Full text: Hessenland (7.1893)

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In ersterem wurde er gleich nach seinem Eintritt 
zum Schriftführer gewählt, und diesem beschwer 
lichen Amt hat er seit 25 Jahren so muster 
haft und hingebend vorgestanden, daß man ge 
sonnen war, ihn zu diesem Jubiläum beim Wieder 
zusammentritt des Kommunallandtages mit einem 
Ehrengeschenke zu erfreuen; auch war ihm die Er 
nennung zum Geh. Regierungsrath bei dieser 
Gelegenheit zugedacht. Ferner war der Dahin 
geschiedene Mitglied des früheren ständischen Ver 
waltungsausschusses und seit dem Jahre 1886 
des ständischen Landesansschusses, Kreisdeputirter, 
Kreisausschnß- und Kreistagsmitglied, Mitbegrün 
der und Mitglied des Vorstandes des „Hessischen 
Städtetages", Mitbegründer und Vorsitzender des 
„Sparkassenverbandes für den Regierungsbezirk 
Kassel", Mitglied des Bezirksausschusses für den 
Regierungsbezirk Kassel, seit dem Jahr 1883 
Direktor des ständischen Leihhauses in Fulda rc. 
Und mit welcher Umsicht und welchem Geschick er 
alle diese Aemter versah, brauche ich darüber ein 
Wort zu verlieren? Wurde ihm doch in An 
erkennung seiner verdienstvollen Leistungell von 
Sr. Majestät dem König der Rothe Adlerorden 
4. Klasse verliehen, und ist man doch einstimmig 
in dem Lobe seiner erfolgreichen Thätigkeit. 
(Schluß folgt.) 
Ohm und Onkel. 
Erzählung von C. von Dincklage-Campe. 
(Fortsetzung.) 
Es giebt einzelne Tage, ja Stunden im 
Menschenleben, wo sich eine besondere Wand 
lung vollzieht. Für Tankmar war eilt solcher 
Zeitpunkt eingetreten, wo er plötzlich alles Knaben 
hafte von sich that, sich als Mann fühlend. Er 
schien größer und aufrechter im Gaitg, als er 
andern Morgens den Friedrichsplatz überschritt, 
um sich zu dem Rendezvous in der Galerie 
rechtzeitig einzustellen. Schon auf der Bellevue 
straße traf er mit Herrn von Buttlar und Fräulein 
von Wilden zusammen, von Beiden zuvorkommend 
begrüßt. — 
Der junge Baron sah heute zum ersten 
Male eine solche Sammlung, doch kannte er die 
Maler und ihre Richtung zum Theil aus Büchern 
und wußte solche Kenntniß in sachgemäßen Fragen 
kund zu thun. Wie eine Offenbarung wirkten 
diese herrlichen Kunstwerke auf Tankmar. Er 
folgte mit gespannter Aufmerksamkeit den Er 
läuterungen des Kammerherrn und würde die 
lebende Schönheit ihm zur Seite fast unbeachtet 
gelassen haben, hätte sie selbst sich nicht bemerkbar 
zu machen gewußt. 
Aurora richtete ihre Fragen gern an den Herrn 
von Münikerode, und er übertrug ihr gewissenhaft 
die junge Weisheit des heutigen Tages. Herr 
von Buttlar freute sich des offenen Verständnisses 
seines Kunstjüngers und sprach dies ihm gegen 
über anerkennend aus. 
In gehobener Stimmung kehrte Tankmar heim; 
Elisabeth hatte Recht, es gab auch für ihn noch 
einen Weg, den bevorzugten Menschen zu gefallen 
und sich ihnen an die Seite zu stellen, er wollte 
ihn mit ganzem Eifer betreten, indem er die 
Fähigkeiten seines Geistes auszubilden strebte. — 
II. 
Ein ungewöhnlich lebhaftes Treiben entfaltete 
sich am Morgen des 15. Februar 1776 aus den 
Straßen und Plätzen der Residenzstadt Kassel, 
deren vornehme Ruhe sonst sprichwörtlich geworden 
war. Doch schien es keine freudige Erregung, 
welche einen großen Theil der Bürger, ja nicht 
minder die Vertreterrinnen des weiblichen Ge 
schlechtes trotz des ab und zu eintretenden leichten 
Schneegestöbers aus dem sichern Schutz ihrer Häuser 
hinaus trieb in's Freie. Man vernahm viel Klagen 
und Schluchzen, manchen Fluch und bedrohliche 
Worte. Die solche im Vorüberhasten auffingen, 
waren entweder derselben Meinung, oder sie thaten, 
als ob sie nichts gehört hätten. 
Es war der Morgen, an welchem die zu 
Englands Unterstützung im amerikanischen Kriege 
bestimmten Truppen von der Heimath schieden, 
und wahrlich für manche unter ihnen mochte der 
Abschied ein hartes Angehen sein. 
An einem geöffneten Fenster des oberen Ge 
schosses ihres elterlichen Hauses stand Agnese von 
Loßberg. Sie achtete nicht des Windes, der ihr 
Haar zerzauste und dem zarten Inkarnat ihrer 
Wangen eine bläuliche Färbung verlieh. Un 
verwandt behielt sie die Königsstrahe im Auge, 
deren Verlängerung gleich hinter dem Königsplatze 
zu den Kasernen führte. Einmal ließ sie ein 
männlicher Tritt aufhorchen, der an der Ein 
gangsthür Halt machte. Deutlich vernahm
	        

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