Full text: Hessenland (7.1893)

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fass er der Spruch des alten Heiden Ovidius gelten: 
Ut desint vires, tarnen est laudanda voluntas. — 
Mächtig ergriffen von dieser Szene sprach der 
Gefeierte ungefähr folgende Worte: 
«Gern kehre ich in eine Stadt zurück, die durch 
ihren konstitutionellen Sinn bei jeder Gelegenheit 
sich so sehr ausgezeichnet hat. Redlich habe ich 
mich bestrebt, zu thun, was ich konnte; ich habe 
nicht gehört auf die Worte der Schmeichler und 
nicht auf die Stimme des Hasses und der Leiden 
schaft, unverrückt habe ich die Bahn verfolgt, die 
ich mir einmal vorgezeichnet hatte, und der Himmel 
hat mir die Kraft gegeben, wenigstens soweit vor 
zudringen. Nehmen Sie meinen herzlichsten, innig 
sten Dank für diese feierliche ehrenvolle Aufnahme, 
und seien Sie überzeugt, daß ich stets da stehen 
werde, wo nach meiner Ueberzeugung Wahrheit, 
Recht und Ehre liegen, die mir ewig heilig sein 
werden, komme es, wie es da wolle. Bleiben 
auch Sie immer dem Wege der Konstitution und 
des Gesetzes treu und hoffen Sie mit mir zu Gott, 
dem wir alle vertrauen müssen, daß noch alles 
gut gehen werde; der Himmel wird geben, daß die 
Zukunft immer besser sein werde; aber nur festes 
Halten an Ordnung und Gesetz kann dieses Bessere 
herbeiführen. Noch einmal, nehmen Sie meinen 
besten Dank für dieses schöne Wiedersehen!" 
Nach dieser Rede bestieg Jordan wieder den Wagen 
und der ganze Zug setzte sich langsam gegen die 
Stadt hin in Bewegung. Allgemeiner Jubel be 
gleitete denselben, und wenn dieser einen Moment 
schwieg, so erhob er sich in dem nächsten um so 
stürmischer. Besonders lebhaft brach er bei der An 
kunft auf dem Markte aus, und begleitete den Ge 
feierten bis zu seiner Wohnung. Dann kehrte der 
Zug der Bürger und der Jungfrauen auf den Markt 
zurück und ging hier auseinander. 
Während dessen war es Abend geworden, es 
tauchten bereits einzelne, bald mehrere Lichter auf, 
und mit vollem Eintritt der Dunkelheit strahlte die 
Stadt in einem Flammenmeere, wie es Marburg 
wohl noch bei keiner Illumination gesehen. Die 
Straßen hatten sich von Neuem belebt und in ihnen 
wogte eine freudig erregte Menge auf und ab. Gegen 
8 1 / 2 Uhr erschien Silvester Jordan selbst, am Arme 
seiner Gattin, begleitet von einigen Freunden und 
durchwandelte, gleichsam getragen von dem Jubel des 
Volkes, die hell erleuchteten Straßen. Er hielt hier 
und da einige Augenblicke, grüßte und küßte einige 
Bekannte, sprach denselben Worte des Dankes aus, 
und kehrte sodann, von einem beständigen Hoch! be 
gleitet, nach seiner Wohnung zurück. Zum Schlüsse 
des Tages wurde dem Gefeierten in der Mitter 
nachtsstunde von mehr als 50 Bürgersöhnen eine 
wahrhaft ergreifende Serenade gebracht. 
Am anderen Morgen erschien bei Silvester Jordan 
eine Deputation der Universität, bestehend aus den 
Professoren Platner und Nehm, um den Zurück 
gekehrten im Namen des akademischen Senats feier 
lich zu begrüßen. 
An den Feierlichkeiten zu Ehren Silvester Jordan's 
hatten sich auch die Marburger Studenten betheiligt. 
Unter ihnen befanden sich Friedrich Oetker und Franz 
Dingelstedt. Mit warmen Worten haben beide der 
Feier gedacht: Friedrich Oetker in seinen ^Lebens 
erinnerungen", Franz Dingelstedt in seinem bekannten 
herrlichen Gedichte „Ein Osterwort aus Kurhessen". 
Den Schluß von Marburgs feierlicher Woche 
bildete der 15. September, an welchem Tage vor 
zwei Jahren der Kurfürst Wilhelm II. die Gewährung 
einer Verfassung seinem hessischen Volk feierlich zu 
gesagt hatte. K. Z. 
Aus Heimath und Fremde. 
Am 25. September feierte der Fr eih er r Ern st 
Schenk zu Schweinsberg, Erbschenk in Hessen, 
Senior der freiherrlichen Familie Schenk zu Schweins 
berg, seinen neunzigsten Geburtstag. Geboren ist 
derselbe am 25. September 1803 zu Fulda als Sohn des 
damaligen fürstlich oranien-nassauischen Geh. Rathes, 
nachmaligen kurfürstlich hessischen Staatsministers 
Ferdinand Schenk zu Schweinsberg (f 29. Dezember 
1842). Da die hohe Familie des Jubilars durch 
den Tod eines seiner Söhne vor wenigen Wochen in 
tiefe Trauer versetzt ist, beschränkte sich die Feier des 
Tages nur auf den engsten Kreis, während ursprüng 
lich von verschiedenen Seiten größere Festlichkeiten 
geplant waren. Mögen dem Herrn Erbschenken, der 
überaus rüstig ist, noch recht viele Jahre beschieden 
sein. (O. Z.) 
In diesen Tagen feiert unser hessischer Lands 
mann, der Professor Dr. Adolf Fick sein fünf 
undzwanzigjähriges Jubiläum als ordentlicher Pro 
fessor der Physiologie an der Universität Würzburg. 
Gleich seinen Brüdern, dem am 31. Dezember 1858 
zu Marburg verstorbenen Professor der Anatomie 
Dr. Ludwig Fick, und dem Professor der^Rechts 
wissenschaft Dr. Heinrich Fick *) zählt er zu den her 
vorragendsten Gelehrten, die aus Hessen hervor 
gegangen sind. Professor Dr. Adolf Fick hat kürzlich 
sein 64. Lebensjahr vollendet, er ist am 3. September 
1829 zu Kassel als jüngster Sohn des um das 
Straßenbauwesen in Kurhessen hochverdienten Ober 
baurathes Friedrich Fick geboren. Nachdem er das 
Gymnasium seiner Vaterstadt absolvirt hatte, widmete 
er sich von Ostern 1847 ab in Marburg und 
Berlin dem Studium der Medizin, daneben be 
schäftigte er sich eifrig mit mathematischen und phy 
sikalischen Studien, auf die ihn schon frühzeitig sein 
*) S. „Hessenland", Jahrgang 1892, Nr. 15, S. 
198 fg.
	        

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