Full text: Hessenland (7.1893)

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Bruder Heinrich hingewiesen halte, und die ihm 
später bei seiner Wissenschaft vortrefflich zu statten 
kamen. Fick's eigentliche wissenschaftliche Heimstätte 
ist die Universität Marburg, wo er am 27. August 
1851 nach glänzend bestandenem Fakultätsexamen 
in Marburg auf Grund seiner Dissertation „de errore 
optico quodam asymetria bulbi oculi effecto“ 
zum Doctor medicinae Promovirt wurde und hier 
nach noch eine Zeit lang als Prosektor an dem 
anatomischen Institut unter seinem Bruder, dem 
Professor Ludwig Fick, thätig war. Im Frühjahr 
1852 ging er in gleicher Eigenschaft nach Zürich, 
wohin im Jahre zuvor sein Bruder Heinrich als 
Professor der Rechtswissenschaft berufen worden war. 
Dort habilitirte er sich zugleich gls Privatdozent für 
Physiologie. 1856 wurde er zum außerordentlichen, 
1862 zum ordentlichen Professor der Physiologie er 
nannt. In Zürich verblieb er, bis er 1868 nach 
Würzburg berufen wurde, wo damals der Lehrstuhl 
für Physiologie durch das frühzeitige Hinscheiden 
von A. von Bezold frei geworden war. Fick's Arbeits 
feld ist die allgemeine Physiologie der Muskeln und 
Nerven und die allgemeine Sinnesphysiologie. 
Niedergelegt hat Fick die Ergebnisse seiner For- 
schungen vornehmlich in folgenden Schriften: 
„Beiträge zur Physiologie der irritablen Sub 
stanzen" , „Untersuchungen über elektrische Nerven- 
reizung" , „Untersuchungen über Muskelarbeit", 
„Spezielle Bewegungslehre", „Lehre von der Licht 
empfindung" , „Mechanische Arbeit und Wärmeent 
wickelung bei der Muslllthätigkeit", „Myothermische 
Fragen und Versuche". Ein besonderes Verdienst 
hat sich Fick um die systematische Bearbeitung der 
im ganzen wenig gepflegten medizinischen Physik 
erworben. Die Forschungen zur allgemeinen Physiologie 
leiteten Fick zu philosophischen Studien hin. Be 
kannt gegeben hat er auf diesem Felde Untersuchungen 
über Ursache und Wirkung und damit zusammen 
hängend über Wahrscheinlichkeit. Z. 
Nekrologe. 
Am 16. August verstarb, wie bereits gemeldet, 
in Marburg der Direktor der Jrrenheil-Anstalt, 
Geheimer Medizinalrath Dr. Heinrich Cramer, 
im Alter von 61 Jahren. 
Seit 1876 hat er der genannten Anstalt vor 
gestanden und auf die Gestaltung des Jrrenpflege- 
Wesens unserer Zeit einen großen und wohlthätigen 
Einfluß geübt. In den inneren Anstaltsdienst führte 
er eine Reihe von Verbesserungen ein und gehörte 
zu den ersten Psychiatern, welche die Zwangsmittel 
bei Geisteskranken abschafften. Dem Krankenhaus 
wesen hatte er ein besonders eindringliches Studium 
gewidmet, mehrere große Anstalten in der Schweiz 
und in Deutschland sind unter seiner speziellen Mit 
wirkung gebaut und speziell im Regierungsbezirk 
Kassel dürfte die frühe Fürsorge für ausreichenden 
Raum in den Irren-Anstalten zum großen Theil 
auf seine Initiative zurückzuführen sein. Die theo 
retische Psychatrie hat Cramer wesentlich gefördert 
durch Aufstellung einer neuen Theorie der Hallu 
cinationen. 
Die Persönlichkeit Cramer's war durchaus originell 
und von einem eigenartigen Zauber umflossen, 
dessen anziehende Wirkung wohl jeder verspürte, der 
mit ihm in Verkehr trat. Teilnehmendes Wohl 
wollen leuchtete aus seinen Augen jedem entgegen, 
der ihm mit einem Anliegen nahte. Sein Charakter 
ging auf in Selbstlosigkeit und Pflichttreue. Kant's 
kategorischen Imperativ: „Du kannst, denn Du 
sollst" führte er oft im Munde. Seit vielen Jahren 
hatte er sich keine Ausspannung gegönnt, und der Sonn 
tag fand ihn ebenso in der Anstalt vom Morgen 
bis zum Abend thätig wie der Werktag. Seine 
klinischen Vorträge waren meist von großer Wirkung, 
besonders auch, weil sie eine nicht gewöhnliche philo 
sophische Bildung offenbarten, welche die Lehren des 
Vortragenden in der anziehendsten Weise durchdrang. 
Cramer gehörte zu den zielbewußtesten Kranken 
hausärzten. Von Jugend auf an großen Anstalten 
thätig, hatte er die Nothwendigkeit der Vereinigung 
der ärztlichen und administrativen Leitung in der Hand 
des Arztes frühe erkannt. Dem Einführen geist 
licher Orden in die Krankenhauspflege leistete er, so 
viel an ihm lag, festen Widerstand. In beiden 
Punkten dürfte ihm jetzt die überwiegende Mehrheit 
der Irrenärzte zustimmen. 
Die tägliche Visite machte er mit der gespanntesten 
Aufmerksamkeit. Nicht die kleinste Unregelmäßigkeit 
entging seinem spähenden Blick. Speziell für Un 
sauberkeit war ihm kaum eine Rüge drastisch genug, 
und so schrieb er einst in der Schweiz bei Gelegen 
heit einer Schulinspektion, die er als hygienischer 
Berather mitmachte, mit dem Finger an eine blinde 
Fensterscheibe die Worte: Kolossale Schweinerei. 
Ein Schlaganfall machte Cramer's Leben ein rasches 
Ende. Achtzehn Jahre lang hat seine volle Thätig 
keit der ihm unterstellten Anstalt gehört. Das Streben 
so langer und mühevoller Jahre ist nicht vergeblich 
geblieben. Die Irrenanstalt Marburg ist eine Muster 
anstalt geworden im vollen Sinne des Wortes. A. 
In Philadelphia starb zu Anfang September 
der in der Gelehrtenwelt bekannte und geschätzte 
Professor der Pharmazie Maisch im Alter von 
62 Jahren. Als Jüngling hatte er an dem badischen 
Aufstand Theil genommen und deshalb die deutsche 
Heimath, — er war zu Hanau geboren —, ver 
lassen. Zuerst war er in New-Uork als Apotheker 
thätig, dann wirkte er als Schriftsteller und Profeflor 
im pharmazeutischen Kollege. 1863 richtete er das 
Armeelaboratorium in Philadelphia ein, das er bis 
zum Schluß des Krieges leitete. Dann setzte er 
seinen praktischen Beruf fort und lehrte zuletzt wieder
	        

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