Full text: Hessenland (7.1893)

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sie ein halblautes Zwiegespräch, untermischt 
mit jammervollem Schluchzen. Gleich darauf 
traten zwei Gestalten in ihren Gesichtskreis, 
die blonde Hausmagd Jlsabe an der Seite ihres 
Bräutiggms, des Grenadiers „Christian". Das 
Mädchen gab dem Scheidenden noch eine Strecke 
das Geleite, dann kam sie zurück, den Kopf mit 
der blauleinenen Schürze verhüllt. 
Fräulein von Loßberg schloß das Fenster, sehn 
süchtig hatte sie auf Eckebrecht von Münikerode 
gewartet, gehörte doch auch er zu den Offizieren, 
welche freiwillig die ihnen unterstellten Mann 
schaften begleiteten. Vielleicht ward sich das vom 
Kinde zur Jungfrau heranreifende Mädchen erst 
zur Stunde über die eigentlichen Gefühle seines 
Herzens klar, gewiß ist, daß es dieselben 
um keinen Preis fremden Augen offenbaren 
wollte. Der laut kundige Schmerz der Dienst 
magd wirkte auf die junge Herrin als Gegen 
mittel ; lag doch eine stolze Herbheit ohne 
hin in Agnesens Benehmen. Sie war groß auf 
geschossen, aber noch ohne das ausgleichende 
Ebenmaß späterer Jahre, alle ihre Bewegungen 
vollzogen sich noch mit der ungelenken Heftigkeit 
halberwachsener Menschen. Der häufige Tadel, 
den sie sich durch die Eckigkeit ihrer Gliedmaßen 
sowohl wie ihrer Ausdrucksweise zuzog, ließ sie 
" äußerlich'kühl , kränkte aber ihre Seele, die in 
übertriebener Wahrheitsliebe die liebenswürdige 
äußerliche Form verachtete. Zwischen Nichte und 
Onkel bestand das gute kameradschaftliche Ver 
hältniß von ehedem fort, die weicheren Gefühle 
ihres Herzens bewachte Agnese streng, selbige unter 
rauher Schale verbergend. 
Als Eckebrecht von Münikerode kurz darauf 
den Hausflur betrat, stand Agnese in vollkommen 
ruhiger Haltung vor ihm, nur ihre Stimme 
zitterte ein wenig, als sie bat: „Onkel Eckebrecht, 
schenke mir ein paar Minuten Deiner kostbaren 
Zeit, bevor Du in den Familienrath trittst, wo 
sie sicher ein ganzes Bündel guter Lehren für 
Dich bereit halten." 
Er sah sie mit feuchtem Glanze in den Augen 
an, aus denen die verhaltene innere Erregung 
sprach. „Na! mein guter Kamerad," sagte er, 
mit der ihu beherrschenden Rührung kämpfend, 
„so schieße nur los, viel Zeit habe ich in der 
That nicht zu verlieren. Von Dir ertrage ich, 
wie Du wohl weißt, noch am geduldigsten eine 
Ermahnung, diesmal muß sie für lange vorhalten." 
„Nein!" erwiderte sie mit lächelndem Antlitz, 
ihre aufsteigenden Thränen niederwürgend: „Ich 
habe es aufgegeben, aus Dir einen soliden Menschen 
zu erziehen. Darum sorge ich lieber dafür, 
daß Du einmal unbeschadet eine kleine Extra 
vaganz begehen kannst. Muß denn dann und 
wann einer Flasche der Hals gebrochen werden, 
so leere sie auf mein Wohl, vielleicht beschützt 
Dich das wie ein Talisman." 
Während sie sprach, hielt sie ihre schmale Rechte 
fest um eine seidene Börse geschlossen, durch deren 
Maschen es goldig funkelte. 
„Bitte, rede nicht davon", sagte sie erröthend, 
das gewichtige Beutelchen in seine Hand legend. 
„Dies Geld ist mein unbestreitbares Eigenthum, 
aber ich mag nicht, wenn Jedweder mein Thun 
und Lassen meistert." 
Es muß zu Eckebrecht's Ehre gesagt werden, 
daß in diesem Augenblicke das Gefühl dankbarer 
Empfindung der Liebe, welche die Gabe bot, die 
Freude an deren nicht unbeträchtlichem Werthe 
überbot. Der stattlich herangewachsene junge Offizier 
umschloß die Gestalt des schmächtigen Mädchens 
mit beiden Armen, beugte das Haupt zu ihr 
nieder und küßte sie auf den Mund. Agnese 
ließ es geschehen ohne eine Bewegung der Abwehr 
oder der Erwiderung. Es schauerte durch ihren 
Körper wie die Vorahnung großen Glückes. 
Zwei schwere Tropfen lösten sich von ihren 
Wimpern und rannen langsam, ungetrocknet die 
Wangen herab. 
„Weine nicht", sagte er, ihr wie in den Kinder 
tagen den Namen „kleine Braut" gebend. „Wir 
bleiben mit einander verbunden wie die Maschen 
dieses Strickwerks, welches Deine lieben Hände 
für mich webten. Sollte aber ein großer Riß 
das Zusammengehörige trennen und ich nimmer 
zurückkehren, dann, Agnese, weihe meinem Andenken 
wiederum ein paar Thränen." 
Frau von Münikerode und Tankmar waren 
nach Kassel gekommen, unt dort von dem Sohne 
und Bruder Abschied zu nehmen. Die Baronin 
war eine treue, liebevolle Mutter, die ihre Kinder 
auf betendem Herzen trug, aber sie hatte stets die 
Bürde eines großen Haushaltes und die Sorge 
um die standesgemäße Erziehung ihrer Söhne 
allein getragen. Dieser ihr Jüngster, der sich 
augenblicklichen Einwirkungen widerstandlos hin 
gab, konnte nur durch ernste Strenge geleitet 
werden, und schon früh hatte sie ihn männlicher 
Zucht anvertrauen müssen. Der Respekt, welcher 
im Verkehr zwischen Eltern und Kindern zu 
jener Zeit als selbstverständlich beobachtet ward, 
trat ganz besonders in dem Verhältniß Eckebrecht's 
zu seiner Mutter zu Tage. Dem Familienoberhaupte 
zeigte er sich in Ehrfurcht unterthänig. Der 
Schwester dagegen wandte er die überquellende 
Liebe seines Herzens zu, ihrem milden Einfluß 
gelang es, das sanguinische.Temperament des
	        

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