an 
vertraut war, wurden theils vom Kaiser selbst, 
theils in seinem Namen von den Ständen bestellt, 
es waren dies die kaiserlichen Friedensgerichte. 
Schlossen verschiedene Stünde unter einander 
Landfrieden, dann setzten sie aus eigener Macht 
ein Friedensgericht ein, dies waren die ständischen 
Friedensgerichte. Verwaltet wurde ein solches 
Gericht von Richtern, die vom Adel sein mußten, 
iuckicss oder executores pacis, deren gewöhnlich 
sechs waren. So oft es nöthig war, konnte jeder 
Richter für sich, ohne Beihülfe der übrigen, Gericht 
halten. Kamen aber sehr schwere Sachen vor, 
war z. B. eine Kirche verbrannt worden und der 
Schaden ließ sich nicht leicht bestimmen, dann 
kam die Sache vor sämmtliche Richter, die zu 
solchen Sitzungen zu gewissen Zeiten in Hofgeismar 
zusammen kamen, aber auch befugt waren die 
Sitzungen an einem anderen Orte abzuhalten. 
Bei Verhinderung eines Landrichters, in Person 
Gericht zu halten, konnte er jemanden, der von 
Adel war, als seinen Stellvertreter nehmen. Dieser 
mußte einen Eid leisten, daß er richtig richten 
wolle. Dein Richter lag die Verpflichtung ob, 
auf die bestellten Parteien bis 1 Uhr Mittags 
an dem zur Sitzung bestimmten Tage zu warten, 
wie umgekehrt auch die Parteien verpflichtet waren, 
auf den Richter bis zu genannter Stunde zu 
warten. 
Grafen und Freiherrn, die eigene Schlösser, 
Land und Leute hatten, mußten auch der Vor 
ladung folgen, sie waren aber ausnahmsweise 
vom persönlichen Erscheinen entbunden, es genügte, 
wenn sie einen adeligen Mann zu ihrer Vertretung 
schickten. Wurde eine Stadt verklagt, dann durften 
aus ihr nur sechs Bürger geladen werden, konnten 
diese nicht kommen, dann mußte der Richter sich 
mit deni Erscheinen des Bürgermeisters und zweier 
Schöppen fraglicher Stadt zufrieden stellen. 
Was nun das gerichtliche Verfahren selbst 
anlangt, so mußten den Adeligen vor der Ladung 
erst-Mahnbriefe zugesandt werden, bei den Leuten 
geringeren Standes hingegen, — „Fuß-Reuter, Fuß- 
Rauber oder Struder" genannt, — solche Leute, die 
sich in den Büschen versteckten und die Reisenden 
überfielen —, bedurfte es eines Mahnbriefes nicht, 
sondern sie wurden ohne Mahnung vorgeladen. 
Wenn nun die Sache mit Klage und Antwort 
verhandelt worden war, dann wurde zur Beweis 
erhebung geschritten. Der Kläger mußte beweisen, 
daß er geschädigt worden war, konnte er keine 
Beweise hierfür bringen oder wollte er sie nicht 
bringen, dann mußte der Angeklagte sich eidlich
	        

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