Full text: Hessenland (7.1893)

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Bruders zu mäßigen, indem sie sein Gefühl in 
ganzer Innigkeit erwiderte. 
Demgemäß gestaltete sich denn auch der Ab 
schied, den der Offizier von den Seinigen nahm. 
Der Mutter segnende Hände zog er stürmisch 
an seine Lippen, während er sich aus Elisabeth's 
Armen kaum los zu reißen vermochte. Wieder 
und wieder sagte die schwesterliche Freundin ihm 
Lebewohl, jedoch nur zagend, wie von banger 
Ahnung zurückgedrängt, fügte sie „Auf frohes 
Wiedersehen!" hinzu. — 
Herr von Loßberg und Tankmar wollten dem 
Scheidenden noch eine Strecke das Geleit geben, sie 
mahnten zum Aufbruch, und mit einem „Behüt' 
Euch Gott!" folgte Eckebrecht dem Rufe zur 
Pflicht. 
Im Vorübergehen preßte er noch einmal der 
harrenden Agnese Hand, ihr galt auch sein letzter 
Blick, dann schritt er dahin, ohne sich umzusehen, 
seine beiden Begleiter um Kopfeslänge überragend, 
(Fortsetzung folgt.) 
Der Baumstumpf. 
Es stand im Bergwald oben 
Einmal ein schöner Baum, 
Von dichtem Laub umwoben, 
Hob er sich frei im Himmelsraum. 
Da kaut in satten Tagen 
Des Waldes Herrn zu Sinn, 
Den schönen Baum zu schlagen; 
Jn's Mark getroffen sank er hiir. 
Als nun die Frühlingslüfte 
Die Blumen küßten wach, 
Und durch die Felsenklüfte 
Mit frohem Rauschen sprang der Bach, 
Da regte auch im Grunde 
Von dem gefällten Baum 
Sich einmal noch die Kunde: 
Erwach', erwach' vom Wintertraum. 
Doch weil in grünen Zweigen 
Er seine Lebenskraft 
Nicht länger konnte zeigen, 
Verrann in Thränen still seilt Saft. 
Und als di.e Somnierliude 
Ihr sahlgeword'nes Laub 
Preisgab dem Spiel der Wiitde, 
Da floß sein Blut noch in den Staub. — 
Ich sah die Tropfen quellen, 
Als ich vorüber kam, 
Und stürmisch fühlf ich schwelleil 
Mein Herz von Mitleid und von Gram. 
Muß ich seit langen Tagen 
Doch auch in tiefster Brust 
Als kahlen Baumstumpf tragen, 
Was einst war meines Lebens Lust, 
Und weckt ein leis' Erinnern 
An das, was einst mir lieb, 
Doch immer noch im Innern 
Des jäh gefüllten Baumes Trieb. 
Man sagt, daß jede Wunde 
Sich schließe mit der Zeit, 
Daß auf dem Erdenrunde 
Vergänglich sei so Freud' wie Leid. 
Ich hab' es oft vernommen, 
Eins aber weiß ich doch: 
Weitn einst mein Herbst wird kommen. 
Der eine Baumstumpf blutet noch. 
A. Weidenmüsscr. 
Aus Aeimath und Fremde. 
Am 14. Oktober waren es sechzig Jahre, 
daß der Gymnasialoberlehrer a. D. Pfarrer Georg 
Theodor D i t h m a r zu Marburg als Rektor 
der Stadtschule zu Homberg in den Schuldienst 
getreten ist. Nachdem er einige Zeit, vom Herbst 
1836 bis 1837 , als Lehrer an dem Gymnasium 
zu Fulda thätig gewesen, wirkte er ununterbrochen 
vom Mai des letztgenannten Jahres bis zum 
1. Oktober 1875 als Lehrer des Gymnasiums zu 
Marburg. Wir bringen dem von uns hochverehrten 
Herrn, dem verdienstreichen Schulmanne, dem gemüth- 
vollen Dichter und trefflichen Historiker, dem treuen 
Freunde und Gönner unserer Zeitschrift „Hessen 
land" zu seinem diamantenen Jubiläum unseren 
herzlichsten Glückwunsch dar. Möge es ihm noch 
recht lange vergönnt sein, bei gleicher geistiger 
Frische uub körperlicher Rüstigkeit zu schaffen uub 
zu wirken, wie bisher. 
Wir freuen uns, berichten zu können, daß in 
kürzester Frist die Gedichte unseres hochgeschätzten 
Mitarbeiters Dr. D. Saul im Verlage der
	        

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