Full text: Hessenland (7.1893)

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Dieser Einrichtung ungeachtet blieben aber Statt 
halter, Kanzler und Räthe sowohl zu Marburg 
als zu Kassel das Justizkollegium. Präsidirte 
kein Landgraf persönlich zu Marburg, dann bildeten 
die Räthe kein geheimes Ministerium, sondern 
nur einen Gerichtshof. 
Auch wurde das Amt des Vizekanzlers, der in 
(Schluß 
Abwesenheit des Kanzlers dessen Stelle vertreten 
mußte, eingerichtet. 
Diese soeben geschilderte Verfassmlg ist geblieben 
bis um die Mitte des XVII. Jahrhunderts. Hier 
wurde erst in der Kanzelei-Ordnung vom 20. März 
1656 ein Unterschied zwischen dem Kollegium des 
Geheimen Raths und dem Justizkollegium gemacht, 
folgt.» 
Vas frühere Kurhessen. 
Kein Geringerer ist es, als der Reichsgerichtsrath 
a. D. Dr. Otto Bähr, der frühere Reichtstags- 
abgeordnete für Kassel, der berühmte hessische Jurist, 
ein Hauptvertreter der nationalliberalen Richtung, 
der in Nr. 36 der „Grenzboten" vom 3/1. August 
eine Kritik der H. von Sybel'scheu Abhandlung 
über Hans Daniel Hassenpflug veröffentlicht hat, 
die um so größere Beachtung verdient, als sie von 
einem Manne ausgeht, der, vollständig mit den in 
Betracht kommenden Verhältnissen vertraut, wie kein 
anderer berufen war, hier ein kompetentes Urtheil 
abzugeben. Otto Bähr hat lebhaft theilgenommen 
an den Streitigkeiten, die zwischen dem hessischen 
Volk und Hassenpflug bestanden, er war ein persön 
licher Gegner des letzteren, um so mehr verdient 
die Objektivität anerkannt zu werden, welche in seiner 
Kritik vorherrschend ist. Bei dem großen Interesse, 
welches dieselbe gewährt, halten wir es für angezeigt, 
sie wenigstens im Auszuge hier wiederzugeben. Sie 
beginnt wie folgt: 
„Ueber manche geschichtlichen Ereignisse oder Zu 
stände bilden sich die Legenden, die überall wieder 
kehren. Wenn solche Legenden die große Menge 
beherrschen, so muß man sich damit trösten, daß die 
große Menge eben unzurechnungsfähig ist. Ausfälliger 
und schmerzlicher ist es, wenn man auch bei Ge 
schichtsforschern Aeußerungen begegnet, die bezeugen, 
daß auch sie unter der Herrschaft solcher Anschauungen 
stehen. 
„Gegenstand einer solchen Legendenbildung sind 
namentlich die Zustände des frühern Kurhessens. 
Vor Kurzem hat unser allverehrter Geschichtsmeister 
Heinrich von Sybel in der von ihm herausgegebenen 
historischen Zeitschrift einen Aussatz unter dem Titel 
„Hans Daniel Hassenpflug" veröffentlicht. In der 
Lebensbeschreibung dieses Mannes (er hieß „Hans 
Daniel Ludwig Friedrich", und „Ludwig" warsein 
Rufname) ist zugleich ein Stück kurhessischer Geschichte 
enthalten. Sybelwarin den Jahren 1845 bis 1856 
Professor in Marburg, hat damals auch zeitweise 
dem hessischen Landtage angehört. Er hat also 
während dieser Zeit bcn hessischen Verhältnissen 
nahe gestanden. Seine Schilderung bezieht sich nun 
auch vorzugsweise auf diese Zeit, in der ja Hassen 
pflug, der damals (1850 bis 1855) zum zweiten 
Male hessischer Minister war, eine für ganz Deutschland 
verhängnisvolle Rolle gespielt hat. Gegen die 
Schilderung dieser Zeit, für die ihm noch weitere 
bis dahin unbekannte Quellen zu Gebote gestanden 
haben mögen, läßt sich auch kein Einwand erheben. 
Nun ist aber Hassenpflug auch schon früher einmal, 
während der Jahre 1832 bis 1837, hessischer 
Minister gewesen. Um also seinen Helden in das 
richtige Licht zu setzen, glaubt Sybel auch aus diese 
erste Ministerzeit Hassenpflug's einen Blick Wersen 
zu müssen. Er schildert sie mit folgenden Worten: 
,So begann Hassenpflug's fünfjährige erste Ver 
waltung, die man als ein unausgesetztes und all 
seitiges Streben bezeichnen muß, jede Selbständigkeit 
des Landtags mtb der Gemeinden, der Beamten 
und der Bürger mit allen Mitteln des Rechts und 
der Rechtsverletzung, der Korruption und der 
brutalen Gewalt zu biegen oder zu brechen? Diese 
Darstellung gibt kein richtiges Bild von der da 
maligen Wirksamkeit Hassenpflug's. Wie schwer man 
auch die Thätigkeit dieses Mannes während seines 
zweiten Ministeriums, insbesondere den damals 
von ihm verübten Verfassungsnmstnrz, verurtheilen 
mag, so gebietet es doch schon die geschichtliche 
Gerechtigkeit, anzuerkennen, was er während seines 
ersten Ministeriums dem hessischen Lande Gutes 
gebracht hat. Jene Worte geben aber auch ein 
durchaus unrichtiges Bild von den damaligen Zu 
ständen in Knrhessen. Ich selbst habe diese Zeit 
von meinem fünfzehnten bis zu meinem zwanzigsten 
Jahre durchlebt und weiß mich ihrer im Allgemeinen 
noch sehr wohl zn erinnern. Ich bin auch im 
Stande, diese Erinnerung noch durch viele Einzel 
heiten zu ergänzen." 
Der Verfasser giebt hiernach einen Ueberblick über 
das Regierungssystem in Hessen nach Einführung 
der Verfassung von 1830, bestätigt, daß der Grund-
	        

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